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Kubas Nationaler Verteidigungsrat ist zu einer seltenen Sitzung zusammengetreten – unter der Leitung von Raúl Castro persönlich. Hinter verschlossenen Türen berieten die Spitzen von Partei, Regierung und Militär offenbar über die sich zuspitzende Krise in Venezuela und die zunehmende Präsenz der US-Streitkräfte in der Karibik.
Es war kein gewöhnlicher Donnerstag in Havanna. Wenn Raúl Castro – 94 Jahre alt, offiziell längst im politischen Ruhestand – noch einmal persönlich an der Spitze des Nationalen Verteidigungsrats erscheint, dann ist etwas im Busch. Und zwar nichts, was mit tropischen Tiefdruckgebieten zu tun hätte. Während draußen die Hitze der Karibik drückte, tagte im Inneren der Macht das wohl sensibelste Gremium des Landes – und das unter strengem Verschluss.
Die offizielle Mitteilung war wie so oft kurz und vage: Man habe „Entscheidungen und Pläne der Arbeits- und Sicherungsorgane“ gebilligt. Punkt. Keine Details, keine Erklärungen. Doch wer zwischen den Zeilen liest, erkennt: Havanna bereitet sich auf etwas vor. Etwas, das größer ist als ein Sturm, größer als ein diplomatischer Streit. Alles deutet auf eine wachsende Nervosität über die Situation im benachbarten Venezuela hin – und über die Rolle, die die USA dabei spielen. Kuba und Venezuela sind seit Jahrzehnten politische Zwillinge, geboren aus der Ideologie der Revolution und des Antiimperialismus. Fidel Castro und Hugo Chávez hatten das Bündnis einst als Bollwerk gegen Washington geschmiedet, und bis heute lebt diese Allianz fort. Selbst in der wirtschaftlichen Agonie hält Havanna Caracas die Treue – mit Ärzten, Beratern und politischer Rückendeckung. Im Gegenzug fließt Erdöl aus Venezuela in kubanische Tanks, zuletzt wieder 52.000 Barrel pro Tag. Doch auf der anderen Seite des Karibischen Meeres rührt sich etwas. Donald Trump, wieder im Weißen Haus, hat bestätigt, dass er der CIA „verdeckte Operationen“ in Venezuela genehmigt hat. Ein Satz, der klingt wie eine beiläufige Bemerkung – und doch die Tür zu einer Eskalation öffnet. US-Kriegsschiffe, darunter ein Flugzeugträger und ein Atom-U-Boot, kreuzen vor der venezolanischen Küste. Offiziell geht es um den Kampf gegen Drogen. Inoffiziell weiß jeder, dass in Washington andere Motive zählen. Havanna sieht die Bedrohung kommen. Das Außenministerium warnt vor „realen und unmittelbaren Gefahren für Frieden und Stabilität“ in Lateinamerika. Die Sprache ist scharf, die Angst greifbar. Man beschuldigt US-Außenminister Marco Rubio und antikubanische Abgeordnete aus Florida, einen Krieg herbeizureden – „als wäre Lateinamerika ein Problem, das man mit einer Polizeirazzia lösen kann“. Natürlich geht es um Öl. In geopolitischen Konflikten geht es immer um Öl – und Venezuela hat davon mehr als jedes andere Land der Welt. Kuba unterstellt den USA, sich die gewaltigen Ressourcen des Nachbarn sichern zu wollen. Eine Vermutung, die nicht aus der Luft gegriffen ist: Laut New York Times soll Maduro Washington zu Jahresbeginn Zugang zu einem Teil der venezolanischen Erdölvorkommen angeboten haben – im Tausch gegen Ruhe. Die Antwort: Schweigen. Für Kuba hat die Krise eine doppelte Dimension. Zum einen ist da die wirtschaftliche Abhängigkeit von Caracas, die durch Sanktionen und die eigene Energieknappheit noch schwerer wiegt. Zum anderen die strategische Angst, wieder einmal zum Spielball fremder Mächte zu werden. Havanna weiß, dass ein Krieg gegen Venezuela auch das eigene Überleben gefährden würde – politisch, wirtschaftlich und symbolisch. Dass Raúl Castro selbst den Vorsitz des Verteidigungsrats übernahm, war mehr als eine protokollarische Geste. Es war ein Signal: In Momenten der Gefahr ruft Kuba seine alten Revolutionäre zurück. Die Generation, die einst der Schweinebucht und der Kuba-Krise trotzte, soll noch einmal den Geist der „belagerten Insel“ beschwören. Doch die Welt von 2025 ist nicht mehr die des Kalten Krieges – und doch ähnelt sie ihr auf beunruhigende Weise. Wieder stehen sich Kuba und die USA in einer geopolitischen Schachpartie gegenüber. Wieder geht es um Einflusszonen, Ideologien und Öl. Nur dass diesmal das Schachbrett die gesamte Karibik ist – und jeder Zug unberechenbare Folgen haben kann. Vielleicht war es also kein Zufall, dass der Verteidigungsrat gerade jetzt tagte. Vielleicht wollte Havanna zeigen, dass es noch immer bereit ist, seine Verbündeten zu verteidigen – notfalls auch symbolisch. Denn eines ist sicher: In der Karibik zieht ein Sturm auf, und Kuba weiß, wie man in Stürmen standhält.
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Oktober 2025
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