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10.07.2026 07:00 Uhr
Reformen ja, aber wirkungslos ohne Öl: Warum Kubas grösstes Wirtschaftspaket seit der Revolution am US-Embargo zu scheitern droht – eine Einschätzung von Lateinamerika-Experte Bert Hoffmann.
Havanna hat das ambitionierteste Reformprogramm seit dem Sieg der Revolution 1959 angekündigt. 176 Massnahmen sollen die kubanische Wirtschaft öffnen: mehr Spielraum für Privatunternehmer, ausländische Beteiligungen an kubanischen Firmen, ein liberalisierter Wohnungsmarkt, ein für Investoren attraktiverer Tourismussektor. Auf dem Papier liest sich das wie ein Befreiungsschlag für eine Wirtschaft, die seit Jahren im Krisenmodus steckt. Ob daraus tatsächlich etwas wird, hängt jedoch weniger von Havanna ab als von Washington.
Das jedenfalls ist die Einschätzung von Bert Hoffmann, Lateinamerika-Experte am Hamburger German Institute of Global and Area Studies (GIGA). Im Gespräch mit der Neuen Zürcher Zeitung ordnet er die Reformpläne als ernst gemeint ein – die Regierung stehe schlicht ohne Alternative da. Doch selbst die klügste Wirtschaftsreform verpuffe wirkungslos, solange der zentrale Engpass bestehen bleibe: Energie. In den vergangenen fünfeinhalb Monaten hat die US-Regierung nur einen einzigen Öltanker auf die Insel gelassen. Ohne Treibstoff und Strom seien alle Anreize zur Mehrproduktion wirkungslos – ein Bauer, der seine Ernte mangels Sprit nicht in die Stadt transportieren kann, profitiert von keiner noch so cleveren Marktöffnung. Ein Embargo mit tödlichen Folgen Besonders deutlich wird Hoffmann bei der Bewertung des US-Embargos. Die verschärften Sanktionen forderten Menschenleben, die vermeidbar wären – etwa weil Kranke nicht rechtzeitig ins Spital kämen oder weil grundlegende Medikamente und medizinischer Sauerstoff fehlten. Er spricht von einer Politik des maximalen Drucks, die vor allem die ärmsten Kubaner treffe, und nennt das einen Wirtschaftskrieg gegen die Zivilbevölkerung. Den in Teilen der Linken kursierenden Begriff "Genozid" hält er allerdings für eine unnötige Zuspitzung, die der Sache nicht diene. Zwei Fraktionen, ein Präsident Interessant ist Hoffmanns Blick auf die innenpolitische Gemengelage in Washington. Er macht zwei Lager aus, die um Trumps Kuba-Kurs ringen. Auf der einen Seite Aussenminister Marco Rubio, der die kubanischen Reformen öffentlich als "bescheiden und oberflächlich" abgetan hat. Für Hoffmann ist das keine seriöse Einschätzung, sondern eine Reaktion, die den Hardlinern im kubanischen Exil nach dem Mund redet. Diese Kräfte wollten nicht Reformen, sondern den Sturz des Regimes – inklusive der Auslieferung Raúl Castros an ein US-Gericht und der Rückgabe von Eigentumsrechten aus der Zeit vor 1959. Auf der anderen Seite steht Vizepräsident J.D. Vance, der einen deutlich pragmatischeren Ton angeschlagen und die Möglichkeit "viel besserer Beziehungen" in Aussicht gestellt habe, sollte Havanna kluge Entscheidungen treffen. Hinter dieser Position vermutet Hoffmann handfeste wirtschaftliche Interessen: Kreise in den USA, die unabhängig von der politischen Couleur der kubanischen Führung wieder Geschäfte machen wollen. Als Beispiel nennt er amerikanische Reisfarmer, die sich fragen, warum Kuba weiterhin vietnamesischen statt amerikanischen Reis importiert. Das Sherritt-Beispiel: Günstlingskapitalismus statt freier Markt Wie eine US-dominierte Öffnung Kubas konkret aussehen könnte, illustriert Hoffmann am Fall des kanadischen Bergbaukonzerns Sherritt International. Das Unternehmen betreibt seit über drei Jahrzehnten ein Joint Venture zur Nickelförderung auf der Insel und ist der grösste ausländische Einzelinvestor in Kuba. Als die Trump-Regierung Sanktionen gegen Sherritt verhängte, kündigte die Firma zunächst den Rückzug an – vollzog dann aber eine überraschende Kehrtwende. Der Grund: Das US-Unternehmen Gillon Capital hatte sich, offenbar mit stillschweigender Billigung der US-Regierung, eine Option auf den Mehrheitskauf des Kuba-Geschäfts von Sherritt gesichert. Gillon Capital gehört Ray Washburne, einem engen Vertrauten Donald Trumps. Für Hoffmann ist das ein Fallbeispiel dafür, was ein "Protektorat"-Modell für Kuba bedeuten könnte – ein Begriff, den er bewusst mit Bezug auf die Kolonialzeit wählt. Statt einer transparenten Marktwirtschaft erwartet er eher eine Form von Günstlingskapitalismus, bei dem Nähe zur Macht – sowohl in Havanna als auch in Washington – über wirtschaftlichen Erfolg entscheidet. Besonders im Immobiliensektor der Hauptstadt und im Tourismusgeschäft, etwa beim Ausbau von Jachthäfen an der Nordküste gegenüber Florida, sieht er lukratives Terrain für gut vernetzte Akteure. Militärische Optionen: unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen Trotz aller Verschärfungsrhetorik hält Hoffmann eine direkte militärische Intervention der USA für unwahrscheinlich. Sein Kernsatz zur Einschätzung der Lage bringt es auf den Punkt: Ein Einmarsch mit zehntausenden Soldaten, die anschliessend selbst noch den Verkehr in jeder kubanischen Provinzstadt regeln müssten, sei politisch kaum vorstellbar. Wahrscheinlicher seien anhaltende Drohgebärden und punktuelle Provokationen nach dem Muster der früheren Angriffe auf mutmassliche Drogenboote vor Venezuela. Auch eine "Enthauptung" des Regimes nach venezolanischem Muster – also die gezielte Ausschaltung von Staatschef Miguel Díaz-Canel oder Raúl Castro – funktioniere im kubanischen Kontext kaum. Den USA fehle, anders als in Venezuela mit Delcy Rodríguez, eine Figur innerhalb der kubanischen Machtelite, die im Ernstfall die Befehlskette im Sinne Washingtons übernehmen würde. Hoffmann erklärt sich das auch mit dem stärkeren Bedrohungsgefühl der kubanischen Elite: Anders als in Venezuela rechne in Kuba niemand damit, nach einem Machtwechsel selbst von der Macht zu profitieren – die Furcht vor persönlicher Vergeltung schweisse die Führungsriege eher zusammen. Warum die Strasse ruhig bleibt Trotz spürbarer wirtschaftlicher Not – Stromausfälle, fehlendes Trinkwasser, liegen gebliebener Müll – bleiben grössere Massenproteste in Kuba bislang aus. Hoffmann erklärt dies auch mit einem eigentümlichen psychologischen Effekt der US-Politik: Wenn Trump wiederholt einen baldigen Deal in Aussicht stellt, sinkt der Anreiz, jetzt unter persönlichem Risiko auf die Strasse zu gehen. Die amerikanische Unberechenbarkeit wirke so, paradox genug, demobilisierend auf die kubanische Bevölkerung. Eine klare Prognose, welches der beiden Lager – Rubio oder Vance – sich in Washington durchsetzen wird, wagt Hoffmann nicht. Zu unberechenbar sei ein Präsident, für den Unberechenbarkeit selbst ein Machtinstrument darstelle. Sicher sei nur: Solange sich Washington nicht entscheidet, trägt vor allem die kubanische Bevölkerung die Kosten des Stillstands.
Quelle: NZZ (https://t1p.de/d88dp)
Autor: Leon Latozke
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