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03.10.2026 08:00 Uhr
16.100 Mipymes, 448 Genossenschaften, über 385.000 Selbstständige: Havanna legt neue Daten zum Privatsektor vor. Allein in drei Monaten kamen demnach 3.600 Unternehmen hinzu.
Abbildung: Zu diesem Beitrag liegt kein Bildmaterial vor
In Kuba sind nach Regierungsangaben inzwischen rund 16.100 private Kleinst-, Klein- und Mittelunternehmen (Mipymes) tätig. Allein in den vergangenen drei Monaten seien mehr als 3.600 neue Betriebe genehmigt worden, sagte Premierminister Manuel Marrero am Freitag (2.) im Podcast „Desde la Presidencia“, den Staatschef Miguel Díaz-Canel moderiert. Hinzu kämen 448 nichtstaatliche Genossenschaften sowie mehr als 385.000 Selbstständige, auf Kuba Cuentapropistas genannt.
Die Zahlen gehören zu einer Zwischenbilanz des Reformprogramms aus 176 wirtschaftlichen und sozialen „Transformationen“. Die Nationalversammlung hatte es am 18. und 19. Juni verabschiedet. An der Sendung nahm auch Justizministerin Rosabel Gamón Verde teil. Wie weit das Programm tatsächlich fortgeschritten ist, lässt sich schwer sagen. Kubanische Staatsmedien sprechen von 158 ausgearbeiteten Umsetzungsplänen. Zuletzt war von 134 rechtlich abgesicherten Maßnahmen die Rede gewesen. Unabhängig überprüfen lassen sich weder diese Angaben noch die Gründungszahlen bei den Mipymes. Offizielle Lesart: kein Kurswechsel Nach Darstellung des Premiers können die privaten Betriebe nun ohne bürokratische Hürden wirtschaften und ihre Produktion ausweiten. Er bezeichnete das Programm als einen der tiefgreifendsten Umbauten des Wirtschafts- und Sozialmodells der vergangenen Jahre. Dahinter stehe eine politische Grundsatzentscheidung. Deutungen, Kuba vollziehe eine Wende zum Kapitalismus, wies Marrero zurück. Das sei „keineswegs“ der Fall. Ziel sei vielmehr ein Gleichgewicht mit der Sozialpolitik, ohne die Gründungsprinzipien der Revolution aufzugeben. Im Zentrum stehe weiterhin der Staatssektor: Für das sozialistische Staatsunternehmen seien 17 eigene Maßnahmen vorgesehen. Bereiche wie Gesundheit und Bildung, die aus dem Staatshaushalt finanziert werden, hätten landesweit nach wie vor das größte Gewicht. Im Alltag noch nicht angekommen Marrero räumte ein, dass die Ergebnisse sich noch nicht in der Lebensqualität der Bevölkerung zeigten. Spürbare Verbesserungen verknüpfte er mit weniger Stromausfällen, geringerem Wassermangel, einem größeren Warenangebot und niedrigeren Preisen. Einen Zeitrahmen nannte er nicht. Rund 883.000 Menschen gelten nach seinen Worten als besonders verwundbar. Für sie baue die Regierung den sozialen Schutz neu auf und wolle ihn zielgenauer verteilen. Als weiteres Beispiel für die soziale Ausrichtung des Programms nannte er Lohnerhöhungen im haushaltsfinanzierten Sektor. Was das Paket dem Privatsektor erlaubt Das Reformprogramm enthält Schritte, die noch vor Kurzem als ausgeschlossen galten. Die bisherige Obergrenze von 100 Beschäftigten für Mipymes wurde aufgehoben. Zugelassen werden sollen zudem private Wechselstuben und ausländische Bankinvestoren, ebenso ausländisches Kapital im Privatsektor. Staatsbetriebe sollen in Aktiengesellschaften umgewandelt werden können, deren Anteile teilweise auch an Genossenschaften, Mipymes und Privatpersonen gehen könnten. Weitere Bereiche des Programms sind Verkehr, Auslandsinvestitionen, das Bankensystem und die Autonomie der Gemeinden. Hinzu kommen weitere Lockerungen der Wirtschaftsregeln. Die Öffnung fällt in eine Phase schwerer wirtschaftlicher Not. Zwischen 2020 und 2025 schrumpfte die Wirtschaft um rund 15 Prozent. Unabhängige Prognosen rechnen für das laufende Jahr mit einem weiteren Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 10,3 Prozent. Manche Beobachter halten die Lage inzwischen für schlimmer als in der Sonderperiode der 1990er-Jahre. Hinzu kommt Druck aus Washington: Die USA haben seit Januar eine Ölblockade gegen die Insel verhängt und ihre Sanktionen schrittweise ausgeweitet. Skepsis unter Experten Unabhängige Ökonomen beurteilen das Paket zurückhaltend. Der in Spanien lebende kubanische Wirtschaftswissenschaftler Pedro Monreal vertritt die Auffassung, ohne politische Reformen würden die wirtschaftlichen kaum wirken. Die Maßnahmen setzten auf einer staatlichen Basis auf, die „im Wesentlichen unangetastet“ bleibe. Der Privatsektor könne zugelassen und dennoch untergeordnet sein. Gemeinsam mit seinem Kollegen Mauricio Miranda hatte Monreal bereits im Juni gewarnt, der Verkauf von Anteilen an Staatsbetrieben könne in intransparente Privatisierungen münden. Auch die Aufhebung der Beschäftigtengrenze wurde verhalten aufgenommen. Der Ökonom Emilio Morales wandte ein, Privatfirmen benötigten weiterhin Genehmigungen für Import und Export und blieben vom Außenhandelsministerium abhängig. Sein Fachkollege Elías Amor hält Kleinbetriebe, Selbstständige und unabhängige Bauern für die tragfähigere Basis der Wirtschaft als neue Großunternehmen. Die Zurückhaltung hat eine Vorgeschichte. Weder die Leitlinien von 2011 noch die Zulassung der Mipymes und die Währungsreform „Tarea Ordenamiento“ im Jahr 2021 konnten den wirtschaftlichen Niedergang aufhalten. Díaz-Canel räumte in der Sendung ein, die Herausforderung sei groß. Die Regierung werde jedoch nicht innehalten. Schon früher hatte er erklärt, Kuba werde mit den Reformen aus der Krise finden. (Mehr zur Reformdebatte: Acht Vorurteile, die Kubas Wirtschaftsreform ausbremsen.) Autor: Leon Latozke
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