Neues aus Kuba
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29.07.2026 08:00 Uhr
Mehr Markt heißt nicht weniger Staat – und Ungleichheit ist nicht per se ungerecht. Ein kubanischer Ex-Beamter erklärt, welche Vorurteile die wirtschaftliche Öffnung der Insel gefährden.
„Marktwirtschaft ist der erste Schritt zurück zum Kapitalismus." „Ungleichheit ist grundsätzlich inakzeptabel." „Der Staat muss jeden Winkel der Wirtschaft kontrollieren." Sätze wie diese haben Generationen von Kubanern geprägt – lange bevor irgendjemand von den 176 Reformmaßnahmen sprach, die Kubas Nationalversammlung im Juni 2026 verabschiedete. Sie klingen wie Gewissheiten. Tatsächlich sind sie Ballast.
Der kubanische Ökonom Daniel Torralbas seziert in einer aktuellen Analyse bei OnCubaNews acht tief verwurzelte Denkmuster, die den Reformprozess auf der Insel erschweren – unabhängig davon, ob Regierung, Privatsektor oder Bürger sie vertreten. Torralbas kennt beide Seiten der kubanischen Wirtschaftspolitik aus erster Hand: Nach einem exzellenten Abschluss in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Havanna 2019 arbeitete er als Beamter im kubanischen Wirtschaftsministerium, wo er als Mitautor maßgeblich an den historischen Gesetzen von 2021 zur Wiederzulassung privater Kleinunternehmer (Mipymes) mitwirkte. Sein Befund: Jede Wirtschaftsreform ist auch ein kultureller Kampf. Selbst wo Einigkeit über die Notwendigkeit von Veränderung besteht, formiert sich Widerstand aus den unterschiedlichsten Richtungen. Privateigentum ist nicht gleich Kapitalismus
Das älteste Vorurteil lautet demnach : Wer Privatbesitz zulässt, öffnet automatisch die Tür zum Kapitalismus. Die Wurzeln reichen bis 1968 zurück, als die „revolutionäre Offensive" mehr als 55.000 Kleinst- und Kleinbetriebe verstaatlichte. Erst in den neunziger Jahren, mitten in der Krise nach dem Zerfall der Sowjetunion, wurde selbstständige Arbeit unter strengen Auflagen wieder erlaubt. Diese historische Prägung erklärt, warum Privateigentum bis heute vielerorts als „notwendiges Übel" gilt statt als normaler Bestandteil des Wirtschaftslebens.
Mehr Markt heißt nicht weniger Staat
Ein zweiter Irrtum verwechselt Eigentum, Verwaltung und Regulierung miteinander. Die Ausweitung des Privatsektors bedeutet keine Schwächung des Staates, sondern eine Neudefinition seiner Rolle – auch in kapitalistischen Volkswirtschaften wächst mit dem Markt zugleich der Regulierungsbedarf. Ganz unbegründet ist die Sorge dennoch nicht: Das Reformpaket vom Juni wirft selbst Fragen auf. Punkt 32 hält am gesellschaftlichen Eigentum an den „grundlegenden Produktionsmitteln" fest, erlaubt aber im gleichen Atemzug nichtstaatliches Management darüber. Die Punkte 33 und 34 gestatten den Kauf von Anteilen an Staatsbetrieben durch natürliche und juristische Personen, In- wie Auslandskubaner eingeschlossen. Selbst in der Nationalversammlung wurde gefordert, präziser zu definieren, was „grundlegend" eigentlich bedeutet. Solange dieser Begriff schwammig bleibt, entscheidet über jeden Verkauf eines Staatsbetriebs am Ende Verwaltungsermessen – und das ist, so Torralbas, weder mehr Markt noch mehr Staat, sondern schlicht mehr Willkür.
Kontrolle löst keine Produktionskrise
Ein drittes Vorurteil erhebt Kontrolle zur obersten Priorität: mehr Inspektoren gegen hohe Preise, mehr Bürgerkontrolle gegen Schwarzmarkt. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass keine Preiskontrolle je ein zusätzliches Kilo Hähnchenfleisch produziert hat – sie treibt den Handel stattdessen in die Informalität, wo es gar keine sichtbaren Preise mehr zu kontrollieren gibt. Ohne wachsende Produktion wird jedes Kontrollsystem auf Dauer unhaltbar.
Preisdeckel bekämpfen Symptome, nicht Ursachen
Damit eng verbunden ist der Glaube, Knappheit und hohe Preise ließen sich per politischem Willen und Volkskontrolle beheben. Ein Beispiel liefert die Speiseölpreisdeckelung von 2024: Der staatlich festgesetzte Literpreis lag bei 990 Pesos – im Juni 2026, kurz vor Aufhebung der Deckel, kostete dasselbe Produkt laut offiziellen Statistiken zwischen 1.500 und 2.222 Pesos. Preisdeckel haben demnach wiederholt bewiesen, dass sie Preisanstiege, Produktknappheit oder Schwarzmarkthandel nicht verhindern – sie lenken lediglich von strukturellen makroökonomischen Ungleichgewichten ab.
Private Unternehmen als Sündenbock
Kuba gehört zu den wenigen Ländern, in denen Kleinunternehmen (Micro, Pequeñas y Medianas Empresas (MIPYMES)) regelrecht dämonisiert werden, so Torralbas. Ein Familienbetrieb mit drei Mitarbeitern soll gleichzeitig als Ursache aller Versorgungsprobleme herhalten – eine unrealistische Erwartung, die dem Sektor Verzerrungen zuschreibt, die eigentlich aus makroökonomischen Fehlentwicklungen und institutionellen Konstruktionsfehlern stammen.
Private Unternehmen sind keine Sozialämter
Das Gegenstück dazu: Von Privatunternehmen wird zugleich erwartet, staatliche Versorgungslücken zu schließen. Dabei folgen Unternehmen eigenen Anreizen – ihr Zweck ist Gewinn durch Produktion und Verkauf, nicht Wohltätigkeit. Zwar engagieren sich viele MIPYMES sozial, etwa mit Lebensmittelspenden oder der Restaurierung öffentlicher Flächen. Aber kein Privatunternehmen wird unterhalb der Kostendeckung verkaufen oder den Treibstoff für kubanische Kraftwerke importieren. Seine Aufgabe bleibt: produzieren, Arbeitsplätze schaffen, Steuern zahlen, Regeln respektieren.
Nicht jede Ungleichheit ist ungerecht
Kubas Gini-Koeffizient lag 1986 bei bemerkenswert niedrigen 0,22, stieg aber bis 1999 – nach Öffnung für Auslandsinvestitionen, Dollarlegalisierung und Lockerung der Selbstständigkeit – auf 0,40. Neuere offizielle Zahlen fehlen. Entscheidend ist für Torralbas jedoch nicht die Kennziffer selbst, sondern ihre Herkunft: In Kuba bestimmt heute vor allem der Zugang zu Devisen die soziale Position eines Haushalts – wer Geldtransfer aus dem Ausland erhält, wer in Dollar abrechnet, wer eine Importlizenz besitzt. Das ist eine Ungleichheit des Zugangs, keine der produktiven Leistung. Die Reform sollte deshalb nicht auf weniger Ungleichheit zielen, sondern darauf, dass Einkommen stärker von Arbeit und weniger von familiären Auslandskontakten abhängt.
„Reform" ist kein ideologischer Verrat
Das vielleicht tiefste Vorurteil setzt Reform mit dem Verrat an Prinzipien gleich. Bezeichnend ist, dass die kubanische Regierung ihre 176 Maßnahmen offiziell als „wirtschaftliche und soziale Transformationen" bezeichnet – nicht als Reform. Das signalisiert für Torralbas weniger fehlenden politischen Willen als vielmehr, dass der gesellschaftliche Konsens über den Begriff selbst noch aussteht.
Sein Fazit: Diese Vorurteile abzubauen ist kein kurzfristiges Projekt. Es erfordert Debattenräume, belastbare Daten und vor allem neue Erzählungen über die Rolle von Staat, Markt und Bürgerschaft – getragen von Presse, Wissenschaft und Politik gleichermaßen. Wirtschaftsreformen können an technischen Fehlern oder äußerem Druck scheitern. Sie können aber ebenso gut im Reich der Ideen stranden.
Zur Person
Daniel Torralbas ist kubanischer Ökonom. Nach seinem Studienabschluss an der Universität Havanna 2019 war er Beamter im kubanischen Wirtschaftsministerium und gestaltete dort als Mitautor die Mipyme-Gesetze von 2021 mit, die privates Kleinunternehmertum in Kuba nach Jahrzehnten wieder ermöglichten. Anschließend arbeitete er zwei Jahre als Analyst bei der führenden privaten Unternehmensberatung AUGE in Havanna. Heute lebt Torralbas als Chevening-Stipendiat in London, wo er einen Master an der Loughborough University absolviert. Den kubanischen Reformprozess begleitet er weiterhin als gefragter Medienanalyst und Kolumnist, unter anderem für OnCubaNews.
Quelle: OnCubaNews (https://t1p.de/bk17a)
Autor: Leon Latozke
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