Neues aus Kuba
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03.03.2026 08:45 Uhr
Leere Strände in Varadero, geschlossene Hotels in Havanna und gestrichene Flugverbindungen: die Krise im kubanischen Tourismussektor spitzt dramatisch zu. Treibstoffmangel, Energieengpässe und internationale Spannungen treffen eine Branche, die einst wichtigste Devisenquelle der Insel war.
Der seit Jahren anhaltende Niedergang des kubanischen Tourismussektors verschärft sich derzeit dramatisch. In einem ausführlichen Beitrag zeichnet BBC Mundo, das spanischsprachige Nachrichtenportal der britischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt, ein Bild von leeren Hotelanlagen, gestrichenen Flugverbindungen und einer Energiekrise, die nicht nur Urlauber abschreckt, sondern die gesamte Volkswirtschaft der Karibikinsel in eine existenzielle Schieflage bringt.
Tourismus als Devisenquelle – und sein rapider Einbruch Über Jahrzehnte war der Tourismus eine der wichtigsten Quellen harter Währung für Kuba. Die Einnahmen aus Hotels, Gastronomie und Dienstleistungen versorgten den Staat mit dringend benötigten Dollarreserven und ermöglichten zugleich hunderttausenden Kubanern ein Einkommen, das deutlich über dem staatlichen Durchschnittslohn lag. Noch 2018 verzeichnete das Land einen historischen Höchststand von 4,7 Millionen Besuchern und Einnahmen von rund 2,78 Milliarden US-Dollar. Doch die Pandemie, die Verschärfung der US-Sanktionen unter Präsident Donald Trump sowie strukturelle Schwächen im eigenen Wirtschaftsmodell ließen die Zahlen einbrechen. 2023 kamen nur noch 2,4 Millionen Reisende, 2024 laut spanischem Außenhandelsinstitut ICEX etwa 2,2 Millionen. Für 2025 meldete Kubas Statistikbehörde ONEI schließlich nur noch 1,8 Millionen internationale Besucher – ein Rückgang von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wie BBC Mundo ausführt, ist der Trend nicht nur eine statistische Größe, sondern in Havannas Altstadt unmittelbar sichtbar: „Alt-Havanna ist leer, völlig leer. Man geht durch die Orte und es scheint, als wäre alles tot. Die Reiseführer haben keine Kunden. Ich weiß nicht, wo der Tourismus ist. Ich sehe ihn nicht“, sagt ein französischer Unternehmer aus Kuba zu BBC Mundo, der anonym bleiben möchte. Bilder von verlassenen Stränden in Varadero und kaum frequentierten Hotelanlagen illustrieren die Entwicklung. „Für mich ist das Leben in Kuba inzwischen teurer als in Paris. Zwar bekommt man grundsätzlich alles, doch die Preise sind extrem hoch, und man muss quer durch die Stadt laufen, um die nötigen Dinge aufzutreiben. Wer über Fremdwährung verfügt, kann Benzin erwerben – auf dem Schwarzmarkt liegt der Literpreis allerdings zwischen acht und zehn US-Dollar“, zitiert ihn BBC Mundo. Energiekrise als Brandbeschleuniger Der jüngste Einbruch steht im Kontext einer sich zuspitzenden Energiekrise. Nach der Festnahme des venezolanischen Ex-Präsidenten Nicolás Maduro Anfang Januar verlor Kuba faktisch seinen wichtigsten Erdöllieferanten. Caracas hatte die Insel über Jahre hinweg mit subventioniertem Treibstoff versorgt. Gleichzeitig drohten die USA Ländern mit Strafzöllen, die Energielieferungen nach Kuba fortsetzen. In der Folge kam es zu massiven Versorgungsengpässen. Seit Anfang Februar gelten landesweit Benzinrationierungen. Stromausfälle nehmen zu, das nationale Elektrizitätssystem leidet unter veralteten Kraftwerken und mangelnder Diversifizierung. Die Situation weckt Erinnerungen an die sogenannte „Sonderperiode“ nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991. Präsident Miguel Díaz-Canel machte Washington für die Zuspitzung verantwortlich und sprach von einem Versuch, die kubanische Wirtschaft zu „ersticken“. Die strukturellen Defizite im Energiesektor jedoch reichen weiter zurück, wie auch kubanische Ökonomen einräumen. Kerosinmangel und Flugstreichungen Besonders gravierend wirkt sich laut BBC Mundo der vollständige Mangel an Flugtreibstoff (Jet A1) aus. Mehrere kanadische und russische Airlines – traditionell wichtigste Herkunftsmärkte für Kuba – suspendierten ihre Verbindungen, nachdem sie gestrandete Passagiere ausgeflogen hatten. Das Analyseunternehmen Cirium rechnet bis April mit der Streichung von bis zu 1.709 Flügen. Auch europäische Fluggesellschaften reagieren. Die spanische Airline Air Europa lässt ihre Maschinen nach dem Ausladen der Passagiere in Havanna im dominikanischen Santo Domingo auftanken. Iberia gewährt Flexibilität bei Umbuchungen. LATAM Airlines bot betroffenen Reisenden Rückerstattungen oder kostenlose Zieländerungen etwa nach Cancún oder Punta Cana an. Russland, zweitgrößter Besuchermarkt, kündigte an, seine Staatsbürger aus Kuba auszufliegen. Branchenbeobachter warnen, dass der Ausfall der Hochsaison im Winter die Besucherzahlen um mehrere hunderttausend reduzieren könnte. Der Ökonom Paolo Spadoni von der Augusta University erklärte gegenüber Reuters, ein vollständiger Kollaps des Tourismussektors würde eine „unhaltbare Situation“ für die kubanische Wirtschaft schaffen und ihre Überlebensfähigkeit gefährden. Hotels zwischen Schließung und Minimalbetrieb Die Auswirkungen sind in der Hotellerie deutlich spürbar. Die spanische Kette Meliá Hotels International bestätigte gegenüber BBC Mundo die temporäre „Kompaktierung“ von drei Hotels. Man reagiere damit auf Versorgungsengpässe und niedrige Auslastung. Der ebenfalls spanische Konzern NH Hotel Group kündigte sogar die vollständige Schließung seiner Häuser auf der Insel an. Selbst Fünf-Sterne-Hotels wie das Iberostar Parque Central in Havanna berichten von Stornierungen. Offiziell verweisen manche Betreiber auf „Desinformation“ als Ursache. Doch zugleich bestätigen Mitarbeiter, dass die Auslastung weit unter den Erwartungen liegt. Nicht nur internationale Ketten, auch private „casas particulares“ kämpfen ums Überleben. Von 25 Zimmern seien oft nur zehn belegt, berichtet ein Angestellter eines Gästehauses. Die Einnahmen reichen kaum, um Betriebskosten zu decken. Auswirkungen auf Bevölkerung und Migration Rund 300.000 Kubaner arbeiten direkt oder indirekt im Tourismussektor. Einer von ihnen ist „Osmani“ – ein Pseudonym, da er Repressalien fürchtet. Er verließ Kuba vor zwei Wochen Richtung Peru. Als Barista in einem Café in Alt-Havanna verdiente er rund 15 Dollar am Tag – ein Vielfaches des üblichen Staatslohns. Doch mit dem Ausbleiben der Touristen versiegten auch diese Einkünfte. Ohne Treibstoff funktionierten Generatoren nicht mehr, die Espressomaschine blieb kalt. Hinzu kamen massive Transportprobleme. Der tägliche Heimweg wurde zur Odyssee. Schließlich entschied er sich zur Ausreise. „Wer in Kuba überleben kann, kann überall leben“, zitiert ihn BBC Mundo. Sein Fall steht exemplarisch für eine neue Migrationswelle. Die Perspektivlosigkeit im Tourismussektor entzieht vielen jungen Kubanern eine der wenigen Devisenquellen. Informelle Geldtransfers unter Druck Mit den Flugausfällen geraten auch private Geldsendungen von im Ausland lebende Kubanern unter Druck. Seit die US-Firma Western Union 2020 ihre Dienste in Kuba einstellte, erfolgt ein erheblicher Teil der Überweisungen über Reisende, die Bargeld oder Medikamente mitbringen. Fällt der Flugverkehr aus, stockt auch dieser Kanal. Analysen des Projekts „Horizonte Cubano“ der Columbia University zufolge wurden bereits vor der Schließung von Western Union beträchtliche Summen über informelle Wege transportiert – durch Freunde, Verwandte oder sogenannte „Mulas“. Der Rückgang der Flugverbindungen trifft somit nicht nur den Tourismussektor, sondern auch die privaten Haushalte. Strukturelle Fehlentscheidungen? Der Wirtschaftswissenschaftler Ricardo Torres Pérez kritisiert laut BBC Mundo, dass Kuba in den vergangenen Jahren erhebliche Mittel in den Bau neuer Luxushotels investiert habe, während das veraltete Thermoelektriksystem vernachlässigt wurde. Viele dieser Hotels erreichten selbst in besseren Zeiten keine Auslastung von 30 Prozent. Die aktuelle Krise legt diese strukturellen Schwächen offen. Ohne verlässliche Energieversorgung und stabile Verkehrsverbindungen wird selbst ein politischer Tauwetterkurs kaum ausreichen, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Ein Sektor am Kipppunkt Der Tourismus galt lange als Hoffnungsträger für eine vorsichtige Öffnung Kubas. Die Bilder leerer Liegestühle in Varadero und verwaister Gassen in Alt-Havanna stehen nun symbolisch für eine Branche am Abgrund. Geopolitische Spannungen, Energieengpässe und wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen kummulieren zu einer Krise, deren Ausgang offen ist. Ob sich die Insel von diesem Schock erholen kann, hängt nicht nur von externer Unterstützung, sondern auch von internen Reformen ab. Derzeit jedoch deutet wenig darauf hin, dass kurzfristig Entspannung in Sicht ist.
Quelle: BBC Mundo (https://t1p.de/pm9w7)
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