Neues aus Kuba
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23.06.2026 10:00 Uhr
Kubas Bevölkerung hat angesichts der Stromkrise einen neuen Begriff geprägt: „Alumbrones“ – kurze Lichtmomente. Eine Analyse von EL PAÍS zeigt, dass das Land nach UNE-Daten inzwischen mehr Zeit im Dunkeln als mit Strom verbringt – Folge eines kollabierenden Energiesystems.
Die kubanische Bevölkerung, bekannt für ihren beißenden Galgenhumor, hat angesichts der Stromkrise im Land längst einen neuen Alltagsbegriff geprägt. Man spricht auf der Karibikinsel nicht mehr von "Apagones" (Stromausfällen), sondern von "Alumbrones" – flüchtigen Momenten, in denen das Licht tatsächlich wieder angeht. Diese sprachliche Verkehrung ist, wie eine Analyse der spanischen Tageszeitung EL PAÍS zeigt, die bittere Realität eines Energieinfarkts, der das Land mit nie dagewesener Härte trifft. Nach Informationen der Zeitung, die offizielle Daten des staatlichen Stromversorgers UNE auswertete, verbringt Kuba inzwischen mehr Stunden im Dunkeln als mit Strom. Der Kollaps des sowjetzeitlichen Energiesystems, das schon seit Jahren kränkelt, hat durch die jüngste US-Druckkampagne eine neue, existenzielle Dimension erreicht.
Die Regierung in Washington hat die Schrauben seit Ende Januar deutlich angezogen. Die Folgen für das fragile Netz sind verheerend, wie EL PAÍS berichtet. Die Analyse zeigt, dass es im ersten Quartal 2025 mehrere Tage gab, an denen die Stromausfälle 24 Stunden andauerten. Allein in den vergangenen 18 Monaten erlitt das Nationale Elektrizitätssystem (SEN) sieben Totalausfälle. Im März kamen zwei weitere hinzu, dazu eine Teilabschaltung, die zwei Drittel des Landes lahmlegte. Besonders dramatisch war der 6. März, als laut offiziellen UNE-Daten 68 Prozent der Insel während der Spitzenlastzeit ohne Strom waren – ein neuer Negativrekord, der den bisherigen Höchststand von 62 Prozent aus dem Januar übertraf. Im gesamten März lag die Ausfallrate bei Spitzenzeiten bei nahezu 60 Prozent. Der Bericht macht deutlich, dass die Krise nicht nur eine technische, sondern auch eine geopolitische ist. Historisch war Kuba stets auf Unterstützung angewiesen: zuerst die Sowjetunion, später Venezuela und zuletzt Mexiko. Der venezolanische Ölhahn wurde jedoch bereits vor der Festnahme von Nicolás Maduro im Januar merklich zugedreht. Gab Caracas einst über 100.000 Barrel pro Tag ab, so war die Menge Anfang 2025 laut unabhängigen Schätzungen auf rund 30.000 Barrel gesunken. EL PAÍS zitiert in diesem Zusammenhang US-Außenminister Marco Rubio, der am Mittwoch erklärte: "Der Grund, warum ihr gezwungen seid, 22 Stunden am Tag ohne Strom zu überleben, ist nicht eine Ölblockade der USA. Wie ihr nur zu gut wisst, leidet ihr seit Jahren unter Blackouts." Das Herz des kubanischen Systems bilden 16 thermische Erzeugungseinheiten, die oft mehr als vier Jahrzehnte alt sind. Sie machen 80 Prozent des Strommixes aus, der Rest stammt aus Gas und Solar. Um den Betrieb aufrechtzuerhalten, benötigt Havanna täglich etwa 110.000 Barrel Öl. Die eigene Förderung deckt jedoch nur rund 40.000 Barrel. Am 12. Mai, so die Auswertung, waren 75 Prozent der 16 Kraftwerksblöcke wegen Pannen oder Wartungsarbeiten außer Betrieb. Am 14. Mai verzeichnete das Land einen historischen Rekord an gleichzeitigen Ausfällen: 70 Prozent der Nachfrage konnten nicht gedeckt werden. Stunden später brach das System erneut teilweise zusammen. Die Verzweiflung der Bevölkerung entlädt sich zunehmend auf der Straße. Mitte März kam es in mehreren Städten zu Protesten. Wie die Zeitung detailliert schildert, war die lautstärkste Mobilisierung in Morón im Zentrum Kubas. Eine Gruppe von Demonstranten bewarf dort die örtliche Zentrale der Kommunistischen Partei mit Steinen, drang in das Gebäude ein und entzündete am Eingang ein Feuer. Die Regierung bestätigte fünf Festnahmen, die NGO Justicia 11J dokumentierte insgesamt 16, darunter drei Minderjährige. Ein kurzes Aufatmen gab es Ende März, als der russische Tanker "Anatoly Kolodkin" mit Billigung des Weißen Hauses mehr als 700.000 Barrel lieferte. Im April sank das Defizit um fast 50 Prozent, und Havanna erlebte fast eine Woche ohne Ausfälle. Die Wirkung verpuffte jedoch, sobald die Reserven aufgebraucht waren. Energieminister Vicente de la O Levy räumte im Staatsfernsehen ein, dass die Insel ihre Bestände an Heizöl und Diesel erschöpft habe. Zwischen dem 6. und 18. Mai erlebte die Hauptstadt erneut tagelange Blackouts. Der Lärm von Töpfen und Pfannen wurde, wie es in dem Bericht heißt, zur alltäglichen Geräuschkulisse der Nächte. Unabhängige Analysten warnen laut EL PAÍS vor einer düsteren Perspektive: Selbst wenn die USA die Energiesanktionen morgen aufhöben, würden die Blackouts weitergehen. Die Wiederbelebung der Industrie würde laut Schätzungen rund zehn Milliarden Dollar erfordern – ein Zug, der längst abgefahren sei. In den letzten Jahren habe der massive Ausbau des Tourismussektors, der unter der absoluten Kontrolle der Streitkräfte steht, die Investitionen in die übrige Wirtschaft erdrückt. 2024, dem letzten Jahr mit verfügbaren Daten, flossen 37,4 Prozent aller staatlichen Investitionen in den Bau von Resorts – elfmal so viel wie für Bildung und Gesundheit zusammen.
Quelle: EL PAÍS (https://t1p.de/xag3d)
Autor: Leon Latozke
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