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15.09.2026 23:00 Uhr
Ein New Yorker Bundesgeschworenengericht hat fünf Männer angeklagt, die im Auftrag russischer Geheimdienste Dissidenten ausgespäht und Morde und Anschläge vorbereitet haben sollen. Unter den Beschuldigten sind zwei Kubaner.
Abbildung: Zu diesem Beitrag liegt kein Bildmaterial vor.
Die US-Justiz hat am Montag (14.) fünf Männer angeklagt, die im Auftrag russischer Geheimdienste ein weltweites Netz aus Ausspähung, Auftragsmorden und Anschlägen betrieben haben sollen. Unter den Beschuldigten sind zwei kubanische Staatsangehörige. Das Justizministerium gab die Anklage am 15. September bekannt, sie stammt von einem Bundesgeschworenengericht im Südlichen Distrikt von New York. Alle fünf befinden sich laut Ministerium auf freiem Fuß. Bei den Vorwürfen handelt es sich um Behauptungen der Anklage. Bis zu einer Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.
Als Kopf des Netzwerks führt die Anklage Yuri Khrameev (63), genannt „Colonel Yuri". Er soll ein früherer Oberst des russischen Geheimdienstes sein und mehrere Personen für Morde an vermeintlichen Regimekritikern angeworben haben. Sein Sohn Kirill (27) ist laut Anklage Offizier des Inlandsgeheimdienstes FSB. Der Kubaner Oemis Romagoza Durruthy (35), Tanzlehrer in Russland, wird als einflussreiches Mitglied der kubanischen Diaspora in Russland beschrieben. Er soll Angriffe koordiniert haben. Sein Landsmann Yaidel Delgado Suárez (35), Deckname „Viking", gilt den Ermittlern als äußerst aktiver Anwerber, der in den USA mehrere Personen zu gewinnen versucht habe. Der fünfte Beschuldigte ist der 22-jährige Venezolaner Ángel Eduardo Castro. Er soll gemeinsam mit Delgado Suárez Personen in den USA rekrutiert haben. Die Ermittlungen führte die Spionageabwehr des FBI-Büros in New York, unterstützt vom FBI-Büro Washington und der Heimatschutzbehörde HSI. 40.000 Dollar für einen Mord
Im Mittelpunkt steht der mutmaßliche Plan, einen prominenten russischen Dissidenten in den USA zu töten. Im Sommer 2026 soll das Netzwerk dafür einen in den USA lebenden Mann angeworben haben, den die Anklage nur als „U.S. Resident-1" bezeichnet. Nach Medienberichten stammt er aus Brooklyn. Delgado Suárez soll ihm zwei Orte im Umfeld des Dissidenten genannt und genau erklärt haben, wie er observieren solle. Dafür seien ihm zwischen 1.000 und 1.500 Dollar zugesagt worden. Der Mann habe Fotos und Videos geliefert.
Anschließend hätten Delgado Suárez und Castro ihm 40.000 Dollar geboten, damit er den Dissidenten „beseitige". Er habe abgelehnt, es selbst zu tun. Die beiden hätten gefragt, ob er jemanden kenne, der „die Arbeit erledigen" könne, und auf „Leute in Mexiko" verwiesen, die verzögert seien. Weitere Personen in den USA soll Delgado Suárez ebenfalls mit großen Summen angesprochen haben. Nach demselben Schema soll das Netzwerk bereits 2025 vorgegangen sein. Kirill Khrameev habe einen US-Bürger („U.S. Citizen-1") gegen ein Versprechen von 200 Dollar Fotos an der mutmaßlichen Adresse eines Kremlkritikers in Litauen machen lassen. Dann habe er ihn mit seinem „Chef", einem „Oberst", zusammengebracht. Dabei handelte es sich laut Anklage um Yuri Khrameev, der etwa 25.000 Dollar für die Tötung geboten habe. Als Methoden habe er einen Benzinflaschenwurf oder einen Messerstich genannt. Nach der Ablehnung habe er eine „einfachere Arbeit" angeboten, etwa einen Lagerbrand oder einen Brandanschlag auf ein Umspannwerk. Ziel seien „alle Länder, die der Ukraine helfen". Er biete „ernsthaftes Geld für ernsthafte Arbeit", soll er gesagt haben. Die Rolle von Durruthy
Durruthy soll für das Netzwerk vor allem Reisen und Logistik organisiert haben. Im Juni 2024 habe er einen Angriff in Prag koordiniert und dabei einem Beteiligten mögliche Anschlagsorte geschickt und dessen Reise ermöglicht. Im September 2024 habe er einen weiteren Angriff in Litauen koordiniert, Reisen gebucht und regelmäßig mit einem Beteiligten kommuniziert. Im November 2025 habe er sich mit Yuri Khrameev ausgetauscht und Bildmaterial zu einer Wohnstätte des Dissidenten beschafft, die 2026 dann tatsächlich ausgespäht worden sei.
Über seine Person und sein Vorgehen gibt es Erkenntnisse aus einer internationalen Medienrecherche. Sie stützt sich auf Gerichtsdokumente, Behördenerklärungen, Interviews und geleakte Daten. Demnach wurde der 1991 in Camagüey geborene Durruthy seit mindestens sieben Jahren in Russland und unterrichtet in der nordrussischen Stadt Petrosawodsk Salsa, Bachata und Kizomba. Unter dem Decknamen „Dios" soll er ein Netzwerk aufgebaut haben, das Brandanschläge in mehreren EU-Ländern organisierte. Eine Stellungnahme von ihm liegt nicht vor. Seine Helfer hat er demnach er über Telegram- und Facebook-Gruppen gesucht, in denen sich Lateinamerikaner über Arbeit in Polen oder eine Teilnahme am Krieg auf ukrainischer Seite austauschen. Für einen Einsatz seien rund 1.300 Euro in Aussicht gestellt worden. Viele der Angeworbenen hätten nicht gewusst, für wen sie arbeiten. Mindestens zwölf sogenannte „Wegwerf-Adeten“ sollen er so gewonnen haben, mindestens neun davon sind inzwischen gefasst. Litauische Ermittler ordnen die Anschlagsserie dem russischen Militärgeheimdienst GRU zu und fahnden international nach einem in Russland lebenden Kubaner. Die Journalisten identifizierten ihn anhand geleakter Daten als Durruthy. Die litauische Staatsanwaltschaft hatte bereits im Januar 2026 Anklage gegen sechs Ausländer wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung erhoben. Ob Durruthy nach September 2024 weiter Anschläge koordinierte, konnte die Recherche nicht klären. Die New Yorker Anklage nennt dagegen für November 2025 einen Austausch mit Yuri Khrameev. Delgado Suárez: der Anwerber
Yaidel Delgado Suárez (35), Deckname „Viking", ist nach Darstellung der Anklage der aktivste Anwerber des Netzwerks. Wie Durruthy ist er kubanischer Staatsangehöriger. Zur Tatzeit lebte er laut Anklage in Russland, ebenso wie sein mutmaßlicher Komplize Castro. Über seine Herkunft oder seinen Werdegang ist in den ausgewerteten Berichten nichts bekannt.
Am 29. Juli 2026 habe Castro über einen verschlüsselten Messenger einen in Brooklyn lebenden Venezolaner gefragt, ob er in Washington jemandem vertraue. Man zahle Geld für Fotos von Orten. Delgado Suárez habe sich per Sprachnachricht eingeschaltet und in Tarnsprache erklärt, der Mann solle nicht „bauen", sondern ein „Grundstück vermessen". Gemeint waren Observation und Mord. Für Fotos und Videos einer Adresse, mindestens 30 Sekunden aus verschiedenen Winkeln, seien 1.000 bis 1.500 Dollar geboten worden. Als Echtheitsnachweis sollte ein Handzeichen im Bild zu sehen sein. Für die Person, die man „beseitigen" wolle, seien 40.000 Dollar in Aussicht gestellt worden. Am 26. August habe Delgado Suárez den Mann direkt angeschrieben, obwohl dieser darum gebeten hatte, die Kontakte über Castro laufen zu lassen. Er drängte, die Observation müsse „heute oder morgen" erfolgen, und wies ihn an, den Chat zu löschen. Tags darauf gab er detaillierte Anweisungen: Flugmodus einschalten, das Handy in der linken Hand halten, einen Block vor dem Viertel beginnen und langsamer werden, das Haus in den Mittelpunkt rücken. Die beiden Adressen habe er nach Angaben der Anklage zuvor von Yuri Khrameev erhalten. Nach Eingang der Videos soll Delgado Suárez erklärt haben, das Geld liege bei Castro. Er habe gefragt, ob der Mann jemanden für den „Bau" kenne oder ihn selbst übernehmen wolle. Er stehe unter Druck seines „Chefs". Ein Team in Mexiko sei verzögert. Der Mann antwortete, er wolle nachfragen und sich in etwa drei Tagen melden. Auch danach blieb Delgado Suárez laut Anklage aktiv. Er soll mehrere weitere Personen in den USA angesprochen haben. Zwischen dem 27. August und 10. September habe er rund 96 Nachrichten mit einem Mann ausgetauscht, der in Litauen im Zusammenhang mit dem Anschlag vom September 2024 angeklagt ist. Im Mai 2026 buchte Durruthy Reisen für ihn und Yuri Khrameev. Delgado Suárez reiste dabei zwischen Sankt Petersburg und Moskau.
Die Anklage verortet Delgado Suárez, Castro und Durruthy zur Tatzeit in Russland. Alle fünf sind laut Justizministerium auf freiem Fuß.
Autor: Leon Latozke
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