Neues aus Kuba
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04.05.2026 09:00 Uhr
Die kubanische Wirtschaftskrise verschärft sich: Grundnahrungsmittel werden zunehmend nur gegen Dollar gehandelt, während die staatlichen Rationierungshefte kaum noch etwas hergeben. Viele Kubaner überleben nur durch Überweisungen aus dem Ausland.
Abbildung: Die Libreta, einst Garant günstiger Versorgung in Kuba, steht heute für Mangel, leere Regale und ein gebrochenes staatliches Versprechen (Bildquelle: sarang, Libreta de Abastecimiento 00, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons)
Die Regale in José Luis Amate López' kleiner Bodega im Herzen Havannas sind fast leer. Seit fast zwei Wochen hat er keinen einzigen Kunden mehr gehabt – von einer mageren braunen Katze abgesehen, die um das staatliche Geschäft streicht, in dem er arbeitet. Die 5000 Menschen, die auf die subventionierten Lebensmittel dieses Ladens angewiesen sind, finden kaum noch etwas. Die "Libreta", das staatliche Rationierungsheft, das der Revolutionsführer Fidel Castro in den frühen 1960er Jahren einführte, war einst das Fundament der kubanischen Versorgung: Es garantierte stark verbilligte Güter von Milch über Fisch bis hin zu Zigaretten. Zu jener Zeit wusste jeder Kubaner, dass seine zugewiesene Bodega pünktlich zum Monatsersten mit allem Nötigen gefüllt sein würde. Heute ist dieses Versprechen gebrochen. "Kein Kubaner kann wirklich mehr von den Produkten des Rationierungsheftes überleben", sagt Amate López gegenüber der Associated Press (AP).
Die Wirtschaft der sozialistischen Insel mit knapp zehn Millionen Einwohnern bricht zusammen, die Preise explodieren. Immer mehr Kubaner können sich keine Alternativen zu den staatlichen Läden mehr leisten und kämpfen mit ihren mageren Gehältern ums blanke Überleben. Grundnahrungsmittel werden zunehmend nur noch in US-Dollar gehandelt, was die Kluft zwischen denen, die Devisen aus dem Ausland erhalten, und denen, die auf die staatliche Versorgung angewiesen sind, noch vertieft. Das Rationierungsheft schrumpfte bereits während der "Spezialperiode" in den 1990er Jahren, als die sowjetische Hilfe versiegte und das Land in eine tiefe Not stürzte. Einer medizinischen Studie zufolge verloren die Kubaner damals durchschnittlich fünf bis 25 Prozent ihres Körpergewichts. Doch viele, die jene Zeit erlebten, sagen, die heutige Lage sei noch schlimmer. Amate López erinnert sich, dass seine Bodega vor Jahrzehnten so voll war, "dass man kaum gehen konnte". Heute ist der Raum leer. Staubige alte Plakate zeigen Preise und Mengen von fast zwei Dutzend Waren an, die es nicht mehr gibt: Joghurt, Nudeln, Seife. Zwei Industriekühltruhen, einst gefüllt mit Fleisch und Hühnchen, dienen nur noch dazu, Amate López' Wasserflasche kühl zu halten. Im April hatte er nur noch Reis, Zucker und Kichererbsen. Die kubanische Regierung importiert bis zu 80 Prozent der konsumierten Nahrungsmittel, auch jene für die staatlichen Läden. Doch angesichts der prekären Finanzlage fehlt dem Staat schlicht das Geld. "Sie haben einfach nicht mehr die Mittel, um es weiterzuführen", zitiert AP William LeoGrande, Professor an der American University, der Kuba seit Jahren beobachtet. "Die Waren kommen auf Ad-hoc-Basis." LeoGrande kritisiert zudem die Zusammenlegung zweier kubanischer Währungen im Jahr 2021, die zu einer anhaltenden Inflation führte, weil der Staat weit mehr Geld ausgebe, als er einnehme. Die Regierung müsse aufhören, Geld zu drucken, und den Haushalt ausgleichen, ohne die sozialen Ausgaben drastisch zu kürzen – eine Herkulesaufgabe, da der Großteil der Staatsausgaben für Gesundheit, Bildung, Sozialhilfe und Lebensmittelimporte draufgeht. "Jede größere Kürzung der Staatsausgaben wird tiefgreifende soziale Auswirkungen haben, weshalb sie nicht durchgeführt wurde", so LeoGrande zu AP. Die Investitionen in den Tourismus seien zudem weit höher als die gesunkene Nachfrage. Die Regierung spricht seit Jahren davon, statt Güter bedürftige Menschen zu subventionieren, um Geld für Importe von Treibstoff, Medikamenten und anderen Dingen freizumachen. Doch viele Kubaner sind weiterhin auf ihre Rationierungshefte angewiesen, während sich die Krise der Insel mit schweren Stromausfällen, Treibstoffknappheit und der US-Energieblockade zuspitzt. Kubanische Comedians haben das System längst persifliert. In einem jüngst online gestellten Video singt die Figur "Pánfilo" im Reim: "Leg das Heft auf einen Friedhof, denn es ist bereit, begraben zu werden." Für die Bevölkerung ist das kein Scherz. Die 68-jährige Ana Enamorado aus Havanna konnte im April nur Kichererbsen und ein Kilo Zucker in ihrer Bodega kaufen. Von ihrem Gehalt und ihrer Rente in Höhe von umgerechnet 16 Dollar im Monat muss sie die verbleibenden Grundnahrungsmittel in kleinen Privatläden, sogenannten "Mipymes", kaufen. Eine Schachtel mit 30 Eiern kostet sechs Dollar, ein Pfund Hackfleisch zwei Dollar, ein Pfund Maismehl 50 Cent. "Im Rationierungsheft ist fast nichts mehr", klagt sie. "Wir leben praktisch von Luft." Ihre Mahlzeiten bestehen im Wechsel aus Reis, gewürztem Hackfleisch und Maismehl – oder manchmal gar nichts. Früher, sagt sie, habe sie Schwein, Lamm, Frikassee, frittierte Kochbananen und rote Bohnen mit Reis essen können. "Jetzt müssen wir uns einschränken, eine Mahlzeit am Tag und von Erinnerungen leben." Amate López berichtet, dass kubanische Mädchen, die 15 werden – ein bedeutender Geburtstag in Lateinamerika –, früher Kuchen und mehrere Kisten Bier bekamen. Heute gibt es nur noch drei Kilo Hackfleisch. Die Regierung beschloss kürzlich, die 65-Jährigen zu ehren: Sie erhalten Sardinen, ein Stück Seife und eine Packung Toilettenpapier. Doch Amate López hat auch diese Waren nicht. Der 56-jährige Lázaro Cuesta steht in einer Schlange für seine tägliche Ration von zwei kleinen Brötchen für sich und seine Frau. "Früher waren es 80 Gramm für fünf Centavos. Jetzt sind es 40 Gramm für 75 Centavos. Und die Qualität ist schlechter", sagt er. Cuesta arbeitet in der Lebensmittelzubereitung und verdient umgerechnet zwölf Dollar im Monat. Seine Frau, eine pensionierte Krankenschwester, erhält zehn Dollar Rente. Hinzu kommen 200 Dollar monatlich von ihrem Bruder und ihrer Tochter aus dem Ausland. Diese Überweisungen erlauben es ihnen, Avocados, Eier und rote Bohnen mit Reis zu essen. "Wenn nicht die Überweisungen wären", sagt Cuesta und greift sich an den Hals, "würde man sich aufhängen." Etwa 60 Prozent der Kubaner auf der Insel erhalten solche Geldtransfers. Doch Rosa Rodríguez, 54, aus Havanna gehört nicht dazu. "Alles ist knapp hier – alles – sogar dieses elende Brot, das sie uns geben", sagt sie. Sie verdient umgerechnet acht Dollar im Monat, kein schlechtes Gehalt für kubanische Verhältnisse, aber "egal wie hart man arbeitet, es ist einfach nicht genug". Im April bekam sie in ihrer Bodega lediglich eine Spende von knapp zwei Kilo Reis. "Wenn du Bohnen kaufst, kannst du keinen Zucker mehr kaufen", klagt sie. Das meiste Geld geht für eine große Schachtel Eier drauf. "Wenn ich in Rente gehe, sterbe ich."
Quelle: Fortune/AP (https://t1p.de/41rjd)
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