Neues aus Kuba
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15.04.2026 09:00 Uhr
Während Kuba mit extremer Armut, Versorgungsengpässen und Stromausfällen kämpft, operiert im Schatten ein undurchsichtiges Wirtschaftsimperium: Gaesa. Experten vermuten den innersten Zirkel um Raúl Castro als eigentliche Nutznießer. Gelekte Dokumente legen Vermögenswerte von fast 18 Milliarden US-Dollar offen – ein krasser Kontrast zur bankrotten Staatskasse.
Während Kuba in einer tiefen Wirtschaftskrise steckt, von stundenlangen Stromausfällen und extremer Armut geplagt wird, operiert im Schutz der Streitkräfte ein undurchsichtiger Wirtschaftsgigant, der die profitabelsten Einnahmequellen des Landes kontrolliert und ein Vermögen von mindestens 17,9 Milliarden US-Dollar anhäuft. Dies berichtet BBC Mundo in einer umfangreichen Untersuchung über die Unternehmensgruppe Grupo de Administración Empresarial S.A. (Gaesa). Der Artikel zeichnet das Bild eines „wirtschaftlichen Imperiums innerhalb des Staates“, das keiner parlamentarischen oder staatlichen Kontrolle unterliegt, keine Steuern zahlt und dessen Gewinne im Geheimen von einer kleinen Elite um den ehemaligen Präsidenten Raúl Castro verwaltet werden.
Laut dem Bericht handelt es sich bei Gaesa um einen „großen Holding-Konzern, einen Kraken, der sich in den letzten 15 Jahren fast aller profitablen Sektoren der kubanischen Wirtschaft bemächtigt hat“, wie der Experte Emilio Morales vom Havana Consulting Group erklärt. Das Konglomerat, das offiziell den Revolutionsstreitkräften (FAR) untersteht, aber praktisch außerhalb ihrer Kontrolle agiere, habe keine Website, keine bekannte E-Mail-Adresse und veröffentliche weder Finanzberichte noch unterliege es der Prüfung durch die Nationalversammlung oder den staatlichen Rechnungshof. Dennoch kassiere es „praktisch jeden Dollar der profitabelsten Geschäfte des Regimes: Tourismus, Auslandsüberweisungen, Außenhandel oder medizinische Auslandsmissionen“. Die wirtschaftliche Macht dieses Schattenkonzerns stehe in groteskem Kontrast zur Lage des Landes. Kuba sei praktisch bankrott, mit einem kumulierten Rückgang des BIP von 15 Prozent in fünf Jahren und zahlungsunfähig gegenüber internationalen Gläubigern. Fast neun von zehn Kubanern lebten unter Bedingungen extremer Armut oder im „Überlebensmodus“, so das kubanische Menschenrechtsobservatorium 2025. Die aktuelle Krise habe sich 2026 mit mehrstündigen täglichen Stromausfällen und einer noch dramatischeren Knappheit an Lebensmitteln, Treibstoff und Medikamenten verschärft. Diese Situation werde durch die jüngste Verschärfung der US-Sanktionen unter der Regierung Trump, die eine de facto-Blockade der Ölversorgung bedeute, weiter angeheizt. Ursprung und undurchsichtige Operationen eines „Kraken“ Gaesa sei in den 1990er Jahren, während der als „Sonderperiode“ bekannten Wirtschaftskrise nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, innerhalb der FAR gegründet worden, um Devisen-generierende Unternehmen zu verwalten und Ressourcen für die Streitkräfte zu beschaffen. Unter der Führung von Raúl Castro, der 2006 interimistisch und 2008 offiziell die Macht übernahm, begann das Konglomerat jedoch, sich rapide auszudehnen und strategische Staatsunternehmen zu absorbieren. Der entscheidende Schritt sei die Übernahme des größten Unternehmenskomplexes, Cimex, gewesen. „Damit erwarb Gaesa dessen gesamtes Netzwerk von Unternehmen innerhalb und außerhalb Kubas: Firmen in Steueroasen wie Panama, Einzelhandelsgeschäfte, Tankstellen, Immobilien, Export- und Importgeschäfte“, so Morales. In der Folge verschlang der Holding weitere profitable Unternehmen wie die Tourismusgruppen Gaviota und Habaguanex, Teile des Internetbetreibers Etecsa, die Verwaltung des größten Handelshafens Mariel und übernahm die Kontrolle über den Banco Financiero Internacional (BFI), der die internationalen Transaktionen Kubas abwickelt. „In der Praxis monopolisierte es fast alle Geschäfte, die Dollar anziehen: Tourismus, Handel, Telekommunikation, Bankwesen, Überweisungen, Logistik oder Bau“, fasst BBC Mundo zusammen. Der Wirtschaftswissenschaftler Pavel Vidal beschreibt Gaesa gegenüber dem Sender als „eine Wirtschaft innerhalb einer anderen“, deren Bilanzen geheim seien, die keine Steuern zahle und über einen unabhängigen Haushalt verfüge. Das Ausmaß der Geheimhaltung illustriert der Bericht mit zwei Vorfällen: Im Juli 2024 sei die damalige Generalrechnungsprüferin Kubas, Gladys Bejerano, nach 14 Jahren im Amt entlassen worden, nachdem sie in einem Interview mit der Nachrichtenagentur EFE eingeräumt hatte, der Staat habe keine Jurisdiktion, um Gaesa zu prüfen. 2021 sei der damalige Verteidigungsminister Leopoldo Cintra Frías abgelöst worden, kurz nachdem er, laut Quellen, eine interne Untersuchung des milliardenschweren Holdings in seinem Ressort angestoßen hatte. Ob die Entlassungen direkt mit diesen Versuchen zusammenhängen, bleibe unklar. Die hermetische Elite: Die Castro-Familie und ihr innerster Zirkel Wer genau dieses undurchsichtige Imperium kontrolliert, ist laut BBC-Untersuchung äußerst schwer zu identifizieren. Die Unternehmensstruktur sei extrem undurchsichtig, es gebe kein offizielles Organigramm und viele Unternehmen operierten über schwer nachvollziehbare Firmengeflechte. Recherchen, Dokumentenleaks und akademische Berichte deuteten jedoch auf einen extrem kleinen Kreis um Raúl Castro hin. „Nicht mehr als 15 Personen. Es sind keine öffentlichen Namen, sie sind sehr hermetisch“, zitiert der Bericht Emilio Morales, der sich auf das anonyme Zeugnis eines ehemaligen Gaesa-Mitarbeiters beruft. Die wahre Macht liege nicht bei den Generälen der Streitkräfte, betont Morales. „Raúl Castro wollte nie, dass die Generäle finanzielle Macht haben. Die Generäle sind für die politische Kontrolle da.“ Stattdessen sei Gaesa „für ein kleines Elitegrüppchen der Familie Castro und die engsten Vertrauten“ reserviert, erklärt der Akademiker Juan Antonio Blanco von der Plattform Cuba Siglo 21. Diese Elite bestehe aus dem familiären und militärischen Umfeld des offiziell zurückgetretenen, aber laut Analysten immer noch mächtigsten Mannes Kubas, des 94-jährigen Raúl Castro. Schlüsselfiguren seien sein 2022 verstorbener Ex-Schwiegersohn, General Luis Alberto Rodríguez López-Calleja, der als Architekt der Gaesa-Transformation gilt, und sein Enkel sowie Leibwächter Raúl Guillermo Rodríguez Castro, genannt „El Cangrejo“. Letzterer werde aufgrund seiner häufigen Privatflugreisen nach Panama (über 20 zwischen 2024 und 2025) direkt mit den Milliardengeschäften des Holdings in Verbindung gebracht. Die aktuelle Präsidentin von Gaesa, Brigadegeneral Ania Guillermina Lastres, habe nach Einschätzung der Experten hingegen vor allem eine operative Rolle und gehöre nicht zum eigentlichen Eigentümerkern mit Entscheidungsmacht und Zugang zu den Milliardenfonds. Milliardenguthaben und „parallele Reserven“: Wo ist das Geld? Die wahre finanzielle Dimension des Imperiums trat erst durch einen Dokumentenleak an die Öffentlichkeit, die der Miami Herald im letzten Jahr veröffentlichte. Laut diesen 22 internen Finanzberichten verschiedener Gaesa-Unternehmen kontrollierte der Konzern im März 2024 Vermögenswerte von mindestens 17,894 Milliarden US-Dollar, darunter 14,467 Milliarden Dollar liquide Mittel auf Bankkonten. Diese Zahlen schlössen noch nicht einmal Cimex, die größte Firma des Konglomerats, ein, sodass das tatsächliche Vermögen damals noch höher gelegen haben dürfte. Die Papiere offenbarten zudem eine erstaunliche Rentabilität: Bei Einnahmen von 5,563 Milliarden Dollar im August 2024 erzielte Gaesa einen Gewinn von über 2,1 Milliarden Dollar – eine Marge von fast 38 Prozent, die in der internationalen Wirtschaft außergewöhnlich hoch ist. Experten führen diese extreme Profitabilität auf mehrere Faktoren zurück: Gaesa konzentriere sich ausschließlich auf profitable, devisenbringende Sektoren und lasse defizitäre Bereiche wie Landwirtschaft oder das öffentliche Gesundheitswesen (abgesehen von den exportierten Medizinmissionen) außen vor. Zudem operiere es ohne nennenswerte Konkurrenz und profitiere von der Währungsdualität. „Ihre Einnahmen sind hauptsächlich in Dollar, in Devisen, und sie zahlen Löhne in kubanischen Pesos“, erklärt Ökonom Pavel Vidal. Durch das Dach der FAR könne Gaesa zudem Arbeitskraft und Material zu in Landeswährung kalkulierten Preisen beschaffen, die Erlöse aber in Dollar verbuchen. Besonders brisant ist die Einschätzung Vidals zum Verbleib der Milliarden. Ein Großteil der liquiden Mittel werde über den Banco Financiero Internacional (BFI) verwaltet, der zu Gaesa gehöre. „Ich habe in der Zentralbank gearbeitet und weiß, dass die internationalen Reserven Kubas nicht direkt von dieser Institution verwaltet werden, sondern vom BFI, der zu Gaesa gehört. In diesen 14,5 Milliarden Dollar muss man also verstehen, dass diese Reserven enthalten sind“, so Vidal. Es handele sich dabei de facto um „parallele internationale Reserven“ des Landes, die aber nicht unter der Kontrolle der Zentralbank stünden. Ihr Verbleib sei diversifiziert: teilweise im BFI, teilweise in internationalen Banken (russischen, chinesischen) und „wahrscheinlich in Steueroasen“, um sie vor Sanktionen zu schützen. Gaesas Rolle in der Krise: Tourismus statt Stromnetz Der wirtschaftliche Einfluss des Konglomerats auf Kuba ist laut Bericht enorm. Seine Transaktionen könnten schätzungsweise bis zu 40 Prozent des gesamten BIP des Landes ausmachen. Diese finanzielle Macht habe es Gaesa ermöglicht, eine Investitionsstrategie zu verfolgen, die sich von den dringendsten Bedürfnissen der Bevölkerung entkoppelt habe. Während die produktiven Sektoren verfielen und die Infrastruktur zerbröckelte, habe Gaesa Ressourcen in devisenbringende Projekte wie den Tourismus gesteckt. In Havanna seien imposante neue Hotels entstanden, die in scharfem Kontrast zum verfallenden Stadtbild stünden – und dies, obwohl die Touristenzahlen von 4,7 Millionen (2018) auf 1,8 Millionen (2025) eingebrochen seien. „Die Investition in Tourismus war sehr unverhältnismäßig und Investitionen in die Landwirtschaft, ins Stromnetz und in die Instandhaltung der Kraftwerke wurden vernachlässigt. Das erklärt teilweise, was jetzt passiert“, analysiert Pavel Vidal. Die Kontrolle über die lukrativen Medizinmissionen im Ausland, die in den letzten Jahren mehr Devisen als der Tourismus eingebracht hätten, sorge zudem dafür, dass ein Großteil dieser dringend benötigten Einnahmen im undurchsichtigen System des Militärunternehmens versickere. Angesichts der eskalierenden Krise und des verstärkten US-Drucks stellt der BBC-Bericht die Frage nach der Zukunft dieses parallelen Wirtschaftsimperiums, sollte es zu einem politischen Wandel kommen. Emilio Morales prognostiziert: „Wenn es einen Übergang gibt, stelle ich mir vor, dass eine der ersten Maßnahmen sein wird, das Geld von Gaesa zu finden, weil es in einer Phase der Stabilisierung, des Wiederaufbaus sehr gebraucht wird.“ Eine Anfrage von BBC Mundo an die kubanische Regierung zu den Vorwürfen bleibt unbeantwortet, wie abschließend vermerkt wird.
Quelle: BBC Mundo (https://t1p.de/k0qnk)
Autor: Leon Latozke
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