Neues aus Kuba
|
07.06.2026 09:00 Uhr
Die kubanische Revolution ist tot. Die internationale Linke muss das durchschlagend gescheiterte Projekt endlich begraben - zu diesem Schluss kommt die spanische Tageszeitung EL PAÍS.
In einem Gastbeitrag für die spanische Tageszeitung EL PAÍS zieht der chilenischen Journalist Patricio Fernández eine schonungslose Abrechnung mit dem politischen System Kubas und konstatiert das Ende der Revolution. Der Text zeichnet ein düsteres Bild der aktuellen Lage auf der Insel und kritisiert scharf sowohl die Regierung als auch die internationale Linke, die seiner Ansicht nach die Realität ignoriert. Fernández wirft die Frage auf, wie es um ein Projekt steht, das einst als „Illusion einer neuen Welt“ gefeiert wurde, nun aber vor einem Scherbenhaufen stehe.
„Es ist durchaus möglich, dass die kubanische Revolution bald stirbt“, beginnt Fernández. Vor etwas mehr als 67 Jahren sei sie mit großen Hoffnungen und Heilsversprechen gestartet. Fernández erinnert an die biblischen Parallelen, die damals gezogen wurden – zwölf Überlebende der Granma, ein Messias in Gestalt von Fidel Castro, der in Havanna Einzug hielt. „Eine Taube landete auf seiner Schulter, als er stundenlang das göttliche Wort rezitierte und das Paradies auf Erden vorhersagte“. Fernández unterteilt die Revolutionsgeschichte in verschiedene Phasen. Die 1960er Jahre bezeichnet er als die „romantische Periode“. In dieser Zeit habe ein großer Teil der lateinamerikanischen Intellektuellen seine Talente in den Dienst der guten Sache gestellt. Der Autor Norman Mailer habe Castro gar als „ersten und größten Helden seit dem Zweiten Weltkrieg“ bezeichnet. Doch diese Euphorie währte nicht lange. Mit den 1970er Jahren begann der sogenannte „Quinquenio Gris“ (fünfjährige Grauzeit). Die Inhaftierung des Dichters Heberto Padilla im Jahr 1971 leitete eine Ära der kulturellen Kontrolle und Verfolgung ein. Autoren, Künstler und Mitglieder der LGBTQ+-Gemeinschaft, die sich nicht an die Verhaltensnormen des Regimes hielten, wurden in die sogenannten UMAP (Militäreinheiten zur Unterstützung der Produktion), geschickt. Das Erstarken der totalitären Kontrolle auf der Insel fiel mit US-gestützten Putsche in der Region zusammenfiel. Kuba bot tausenden Verfolgten dieser Diktaturen Zuflucht. „Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätten die demokratischen Kräfte des Westens wahrscheinlich schneller von den makabren Gräueltaten erfahren, die das Karibikland verbarg (es gab keinen Mangel an dankbaren Linken)“, so Fernández. Die 1980er Jahre galten in Kuba dank umfangreicher sowjetischer Unterstützung als vergleichsweise stabile und wohlhabende Phase. Mit dem Ende des Kalten Krieges begann jedoch ein tiefgreifender Wandel. Zuvor hatte Kuba im angolanischen Bürgerkrieg die MPLA unterstützt; dabei kamen fast 2.000 kubanische Soldaten ums Leben. Der Einsatz wurde lange als Symbol nationalen Stolzes betrachtet, obwohl viele Rückkehrer traumatisiert waren. Dieses Bild erhielt 1989 einen schweren Schlag: Im sogenannten „Fall Nummer Eins“ wurden die angesehenen Militärs Arnaldo Ochoa, Tony de la Guardia, Jorge Martínez und Amado Padrón wegen Drogenhandels und Hochverrats angeklagt, zum Tode verurteilt und am 13. Juli 1989 hingerichtet. Die „am weitesten verbreitete Interpretation des Prozesses“ sei, so Fernández, dass es sich um eine politische Säuberung handelte. Ochoa habe aufgrund seiner Popularität und möglicher Sympathien für die Reformen Gorbatschows eine potenzielle Bedrohung für Castro dargestellt. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 begann die sogenannte „Sonderperiode“: Kuba ging das Öl aus, es kam zu Stromausfällen, die Menschen aßen Katzen. Aus dieser Zeit stamme der typisch kubanische Begriff „resolver“ – das Finden von unerhörten Lösungen für alltägliche Probleme, meist außerhalb des Gesetzes. Fernández hebt einen Aspekt hervor, der seiner Meinung nach selten thematisiert wird: die alltägliche Korruption. „Staatsgehälter reichen nicht aus, um sich irgendetwas leisten zu können“, schreibt er. LKW-Fahrer stehlen deshalb Treibstoff, staatliche Lebensmittelhändler verkaufen einen Teil unter der Hand, Verkehrspolizisten handeln Bußgelder aus. Das Ende der Sonderperiode kam mit dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, der ab 1999 Öl und Dollar nach Kuba brachte. Heute jedoch herrscht auf der Insel der Revolution Produktionsstillstand. „Es wird nichts mehr produziert. Nicht einmal Zucker“. In den fruchtbarsten Feldern wachse stattdessen der aggressive Marabú-Strauch. „Die Regierung hat eine Idee verkauft, ohne konkretes Produkt. Es scheint, als glaubten die kubanischen Führer, die Welt müsse sie dafür bezahlen, dass sie eine Lebensweise predigen, die sie nicht aufrechterhalten können“, so Fernandez. Das Scheitern der Revolution sei eine unbestreitbare Tatsache. Sie sei nie in der Lage gewesen, das materielle Wohlergehen ihrer Bevölkerung aus eigener Kraft zu sichern. „Als Fidel Castro lebte, diente das, was eine Volksregierung hätte sein sollen, nur dazu, eine Einzelperson zu verherrlichen.“ Die einzige Expertise, die die Revolution entwickelt habe, liege in der Kontrolle ihrer Einwohner durch Staatssicherheit, Aufklärung und Spionageabwehr. Dies sei während des Kalten Krieges sinnvoll gewesen, heute sei es absurd. „Die Kubaner hungern. Sie kochen mit Holzkohle. Niemand sammelt den Müll ein, der sich auf den Straßen stapelt; Infektionen und Gestank sind allgegenwärtig. Die Bevölkerung lebt im Dunkeln, während nur wenige Junge bleiben.“ Außerhalb der Regimeangehörigen sei es nahezu unmöglich, einen Regierungsbefürworter zu finden. „Man muss sie unter ausländischen Kommunisten suchen.“ Nur ideologische Blindheit rechtfertige eine solche Gleichgültigkeit. Fernandez räumt zwar ein, dass das US-Embargo existiere und der ehemalige Präsident Donald Trump es durch die Rückkehr Kubas auf die Liste der Staatssponsoren des Terrorismus noch verschärft habe. Dennoch bleibe das Scheitern der Revolution eine unbestreitbare Tatsache. Fernandez endet mit einer sarkastischen Pointe: "Die kubanische Revolution – einst die Illusion einer neuen Welt, in der die Dinge anders sein könnten – hat gerade den CIA-Direktor empfangen und ein Bestechungsgeld vom Imperium angenommen, das ihr vielleicht erlauben wird, noch ein paar Wochen zu überleben." Er fordert die politische Linke auf, sich von dem gescheiterten Projekt zu distanzieren. Das Eingeständnis des „durchschlagenden Scheiterns“ sei nicht nur nötig, um die leidende Bevölkerung zu retten, sondern auch, um zu einer Alternative zurückzukehren, „in der die Idee der Gemeinschaft ihren Wert zurückgewinnt“, so Fernandez. „Die Einladung zum Zusammenkommen sollte nicht wie leere Rhetorik klingen; es sollte ein intelligenter, glaubwürdiger und vertrauenswürdiger Vorschlag sein“.
Quelle: EL PAÍS (https://t1p.de/m06ii)
Autor: Leon Latozke
Letzte Meldungen
0 Kommentare
Ihr Kommentar wird veröffentlicht, sobald er genehmigt ist.
Antwort hinterlassen |


RSS-Feed