Neues aus Kuba
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07.05.2026 10:00 Uhr
Kubas Kampf um Energie und Ressourcen hinterlässt tiefe Spuren in der Umwelt. Experten sind alarmiert über steigende Belastungen von Wäldern, Küsten und Schutzgebieten. Historische Umwelterfolge stehen auf dem Spiel.
Abbildung: Eine der hochgradig bedrohten Polymita-Schnecken (Bildquelle: rappman, Polymita picta 13725281, Zuschnitt KUBAKUNDE, CC BY 4.)
Die systemischen Krisen, die Kuba seit Jahren erschüttern, hinterlassen nicht nur sichtbare Spuren in Wirtschaft und Gesellschaft. Sie haben auch eine unterschwellige, oft übersehene Dimension, wie die Experten der Stiftung Antonio Núñez Jiménez für Natur und Mensch (Fundación Antonio Núñez Jiménez - FANJ) nun präzise dokumentiert haben. Ihr Befund ist alarmierend: Der tägliche Kampf ums Überleben zwingt die Menschen in Kuba zu Praktiken, die den mühsam erzielten Umweltschutz der Insel systematisch untergraben. In einer öffentlichen Erklärung, die Ende April auf Facebook verbreitet wurde, warnen die Fachleute vor einem dramatischen Wandel. Demnach führt der zunehmende Holzverbrauch als Energiequelle in ländlichen und städtischen Randgebieten, die Intensivierung von Selbstversorgungsstrategien wie unselektiver Fischerei oder Wildtierfang sowie die übermäßige Ausbeutung mariner Ressourcen zu direkten Schäden an Böden, Gewässern und der Umweltgesundheit. Hinzu kommen massive Probleme in der Abfallwirtschaft, die die städtischen Ökosysteme belasten.
Selbst in den Schutzgebieten, die die Stiftung selbst verwaltet, steigt der Druck. „Dies gefährdet historische Fortschritte im Bereich Naturschutz und Nachhaltigkeit und bringt Gleichgewichte ins Wanken, die für die Gegenwart und Zukunft des Landes essenziell sind“, so die FANJ. Die eigentlich zentrale Frage, die sich aus diesem kaskadenartigen Zusammenbruch ergibt, findet jedoch kaum öffentliche Beachtung: Wie lassen sich Nachhaltigkeit und Umweltschutz – zentrale Indikatoren für die Entwicklung jeder Gesellschaft – in einem Umfeld permanenter Notlagen aufrechterhalten? Kuba hatte über Jahrzehnte eine in der Region beispiellose institutionelle Schutzarchitektur aufgebaut, mit über 140 Schutzgebieten, die 17,8 Prozent der Landfläche und 26,2 Prozent des Meeresbodens abdecken. Noch im Jahr 2024 bescheinigte der Environmental Performance Index der Yale-Universität dem Land eine weltweit führende Effektivität seiner Schutzgebiete. Die Warnung der FANJ zielt nun auf die reale Erosion dieser Errungenschaften unter dem Druck der Krise. Die Experten warnen, dass sich die Umweltpraktiken auf der Insel leise, aber beständig verändern. Der Druck auf die Natur ist heute in Kuba direkter und alltäglicher. In ländlichen Gebieten steigt die Holznutzung, in Küstenökosystemen wird unkontrolliert gesammelt und gefischt, und in Städten führen Abfallprobleme zu Boden- und Wasserverschmutzung. Als Betreiberin der Schutzgebiete Cuevas de Santa Catalina und Bellamar erlebt die Stiftung die Energiekrise hautnah: Wilderei auf Nagetiere wie Jutías und der Mangel an Treibstoff für Ranger und Verwalter schränken die Schutzwirkung massiv ein. Im Sumpfgebiet Ciénaga de Zapata steigt die Bedrohung für das endemische Kubakrokodil, das auf intakte Lebensräume angewiesen ist. Die fehlenden Ressourcen beeinträchtigen auch die operative Arbeit: Ohne Treibstoff sind Monitoringfahrten unmöglich, fehlende Materialien unterbrechen Projekte, und die Logistik für Gemeindearbeit wird zur Herausforderung. Im Nationalpark Alejandro de Humboldt, einem der artenreichsten Gebiete der Karibik, sind regelmäßige Kontrollen seltener geworden. Dennoch betont die FANJ die Widerstandsfähigkeit naturbasierter Lösungen, die auf lokalem Wissen und Ökosystemdynamiken beruhen. Die Rückbesinnung auf bioklimatische Bauprinzipien – die Nutzung von Palmblättern, die optimale Ausrichtung von Häusern oder traditionelle Lehmbautechniken – hat nach Hurrikanen ihre Effizienz bewiesen. Der Erhalt städtischer Wälder wie des Monte Barreto in Havanna, der als natürliches Drainagesystem fungiert, wird als essenziell erachtet, ebenso wie die Permakultur zur nachhaltigen Nahrungsmittelproduktion. Die Stiftung plädiert dafür, natürliche Kreisläufe wie den Laubfall zu respektieren, der kein Abfall, sondern ein Regenerationsmechanismus des Bodens ist. In Städten können Kompostierung und der Einsatz von Biodigestern Alternativen zum Holzkohle- und Holzverbrauch bieten. Gemeinschaftsinitiativen wie „Cuba limpia“ bekämpfen die Küstenverschmutzung, während in Schutzgebieten die Nutzung invasiver Pflanzen wie des Marabú als Brennstoff oder der Melaleuke zur Gewinnung ätherischer Öle praktiziert wird, um die heimische Biodiversität zu entlasten. Die verletzlichsten Errungenschaften sind laut den Experten jene, die Kontinuität erfordern: Umweltbildung, die kulturellen Wandel nur durch dauerhafte Präsenz bewirkt; nachhaltige Ressourcennutzung, die systematische technische Begleitung braucht; und Umweltmonitoring, das die Grundlage für fundierte Entscheidungen bildet. Unterbrochene Prozesse führen in einem Land mit hoher Artenvielfalt und Endemismus schnell zu Rückschritten – etwa bei hochgradig bedrohten Polymita-Schnecken, deren Überleben von konstantem Schutz abhängt. Die internen Hürden, so die Stiftung, liegen in den mangelhaften Basisdienstleistungen, der unzureichenden operativen Koordination und der fehlenden Flexibilität für lokale Lösungen. Die Energiekrise hat die Abfallentsorgung lahmgelegt, was zu Müllverbrennung und -ablagerung in Flüssen und Küsten führt. Diese Dringlichkeit untergräbt essenzielle Prozesse des Recyclings. Doch genau in dieser Zuspitzung, so der hoffnungsvolle Ansatz der FANJ, könnte auch ein Wendepunkt liegen: Die Notwendigkeit, Kreisläufe zu schließen und Praktiken zu überdenken, eröffnet möglicherweise neue Wege. Selbst in der Krise kann das Hindernis zum Pfad werden.
Quelle: FANJ/Juventud Rebelde (https://t1p.de/uo7vc), Open Library (https://t1p.de/pl26o)
Autor: Leon Latozke
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