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Kuba steckt in einer tiefen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise, die weit über die Folgen der US-Sanktionen hinausgeht. Acht renommierte kubanische Ökonomen sehen die Ursachen vor allem im eigenen System und fordern grundlegende Reformen – von politischer Öffnung über die Entmachtung des Militärs in der Wirtschaft bis hin zu marktwirtschaftlicher Liberalisierung.
21.10.2025 16:41 Uhr
Abbildung: Foto von Jeremy Stewardson auf Unsplash
Die kubanische Wirtschaft steckt in einer der schwersten Krisen seit Jahrzehnten – und das trotz, aber auch jenseits der US-Sanktionen. Acht der bekanntesten unabhängigen Ökonomen des Landes haben gegenüber der Nachrichtenagentur EFE deutlich gemacht: Die Blockadepolitik der USA ist nicht die einzige Ursache des Niedergangs. Die strukturellen und politischen Probleme im Inneren seien mindestens ebenso gravierend – und ohne tiefgreifende Reformen werde die Insel nicht aus der Misere herausfinden.
Die Diskussion fällt in eine Zeit, in der sich Kuba auf die jährliche Abstimmung in der UN-Generalversammlung vorbereitet, bei der die Regierung in Havanna erneut die Aufhebung der US-Sanktionen fordert. Zwar gilt der „Blockade“ als bedeutendes Hemmnis für Wirtschaftswachstum, doch die Experten mahnen, dass die Ursachen der Krise weit über die externen Beschränkungen hinausgehen. Sie empfehlen der Regierung, sich auf jene Bereiche zu konzentrieren, die sie selbst beeinflussen kann – anstatt sich ausschließlich auf diplomatische Appelle zu stützen. Die Ausgangslage ist dramatisch: Kuba leidet seit fünf Jahren unter einer tiefen Wirtschaftskrise, die sich inzwischen zu einer vielschichtigen Systemkrise ausgeweitet hat. Energieknappheit, Ernährungsunsicherheit, Produktionsausfälle, Währungsverfall, ein marodes Bankensystem und eine überforderte Staatsverwaltung haben das Land an den Rand des Kollapses gebracht. „Nicht der Markt ist das Problem, sondern die Angst davor“ Omar Everleny, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Havanna, sieht das Hauptproblem in der „überzentralisierten Planwirtschaft“. Die Regierung müsse den unterschiedlichen Eigentumsformen mehr Autonomie gewähren, die Bürokratie abbauen und den Marktmechanismen weniger misstrauen. Zwar seien die US-Sanktionen real und schädlich, „doch sie hängen nicht von der kubanischen Regierung ab – im Gegensatz zu den Reformen, die sie selbst blockiert“. Die in New York lehrende Ökonomin Tamarys Bahamonde beschreibt die Krise als „systemisch“. Alle Probleme – von Energie bis Finanzen – seien miteinander verflochten. „Man kann keines isoliert lösen, ohne alle anderen zu berühren“, sagt sie. Wirtschaftliche Öffnung und politischer Wandel als Voraussetzung Ricardo Torres, Forscher an der American University in Washington, betont, dass selbst unter den Bedingungen der Sanktionen erhebliche Spielräume bestehen: „Es gibt viel, was man tun könnte – von der Förderung ausländischer Investitionen über die Absicherung privater Eigentumsrechte bis hin zu einer stabilen Rechtsordnung und fairer Konkurrenz.“ Dafür müsse aber das bestehende System grundlegend reformiert werden – ein Schritt, den die Regierung scheue. Mauricio de Miranda, Professor in Kolumbien, geht noch weiter. Er fordert nicht nur ökonomische Reformen, sondern auch politische Öffnung und eine stärkere Einbindung der kubanischen Diaspora. Nur so ließen sich Wissen, Kapital und Ideen der außerhalb lebenden Kubaner für den Wiederaufbau nutzen. In wirtschaftlicher Hinsicht fordert er die Abschaffung der zentralen Wirtschaftsverwaltung, die Auflösung des militärisch kontrollierten Wirtschaftskonglomerats GAESA und die Gleichstellung aller Wirtschaftsakteure – staatlicher wie privater. Verfassung und Realität im Widerspruch Auch Pedro Monreal, einer der profiliertesten Ökonomen des Landes, sieht im politischen Rahmen die zentrale Blockade. Der erste Schritt müsse die Streichung des Prinzips der „planmäßigen Lenkung der Wirtschaft“ aus der Verfassung von 2019 sein. Solange dieses Dogma bestehen bleibe, könne Kuba sich nicht innerhalb des bestehenden Systems erholen. „Ein solcher Wandel würde eine grundlegende Umgestaltung des politischen und wirtschaftlichen Modells erfordern, zu der die Führung offenbar nicht bereit ist“, warnt Monreal. Wachsende Skepsis unter Verbündeten Der kubanisch-amerikanische Ökonom Carlos Martínez lenkt den Blick auf konkrete Wirtschaftsbereiche: Die Regierung müsse aufhören, produktive Sektoren wie Landwirtschaft, Energie und Telekommunikation zu monopolisieren. Insbesondere die Landwirtschaft leide unter dem staatlichen Eigentum an den meisten Flächen. Nur durch Liberalisierung und Wettbewerb könne dort ein Aufschwung gelingen. Für Pavel Vidal, ebenfalls Professor in Kolumbien, steht fest, dass Havanna erst mit glaubwürdigen Reformschritten Vertrauen schaffen muss – auch unter seinen Partnern. „Nicht einmal die eigenen Verbündeten investieren, solange sie nicht an eine ernsthafte Reform glauben“, erklärt er. Selbst enge Partner wie Russland und China hätten das Vertrauen in Kubas Wirtschaftsmodell teilweise verloren, da sie dessen strukturelle Schwächen genau kennen. Von der Krise zum Kollaps Miguel Alejandro Hayes vom Institut für Karibikforschung sieht die Lage noch pessimistischer. Angesichts des niedrigsten Pro-Kopf-Einkommens Lateinamerikas, einer stagnierenden Industrie und eines massiven Investitionsstaus – den er auf 60 Milliarden Dollar beziffert – sei von einer „wirtschaftlichen Katastrophe“ zu sprechen. Kleinere Anpassungen oder kosmetische Reformen würden nichts mehr bewirken. „Nur eine kombinierte wirtschaftliche und politische Transition kann Kuba retten“, sagt er. Ein Land am Scheideweg Die Stimmen der Ökonomen zeichnen ein eindeutiges Bild: Kuba steht nicht nur vor einer wirtschaftlichen, sondern vor einer systemischen Krise, die das bestehende Modell grundsätzlich infrage stellt. Während die Regierung weiter auf internationale Solidarität und das Ende der US-Sanktionen setzt, fordern Fachleute tiefgreifende Veränderungen im Inneren – von politischer Öffnung über Entmilitarisierung der Wirtschaft bis hin zu marktwirtschaftlicher Liberalisierung. Ob Havanna diesen Weg beschreiten wird, bleibt offen. Doch die Zeit für kosmetische Maßnahmen scheint abgelaufen. Immer mehr Experten sehen die Wahl zwischen einem umfassenden Neuanfang – oder dem schrittweisen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kollaps.
Quelle: EFE (https://t1p.de/cgoqx)
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Text: Leon Latozke
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