Neues aus Kuba
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03.05.2026 09:00 Uhr
Jahrzehntelang haben ideologische Dogmen den Kubanern geschadet. Jetzt könnte Trumps nüchterner Ansatz neue Chancen eröffnen - meint der angesehene britische Economist.
Seit sieben Jahrzehnten leiden die Kubaner unter den Folgen ideologischer Verhärtungen – sowohl auf der Insel als auch im Exil. Während die kommunistische Führung in Havanna an einem gescheiterten Revolutionsprojekt festhält, das die Bevölkerung mit Stromausfällen, Nahrungsmittelknappheit und Medikamentenmangel quält, hat sich eine zweite Front der Unnachgiebigkeit etabliert: die hardliner kubanisch-amerikanischen Exilgemeinden in Florida.
Doch ausgerechnet Donald Trump, der polarisierendste US-Präsident der jüngeren Geschichte, könnte der Schlüssel zu einer Wende sein. Zu diesem Ergebnis kommt ein Artikel den die renommierte britische Wochenzeitung The Ecomomist jetzt veröffentlicht hat. Trumps Politik der „maximalen Sanktionen“ gegen Kuba mag demnach auf den ersten Blick wie eine Fortsetzung des Embargos erscheinen, das seit den 1960er Jahren die Karibikinsel stranguliert hat. Aber Trumps Ansatz unterscheidet sich fundamental von den dogmatischen Positionen seiner Vorgänger: Er ist frei von ideologischen Zwängen, pragmatisch bis zur Zynik, und genau das könnte die Sackgasse öffnen, in der sich die Kuba-Politik seit Jahrzehnten befindet. Die Situation auf der Insel ist verheerend. Fast elf Millionen Kubaner erwachen täglich zu einem Leben ohne ausreichende Nahrung, ohne verlässliche Stromversorgung, ohne sauberes Wasser. Die Machthaber in Havanna – ein kleiner Kreis alternder Revolutionäre um den 95-jährigen Raúl Castro – klammern sich an die Macht aus Angst vor Reformen, die ihr System infrage stellen könnten. Ihre Haltung gegenüber Washington ist geprägt von trotziger Konfrontation. Trumps Administration hat diese Isolation dramatisch verschärft, indem sie die Öllieferungen aus Venezuela, Russland und anderen traditionellen Partnern Kubas abgeschnitten hat. Die Folge sind stundenlange Stromausfälle, die den Alltag zur Qual machen. Mit beispiellosen Finanzsanktionen hat Trump zudem langjährige internationale Investoren vertrieben. Seine Spezialeinheiten entführten den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro, einen engen Verbündeten Kubas, und drohen nun auch der Führung in Havanna mit einem „freundlichen Übernahme“. Diese aggressive Gangart scheint auf den ersten Blick die Unnachgiebigkeit der Exil-Kubaner zu bestätigen, die seit Jahrzehnten auf eine gewaltsame Wende hoffen. Doch Trumps Politik unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von der der Hardliner wie Marco Rubio, seinem Außenminister und selbst Kind kubanischer Einwanderer. Während Rubio und andere Exil-Vertreter die totale Isolierung und den Sturz des Regimes durch Druck von außen fordern, ist Trump weniger an Idealen interessiert – er will Ergebnisse. Ehemalige Mitarbeiter berichten, der Präsident mache sich wenig aus Kuba als solchem, sondern er wolle als derjenige in die Geschichte eingehen, der die Castros gestürzt habe. Dieser pragmatische Zynismus könnte sich als überraschend wirksam erweisen. Denn er eröffnet Raum für Verhandlungen, für Deals, die die traditionellen Lager in den USA und in Kuba gleichermaßen überraschen. Im Exil selbst wächst die Skepsis gegenüber der alten Hardliner-Strategie. Orlando Gutiérrez-Boronat, Sekretär der Assembly of the Cuban Resistance, feiert zwar die Anklage gegen Raúl Castro wegen des Abschusses zweier ziviler Flugzeuge im Jahr 1996 und träumt von dessen Verhaftung. Er prophezeit eine Welle von Protesten, die letztlich zum Zusammenbruch des Regimes führen werde – nach dem Vorbild von Polen oder der Tschechoslowakei 1989, „mit etwas Rumänien“. Diese Vision einer gewaltsamen Implosion ist jedoch nicht unumstritten. Marcell Felipe, Vorsitzender des American Museum of the Cuban Diaspora, warnt vor einem Szenario wie in Venezuela: Nach der Entführung Maduros setzte Washington dessen Stellvertreterin Delcy Rodríguez als gefügige Autokratin ein. „Das ist kein Modell, das die Gemeinschaft für Kuba akzeptieren wird“, sagt Felipe. Er hofft auf einen „weißen Ritter“ aus den Reihen der kubanischen Führung, der mit Washington paktieren würde. Die Realität sieht jedoch anders aus. Ricardo Zúñiga, ehemaliger Diplomat und Architekt von Barack Obamas Annäherung an Kuba, hält die Vorstellung eines internen Dissidenten für naiv. „Das Regime funktioniert nicht so. Es ist ein Konsortium von Menschen mit Waffen und dem Willen, an der Macht zu bleiben.“ Er prophezeit eine anhaltende Pattsituation, allenfalls unterbrochen von militärischen Aktionen, die wenig verändern. Frühere Öffnungsversuche seien nicht nur an der Reformangst der Kubaner gescheitert, sondern auch an den begrenzten Machtbefugnissen der US-Präsidenten, die das Embargo nicht allein aufheben können – das ist Sache des Kongresses. Genau hier liegt nach Einschätzung vom Economist Trumps entscheidender Vorteil. Der Präsident, der sich selten um juristische Feinheiten oder den Willen des Kongresses schert, hat einen Spielraum, den keiner seiner Vorgänger hatte. Joe Garcia, ein ehemaliger demokratischer Kongressabgeordneter aus Florida, ist überzeugt, dass Trump besser als jeder Präsident vor ihm in der Lage wäre, das Embargo zu beenden. Die Hardliner aus Miami würden nicht rebellieren, argumentiert Garcia. „Wenn Trump sagt: Wir werden sie mit dem Kapitalismus erledigen, und Marco Rubio sagt: In drei Jahren wird es Wahlen geben, dann ziehen die Kubaner-Amerikaner mit.“ Selbst wenn einige Republikaner im Kongress meutern, könnten genügend Demokraten mit Trump stimmen, um das Embargo aus humanitären Gründen aufzuheben. Diese pragmatische, fast zynische Kalkulation könnte tatsächlich die ideologischen Blockaden durchbrechen, die seit Jahrzehnten jede Lösung verhindern. Die Zeichen mehren sich, dass die kubanische Exil-Gemenschaft selbst für einen pragmatischen Ansatz bereit ist. In Hialeah, einem Arbeitervorort von Miami, stehen kürzlich eingewanderte Kubaner Schlange vor Cubamax, einem Online-Supermarkt und Versandunternehmen. Sie schicken Solarpanels, Akkulampen, Fahrräder und Trockennahrung zu ihren Familien auf der Insel. Ein ehemaliger Englischlehrer aus Kuba, der Reis und Bohnen verschickt, empfindet Trumps Politik als weniger radikal als die von Rubio: „Rubio will Regimewechsel, aber sein Weg führt ins Chaos.“ Diese Haltung zeigt, dass viele Kubaner, die die Härten des Lebens unter Castro erlebt haben, bereit sind, alte Dogmen über Bord zu werfen. Die reine Verurteilung des Regimes hat die Castros nicht besiegt – sie haben zwölf US-Präsidenten überlebt. Wenn es klugem Handel gelingt, die Insel zu öffnen, und das Regime zu einer Gegenleistung fähig ist, dann würde Donald Trump jeden Friedenspreis verdienen, den er beansprucht. Die Ironie der Geschichte will es, dass ausgerechnet ein Mann, der für seine Skrupellosigkeit bekannt ist, Kubas erstarrte Fronten aufbrechen könnte – nicht aus Idealismus, sondern aus nüchternem Kalkül.
Quelle: The Economist (https://t1p.de/2skba)
Autor: Leon Latozke
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