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12.09.2026 08:00 Uhr
NOAA und WMO rechnen für den Winter 2026/27 mit einem besonders starken El-Niño-Ereignis. Kubanische Meteorologen warnen vor Hitze, Dürre und Wasserstress – auch wenn die Hurrikansaison insgesamt schwächer ausfallen könnte.
Abbildung: Camazán Stausee in Holguin (Symbolbild). Landesweit schwanken die Füllstände der kubanischen Speicherbecken teils erheblich. Bildquelle P199, Embalse Camazan, Zuschnitt KUBAKUNDE, CC BY-SA 4.0
Das Klimaphänomen El Niño gewinnt in der zweiten Jahreshälfte 2026 an Kraft und droht nach Einschätzung internationaler Organisationen die Ernährungssicherheit weiter Teile Lateinamerikas zu gefährden. Auch Kuba, das bereits seit Jahren mit Dürre und wirtschaftlicher Krise kämpft, gerät zunehmend in den Fokus der Prognosen.
El Niño bezeichnet die Warmphase eines größeren Klimamusters, das Fachleute als El Niño-Südliche Oszillation (ENSO) benennen: ein periodisches Wechselspiel zwischen Ozean und Atmosphäre im äquatorialen Pazifik, das neben der Erwärmungsphase El Niño, in der die Temperatur der Oberflächengewässer im äquatorialen Pazifik stark ansteigt, auch eine Abkühlungsphase (La Niña) sowie neutrale Übergangsmonate umfasst. Die Warmphase selbst tritt im Schnitt alle zwei bis sieben Jahre auf und hält neun bis zwölf Monate an. In Lateinamerika führt sie typischerweise zu extremen Temperaturen oder ausbleibenden Niederschlägen mitten in der Regenzeit. Warnung vor Hungerkrise
Die WFP-Regionaldirektorin für Lateinamerika und die Karibik, Lena Savelli, bezifferte Anfang September bei einem Besuch in Honduras die Zahl der Menschen, die durch die von El Niño verursachte Dürre zusätzlich von Ernährungsunsicherheit betroffen sein könnten, auf 16 Millionen in Lateinamerika – weltweit rechne das Welternährungsprogramm mit rund 49 Millionen zusätzlich betroffenen Menschen. Besonders betroffen sei der mittelamerikanische Trockenkorridor: Honduras habe seit August fast 80 Prozent seines Staatsgebiets unter Vorwarnstufe gestellt, El Salvador und Panama den nationalen Notstand ausgerufen. In El Salvador stünden laut dem Verband kleiner und mittlerer Agrarproduzenten rund 6,9 Millionen Quintales an Mais, Bohnen und Sorghum auf dem Spiel – die gesamte im August und September ausgesäte Ernte.
Auch Kuba betroffen
Auch für Kuba rechnen Fachleute mit spürbaren Folgen. Die US-Wetterbehörde NOAA bestätigte, dass El-Niño-Bedingungen bereits vorliegen und sich im nordhemisphärischen Winter 2026/27 voraussichtlich verstärken; ihr Klimavorhersagezentrum sieht eine Wahrscheinlichkeit von 63 Prozent, dass das Phänomen zwischen November 2026 und Januar 2027 eine sehr starke Intensität erreicht – ein Ausmaß, das zu den stärksten der seit 1950 geführten Statistik zählen würde.
Das kubanische Wetterinstitut (Insmet) geht von einem besonders heißen Sommer mit ausbleibenden Regenfällen aus, Die kubanischen Meteorologen halten die Hurrikansaison insgesamt für unterdurchschnittlich aktiv und beziffern die Wahrscheinlichkeit eines direkten Hurrikantreffers auf 40 Prozent, die eines tropischen Sturms auf 75 Prozent. Das Zusammenspiel atmosphärischer und ozeanischer Faktoren könne meteorologische Dürre und Wasserstress begünstigen – mit Folgen nicht nur fürs Wetter, sondern auch für Landwirtschaft, Energieversorgung, öffentliche Gesundheit und die Planung der Wasserressourcen, so die Experten vom kubanischen Meteorologie-Institut. Bereits im August hatten kubanische Meteorologen vor Extremhitze und Dürre durch El Niño gewarnt. Die Zyklonsaison 2026 stehe deshalb unter besonderer Beobachtung, unter anderem durch Übungen wie „Meteoro" zur Verringerung von Verwundbarkeiten – zumal Kuba sich von den Schäden des Hurrikans Melissa im Oktober 2025 mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 Kilometern pro Stunde und lokalen Niederschlägen von bis zu 400 Millimetern noch nicht vollständig erholt habe. Wassermangel ist längst Realität
In Teilen der Insel ist die Wasserkrise bereits akut. In der zentralen Provinz Ciego de Ávila herrscht seit mehr als fünf Jahren eine extreme Dürre; die Grundwasserstände haben sich bislang nicht erholt, die Stauseen der Provinz sind im Schnitt nur zu 46 Prozent gefüllt – betroffen ist die Wasserversorgung von rund 60 Prozent der Provinzbevölkerung. Auch anderswo im Land ist Wasserknappheit ein chronisches Problem. Im Osten der Insel zeigt sich dagegen ein Paradox: Die Stauseen der Provinz Granma füllten sich dank ergiebiger Regenfälle seit September 2025 und durch Hurrikan Melissa wieder auf 74 bis 75 Prozent ihrer Kapazität. Das gespeicherte Wasser erreicht die Felder jedoch kaum – beschädigte Bewässerungskanäle und Treibstoffmangel für die Landmaschinen bremsen die für 2026 geplante Reiskampagne aus, sodass die Provinz nach eigenen Angaben nur rund 20 Prozent ihres tatsächlichen Produktionspotenzials nutzt, obwohl landesweit eine Anbaufläche von 200.000 Hektar angestrebt wird.
Eine strukturell fragile Versorgungslage
Kubas Verwundbarkeit gegenüber Klimaschocks trifft auf eine ohnehin angespannte Wirtschafts- und Versorgungslage. Nach Angaben des Welternährungsprogramms belegt Kuba im Human Development Index 2025 Platz 97 von 193 Staaten, gleichzeitig wachse die Zahl der Familien mit Schwierigkeiten bei Ernährungssicherheit und Ernährung. Das Land hat in den vergangenen sechs Jahren eine Wirtschaftsschrumpfung von 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erlebt, begleitet von anhaltender Inflation, sinkenden Staatseinnahmen und Treibstoffknappheit. Der eingeschränkte Zugang zu Devisen haben das Angebot sowohl heimischer als auch importierter Lebensmittel spürbar verringert; die staatliche monatliche Grundversorgungsration hänge fast vollständig von Importen ab, bei deren Verteilung die Regierung selbst Engpässe und Verzögerungen einräumt. 2024 unterstützte das WFP nach eigenen Angaben 1,3 Millionen der insgesamt 9,8 Millionen Einwohner Kubas. Die kubanische Regierung reagierte zuletzt unter anderem mit einem Gesetzesentwurf zur „Lebensmittelautonomie" sowie wiederholt verlängerten Zollbefreiungen für Lebensmittel- und Medikamenteneinfuhren.
Wettlauf gegen die Zeit
Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) warnt in ihrem Bericht „El Niño 2026–2027 und die Arbeitswelt in Lateinamerika und der Karibik" davor, dass informelle, ländliche und im Freien tätige Arbeitskräfte am stärksten betroffen seien; der Bericht bezeichnet das aktuelle El-Niño-Ereignis vor allem als Prüfstein für die institutionelle Widerstandsfähigkeit der Region angesichts sich häufender externer Schocks. Erste Länder setzen auf vorausschauende Maßnahmen: Im mittelamerikanischen Trockenkorridor erhalten Landwirte inzwischen Warnhinweise, wann gesät werden sollte – ergänzt um Ansätze wie Klimaversicherungen. Das staatliche kubvanusche WEebportal Cubadebate betonte in einer Analyse, El Niño sei keine isolierte Bedrohung und kein unausweichliches Katastrophenszenario, sondern ein klimatisches Signal, das Vorbereitung, Wissen und Reaktionsfähigkeit erfordere. Nach Einschätzung der WMO dürfte das Phänomen seinen Höhepunkt zwischen November und Januar erreichen; seine wirtschaftlichen Folgen dürften sich bis weit ins Jahr 2027 fortsetzen.
Quellen: Havana Times, CONNECTAS, Infobae, El Tiempo, ABC Economía, WFP, Cubadebate, directoriocubano.info, Granma, ACN, 14ymedio
Autor: Leon Latozke
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