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Er entführte ein Flugzeug von Kuba nach Florida: Adermis Wilson González zwischen Freiheit und Angst19/10/2025
Adermis Wilson González entführte 2003 ein Flugzeug von Kuba nach Florida – mit selbstgebastelten Attrappen-Granaten. Nach 20 Jahren Haft in den USA wurde er 2025 nach Mexiko abgeschoben, wo er heute im Exil lebt.
19.10.2025 09:00 Uhr
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Fast 23 Jahre nach seiner spektakulären Flugzeugentführung auf Kuba lebt Adermis Wilson González heute im mexikanischen Exil – ohne Geld, ohne Papiere und mit der ständigen Angst, an die kubanischen Behörden ausgeliefert zu werden. Der 56-Jährige, den Fidel Castro einst als „sehr gewitzten Mann“ bezeichnete, hat zwei Jahrzehnte in US-Gefängnissen verbracht, bevor ihn die Vereinigten Staaten im September 2025 nach Mexiko abschoben. Seine Geschichte ist ein Beispiel für die Verwerfungen zwischen politischem Kalkül, Flucht, Schuld und Strafe – und zeigt zugleich, wie lange Kubas Konflikte mit Dissidenten und Flüchtlingen nachwirken.
Am 31. März 2003 bestieg Wilson mit seiner Frau und seinem Sohn auf der Isla de la Juventud eine Maschine des Typs Antonow An-24, die nach Havanna fliegen sollte. Mit zwei selbstgebastelten Handgranaten zwang er den Piloten, den Kurs auf Florida zu ändern. Als das Flugzeug jedoch nur noch Treibstoff für den Weg nach Havanna hatte, begann eine stundenlange Geiselnahme am Flughafen José Martí, die sich bis zum nächsten Tag hinzog. Fidel Castro persönlich griff zum Telefon, um mit dem Entführer zu verhandeln. Doch Wilson, entschlossen, seine Familie aus Kuba herauszubringen, ließ sich nicht umstimmen. Er drohte, die Maschine in die Luft zu sprengen, wenn sie nicht aufgetankt würde. Erst nach 15 Stunden gaben die Behörden nach: Das Flugzeug erhielt Treibstoff, startete erneut und landete am 1. April 2003 in Key West – eskortiert von US-Kampfjets. Erst dort stellte sich heraus, dass die Granaten Attrappen waren, die Wilson aus Gips und Fahrradteilen gebaut hatte. Seine Täuschung hatte funktioniert – die Passagiere überlebten, er selbst landete in den Händen der US-Justiz. Während 15 der Passagiere in den USA Asyl erhielten, wurde Wilson des Luftpiraterie schuldig gesprochen. Ein Bundesgericht verurteilte ihn zu 20 Jahren Haft – eine Ausnahme unter den kubanischen Flugzeugentführern jener Zeit. Während andere unter Berufung auf politische Verfolgung freikamen, verweigerten ihm die Behörden jeglichen Schutzstatus. In den folgenden zwei Jahrzehnten saß Wilson in verschiedenen US-Bundesgefängnissen. Er rauchte nicht, hielt sich von Drogen fern, bildete sich weiter. Im Gefängnis erwarb er Abschlüsse in Bauingenieurwesen und Logistik. Doch die Haftzeit bezeichnet er rückblickend als „Hölle“. Nur einmal durfte seine Mutter, die damals noch auf Kuba lebte, ihn besuchen. „Diese Orte sind nicht für Mütterherzen gemacht“, erinnert er sich. 2021, nach Ablauf seiner Strafe, kam Wilson in ein Abschiebezentrum im US-Bundesstaat Georgia. Kuba weigerte sich, ihn zurückzunehmen – ein Schicksal, das viele kubanische Exilhäftlinge teilen. Aus gesundheitlichen Gründen wurde er schließlich auf Bewährung entlassen und versuchte, in den Vereinigten Staaten ein neues Leben zu beginnen. In Texas begann Wilson, als Bauarbeiter zu arbeiten. „Ich hatte nichts – nur ein bisschen Freiheit“, sagte er rückblickend. Doch diese Freiheit währte nicht lange. Im Juni 2025, vier Jahre nach seiner Entlassung, wurde er vor seinem Haus in Houston von maskierten ICE-Agenten festgenommen. Grund: sein abgelaufener kubanischer Ausweis – das einzige Dokument, das seine Identität belegte. Nach Wochen in Abschiebehaft wurde Wilson im September an der Grenze zu Mexiko den dortigen Behörden übergeben. Heute lebt er in einer bescheidenen Wohnung, gemeinsam mit drei weiteren nach Mexiko abgeschobenen Kubanern. Seine Tage bestehen aus Papierkram, kurzen Spaziergängen und Telefonaten mit seiner 87-jährigen Mutter, die in Texas lebt und aufgrund einer Alzheimer-Erkrankung glaubt, ihr Sohn arbeite in Kalifornien. Obwohl Wilson nach zwei Jahrzehnten Haft und einem halben Leben im Exil kaum noch Hoffnung auf ein geregeltes Dasein hat, bleibt seine größte Sorge die Rückkehr nach Kuba. „Die Angst ist wie meine Unterwäsche, meine Socken, das Wasser, mit dem ich mir morgens das Gesicht wasche“, sagt er. „Wenn die mexikanischen Behörden mich nicht behalten wollen, schicken sie mich nach Kuba zurück – und dort weiß ich, was mich erwartet.“ Die kubanischen Behörden betrachten ihn weiterhin als Schwerverbrecher. Dass er damals niemanden verletzte und seine Waffen Attrappen waren, spielt für das Regime keine Rolle. Wilson selbst zeigt Reue – nicht über den Entschluss zu fliehen, wohl aber über die gewählte Methode. „Ich würde Kuba wieder verlassen, aber auf eine andere Weise“, sagt er. Der Fall Adermis Wilson González steht exemplarisch für das Dilemma vieler Kubaner, die seit Jahrzehnten zwischen den Fronten von Ideologie, Flucht und Bürokratie geraten. Seine Entführung fiel in eine Zeit, in der zahlreiche Kubaner versuchten, mit Booten, gestohlenen Flugzeugen oder improvisierten Flößen in die USA zu gelangen. Nur wenige fanden dauerhaft Schutz. Wilson selbst ist in den USA nie wirklich angekommen, in Mexiko kein anerkannter Flüchtling, auf Kuba ein Feind des Staates. Seine Geschichte ist ein Kapitel aus der langen Chronik der gescheiterten kubanischen Migrationsträume – ein Leben zwischen Haft, Hoffnung und Heimatlosigkeit. Wenn er heute gefragt wird, ob er noch an Kuba denkt, antwortet er ohne Zögern: „Ay, mija – ich wünschte, ich könnte die Luft meiner Heimat nur für drei Minuten atmen.“
Quelle: El País (https://t1p.de/pa29i)
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