Neues aus Kuba
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27.07.2026 10:00 Uhr
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Ein Bruch mit jahrzehntelanger Tradition: Der 95-jährige Ex-Präsident bleibt der Kundgebung am 26. Juli erstmals seit Jahrzehnten fern. Während Havanna schweigt, wächst die Spekulation über seinen Gesundheitszustand.
Abbildung: Symbolbild/Screenshot. Bildquelle: Video. Rechte beim Uploadenden.
Zum ersten Mal seit mindestens drei Jahrzehnten hat Raúl Castro den wichtigsten Feiertag der kubanischen Revolution ausgelassen. Der 95-Jährige fehlte am Sonntag bei der zentralen Gedenkveranstaltung zum 73. Jahrestag des Moncada-Angriffs in Pinar del Río – ohne dass die Staatsführung eine Erklärung dafür lieferte. Präsident Miguel Díaz-Canel verlas an seiner Stelle eine kurze, handschriftliche Grußbotschaft des früheren Machthabers an die Bewohner der Provinz.
Bruch mit der Tradition
Der 26. Juli ist für das kubanische Regierung, was der 3. Oktober für Deutschland ist – nur mit deutlich martialischerem Unterton. Der Tag erinnert an den gescheiterten Sturm auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba im Jahr 1953, mit dem Fidel und Raúl Castro den bewaffneten Kampf gegen die Batista-Diktatur eröffneten. Der Angriff misslang militärisch vollständig, wurde aber zum Gründungsmythos der Revolution, die sechs Jahre später an die Macht kam. Bis heute gilt die Teilnahme an der jährlichen Zeremonie als Pflichttermin für die Führungsriege der Insel.
Dass ausgerechnet Raúl Castro, der bis 2021 offiziell an der Staats- und Parteispitze stand und auch danach als graue Eminenz im Hintergrund galt, nun fernblieb, wiegt entsprechend schwer. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP gibt es keine Aufzeichnungen darüber, dass er die Zeremonie in den vergangenen Jahrzehnten je verpasst hätte. Auch sein Enkel Raúl Guillermo Rodríguez Castro, der inoffiziell als Kontaktmann zu Washington fungiert, war nicht anwesend. Castros letzte bestätigte öffentliche Auftritte liegen bereits Wochen zurück: eine Feier des Innenministeriums am 6. Juni und der traditionelle Umzug zum 1. Mai. Offiziell schweigt sich Havanna über die Gründe aus. Díaz-Canel selbst hat allerdings in der Vergangenheit auf gesundheitliche Probleme und das fortgeschrittene Alter Castros hingewiesen – eine indirekte Bestätigung, dass hinter der Abwesenheit mehr steckt als ein Terminkonflikt. Spott statt Feierlaune
Die kurze Botschaft, die Díaz-Canel im Namen Castros verlas, sorgte in den sozialen Netzwerken prompt für bittere Kommentare. Castro dankte darin den Bewohnern von Pinar del Río für ihr revolutionäres Engagement und ihre "schöpferische Arbeit". Angesichts der Strom-, Wasser- und Versorgungskrise, die gerade die westlichen Provinzen der Insel besonders hart trifft, konterten Nutzer im Netz sinngemäß, man bedanke sich mit weiteren 48 Stunden Stromausfall. Der Unmut über die miserable Versorgungslage, der Kuba seit Monaten begleitet, bricht sich damit selbst am symbolträchtigsten Feiertag des Regierung Bahn.
Díaz-Canel wählt scharfe Töne gegen Washington
Inhaltlich nutzte Díaz-Canel die Rede vor allem, um gegen die US-Regierung zu wettern. Er wies einen aktuellen Bericht des amerikanischen Außenministeriums zurück, wonach Kuba seit Jahrzehnten ein Spionage- und Einflussnetzwerk gegen die USA und Lateinamerika unterhalte. Stattdessen zeichnete er das Bild einer belagerten Nation: Jede Woche verhänge Washington neue Strafen gegen kubanische Unternehmen und Funktionäre, jeden Tag werde eine neue Drohung gegen die Revolution ausgesprochen.
Besonders scharf fiel sein Vergleich der Trump-Regierung mit historischen Gewaltregimen aus. Kuba sei Opfer eines "kalt kalkulierten Genozids", sagte der Präsident und sprach von "maximalem Druck" und gezielter "wirtschaftlicher Erdrosselung". In einer weiteren Zuspitzung setzte er die US-Politik mit der NS-Zeit gleich und erklärte, zunächst seien Gaza, Libanon und der Iran ins Visier genommen worden, heute treffe es Kuba – morgen könne es jede andere Nation sein. Die Rhetorik reiht sich in ein bekanntes Muster: Je größer die hausgemachten Probleme – Stromausfälle, Versorgungsengpässe, eine Wirtschaft im freien Fall –, desto lauter die Beschwörung eines äußeren Feindes. Neu ist allerdings die Wucht des historischen Vergleichs, mit dem Díaz-Canel die US-Sanktionspolitik in eine Reihe mit Kriegsverbrechen stellt. Was die Abwesenheit Castros bedeuten könnte
Für Kuba-Beobachter ist die Leerstelle in Pinar del Río mehr als ein Randdetail. Raúl Castro hat zwar seit seinem Rückzug von der Parteispitze 2021 formal keine Ämter mehr inne, gilt aber weiterhin als letzte lebende Verbindung zur revolutionären Gründergeneration und als moralische Autorität, an der sich Díaz-Canel bislang legitimierte. Sein öffentliches Zurückweichen – ob aus gesundheitlichen Gründen oder als bewusstes Signal – fällt in eine Phase, in der das Land ohnehin mit multiplen Krisen kämpft: einem kollabierenden Stromnetz, der jüngst verabschiedeten Reform mit 176 Wirtschaftsmaßnahmen und einer historisch angespannten Beziehung zu Washington.
Sollte sich Castros Gesundheitszustand tatsächlich verschlechtern, dürfte die Frage der Nachfolge und der ideologischen Legitimation für Díaz-Canel und die kubanische Führung in den kommenden Monaten noch drängender werden – ausgerechnet in einem Moment, in dem das Regime ohnehin um das Vertrauen einer zunehmend erschöpften Bevölkerung ringt. Autor: Leon Latozke
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