Neues aus Kuba
|
17.04.2026 13:00 Uhr
Die Entscheidung von Iberia, ihre Direktflüge nach Kuba ab Juni 2026 auszusetzen, ist ein weiterer schwerer Schlag für den Tourismussektor der Insel. Sie folgt dem Rückzug weiterer internationaler Airlines und offenbart eine tiefe Krise. Experten warnen, dass der Tourismusrückgang die gesamte Wirtschaft trifft, da er dringend benötigte Deviseneinnahmen um Hunderte Millionen Dollar reduziert und einen Teufelskreis in Gang setzt.
Der schrittweise Rückzug internationaler Fluggesellschaften von der Karibikinsel Kuba offenbart eine tiefgreifende strukturelle Krise, die weit über den Luftverkehr hinausreicht. Die jüngste Ankündigung der spanischen Iberia, ihre Direktverbindungen aus Spanien ab Juni 2026 vorübergehend auszusetzen, ist dabei nur der vorläufige Höhepunkt einer längeren Abwärtsspirale. Wie die Airline gegenüber DW erklärte, sei die Entscheidung auf die gravierend gesunkene Nachfrage und operative Hindernisse, darunter Treibstoffengpässe, zurückzuführen. Letzteres zwang Iberia bereits zu technischen Zwischenstopps außerhalb Kubas nur zum Betanken – ein symptomatisches Detail für die desolate Versorgungslage.
Dieser Abgang reiht sich ein in eine Serie von Rückzügen. Condor strich bereits 2025 ihre Direktflüge aus Deutschland, Air Canada sah sich aufgrund ähnlicher Treibstoffprobleme zum Aufgeben gezwungen, und auch LATAM Airlines bedient die Route von Peru nicht mehr. Selbst die nationale Fluggesellschaft Cubana de Aviación musste ihre Aktivitäten stark reduzieren. Die Folge ist ein drastisch geschrumpftes Streckennetz, das weniger Sitzplätze, höhere Ticketpreise und sinkende Verlässlichkeit bedeutet. Damit verliert Kuba im harten Wettbewerb mit anderen Karibikdestinationen zusehends an Attraktivität. Doch die Krise des Luftverkehrs ist lediglich der sichtbarste Ausdruck eines viel grundlegenderen Problems: des Zusammenbruchs des Tourismus, der einst etwa zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitrug und eine der wichtigsten Devisenquellen war. Experten wie der Wirtschaftswissenschaftler Ricardo Torres Pérez von der American University in Washington sehen einen anhaltenden Negativtrend. Die Besucherzahlen, die schon vor der Pandemie rückläufig waren, seien 2024 und 2025 erneut gesunken und könnten in diesem Jahr um bis zu fünfzig Prozent einbrechen. Dies würde Einnahmeverluste in dreistelliger Millionenhöhe bedeuten. Die Treibstoffkrise hat diese Entwicklung zwar beschleunigt, ist aber nicht ihre Ursache. Paolo Spadoni, Wirtschaftswissenschaftler an der Augusta University in Georgia und Mitautor eines Standardwerks zum kubanischen Tourismus, verweist auf tieferliegende Schwächen. Der Sektor habe schon vor COVID-19 „deutliche Ermüdungserscheinungen“ gezeigt und verzeichnete die langsamste und schlechteste Erholung in der gesamten Karibik. Strukturelle Ineffizienzen, eine niedrige Servicequalität, Ressourcenmangel und veraltete Infrastrukturen seien die Hauptprobleme. Für Besucher sichtbare Mängel wie Stromausfälle, Engpässe bei Grundnahrungsmitteln und der Verfall urbaner Räume kommen erschwerend hinzu. Spadoni spricht von einem „veralteten Modell“, das grundlegende Reformen benötige. Dieses Urteil teilt der Politologe Bert Hoffmann vom German Institute of Global and Area Studies (GIGA). Er betont, der Tourismus sei der wichtigste Wirtschaftszweig Kubas, dessen Niedergang sich auf das gesamte Land auswirke. Die schwindenden Einnahmen schmälerten die Fähigkeit des Staates, grundlegende Dienstleistungen zu finanzieren, gerade in einer Zeit wachsenden ökonomischen Drucks. Eine schnelle Erholung ist nach Einschätzung der Experten nicht in Sicht; sie hänge von einer umfassenden Stabilisierung der Gesamtwirtschaft ab. Es hat sich ein sich selbst verstärkender Teufelskreis etabliert: Weniger Flüge führen zu weniger Touristen, eine niedrigere Hotelauslastung macht Routen für Airlines unattraktiv, was die Verbindungen weiter ausdünnt. Was als sektorale Krise begann, hat sich so zu einer strukturellen Krise der gesamten Volkswirtschaft ausgeweitet. Der Ausstieg der Iberia markiert daher nicht den Beginn des Problems, sondern unterstreicht seine bereits erreichte Tiefe. Ohne tiefgreifende systemische Veränderungen, so die einhellige Analyse, wird der kubanische Tourismus seine einstige Rolle als Wirtschaftsmotor nicht zurückgewinnen können.
Quelle: DW (https://t1p.de/ayxwg)
Autor: Leon Latozke
Letzte Meldungen
0 Kommentare
Ihr Kommentar wird veröffentlicht, sobald er genehmigt ist.
Antwort hinterlassen |


RSS-Feed