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29.08.2026 10:00 Uhr
Seit dem 13. Juli steht Kubas staatlicher Lebensmittelimporteur GECOMEX auf der US-Sanktionsliste. Für ein Land, das 80 Prozent seiner Nahrung einführt, trifft das eine Lebensader. Die Ursachen der Krise liegen aber tiefer.
Abbildung: Bauernhof im kubanischen Bergland: Schweinehaltung im Kleinen, während die nationale Produktion einbricht (Bildquelle: Keith Ruffles, Carr Guanayara, Zuschnitt KUBAKUNDE, CC BY 3.0(
Am 13. Juli 2026 setzte Washington zehn kubanische Einrichtungen auf die SDN-Liste, die Specially Designated Nationals and Blocked Persons List des US-Finanzministeriums, die Betroffene vom US-Finanzsystem ausschließt. Darunter waren sechs Staatsunternehmen, unter ihnen die Außenhandelsgruppe GECOMEX und die Hafen- und Seetransportgruppe GEMAR. GECOMEX wickelt den Außenhandel im Auftrag der Regierung ab, GEMAR verantwortet Seetransport, Häfen und die strategische Hafeninfrastruktur. Nicht-US-Unternehmen erhielten eine Abwicklungsfrist bis zum 12. August 2026.
Für ein Land, das rund 80 Prozent seiner Nahrungsmittel einführt, trifft das eine Lebensader. Nach Angaben des UN-Welternährungsprogramms zahlt Kuba dafür jährlich etwa 2,4 Milliarden US-Dollar. Doch die Ursachen der Ernährungskrise liegen tiefer als in der jüngsten Sanktionsrunde. Sie liegen in einem Agrarsystem, das seit Jahrzehnten weniger produziert, als es könnte. Der Absturz in Zahlen
Die Zahlen der letzten Jahre lassen wenig Interpretationsspielraum. Zwischen 2018 und 2023 fiel die Schweinefleischproduktion um 95 Prozent, die Reisernte um 87 Prozent, die Bohnenernte um 70 Prozent und die Milcherzeugung um 58 Prozent. Das WFP stützt sich dabei auf amtliche kubanische Statistiken. In seinem Länderstrategieplan 2026 bis 2030 hält die Organisation fest, dass die Ernährung des Durchschnittshaushalts oft zu wenig Energie liefert und weder ausreichend gesund noch abwechslungsreich ist. Mikronährstoffmängel wachsen ebenso wie Übergewicht und Adipositas, besonders in ernährungsphysiologisch gefährdeten Gruppen.
Die seit 1962 bestehende Libreta, das Rationierungsheft, gleicht das nicht mehr aus. Sie funktionierte, solange der Staat die verfügbaren Lebensmittel mit Importen auffüllen konnte, erklärte der Agrarökonom William A. Messina von der University of Florida gegenüber BBC Mundo. Fehlende Anreize
Der kubanische Ökonom Pável Vidal nennt die Landwirtschaft das Musterbeispiel dafür, was fehlende Marktmechanismen anrichten. Zentrale Instanz ist Acopio, der staatliche Aufkäufer: Er vereinbart mit den Produzenten Abgabemengen und stellt dafür Treibstoff, Dünger und andere Betriebsmittel in Aussicht. In der Praxis, so Vidal zu BBC Mundo, zahlt Acopio Preise, die teils unter den Produktionskosten liegen, die zugesagten Ressourcen kommen unregelmäßig, und das Unternehmen schuldet den Bauern Millionenbeträge.
Wer die Quote nicht erfüllte, verlor den Zugang zu Dünger und Agrochemie und saß damit im System fest, beschreibt Messina die Mechanik. Preisdeckel, die weder Inflation noch Wechselkurs abbilden, machen den Weiterverkauf zugeteilter Betriebsmittel oft lukrativer als das Anbauen. Ein Parallelmarkt für Agrardiesel existiert seit Jahrzehnten. Dazu kommt die Bodenordnung: 79 Prozent der Agrarfläche gehören dem Staat, 13 Prozent privaten Bauern, acht Prozent Genossenschaften. Über 80 Prozent der Lebensmittel stammen dennoch aus dem genossenschaftlich-bäuerlichen Sektor, der der große Teile der Staatsflächen im Usufructo bewirtschaftet, einem Nießbrauchsrecht, bei dem der Staat Eigentümer bleibt und der Bauer die Fläche nur nutzen darf, ohne sie übertragen, verpachten oder frei bewirtschaften zu dürfen. Manche Genossenschaften, vor allem die 1993 aus Staatsgütern hervorgegangenen UBPC, arbeiten laut Vidal eher wie Staatsbetriebe. Dass es anders geht, zeigte die Sonderperiode: Als Überschüsse oberhalb der Staatsquoten auf Bauernmärkten verkauft werden durften, stieg die Nicht-Zucker-Produktion bis zu einem Höchststand um 2004. Messina führt die Zurückhaltung bei einer Ausweitung auf die Furcht vor politischem Kontrollverlust zurück. Ein Zyklus aus Öffnung und Rücknahme
Der Befund ist nicht neu, und Kuba hat ihn schon zweimal selbst getestet.
Im Mai 1980 erlaubte die Regierung per Dekret Nr. 66 des Staatsrats die Mercados Libres Campesinos. Private Bauern, Genossenschaftler, Beschäftigte staatlicher Betriebe und Kleingärtner durften dort ihre Überschüsse direkt an Verbraucher verkaufen, sobald sie ihre Abgabepflicht gegenüber dem Staat erfüllt hatten. Ausgangspunkt war ein Missverhältnis: Die Löhne waren in den Siebzigerjahren gestiegen, die staatliche Lebensmitteldistribution kam nicht hinterher. Die Märkte erhöhten nachweislich die Produktivität des Agrarsektors, trieben aber auch die Lebensmittelpreise. Genau das wurde ihnen zum Verhängnis. Im April 1986 verkündete Fidel Castro auf dem III. Parteitag den „Prozess der Berichtigung von Fehlern und negativen Tendenzen". Die Bauernmärkte wurden geschlossen, der Hausverkauf verboten, die selbstständige Arbeit eingeschränkt. Offiziell ging es um Missbrauch und Bereicherung, tatsächlich um die Rückkehr zu zentraler Lenkung und moralischen statt materiellen Anreizen. Acht Jahre später zwang die Not zur Kehrtwende. Nach der Schaffung der UBPC durch Dekretgesetz 142 von 1993 öffnete Dekret 191 von 1994 im September desselben Jahres den Mercado Agropecuario. Der Zuschnitt war breiter als beim Vorgänger: Zugelassen waren nicht-staatliche Akteure ebenso wie staatliche Produktionsbetriebe, später sogar Acopio selbst. Ausgenommen blieben zunächst die spezialisierten Reis- und Viehzuchtbetriebe des Landwirtschaftsministeriums sowie Zuckerrohrbauern mit Überschüssen aus dem Eigenverbrauch. Verkauft wird zu freien Preisen, was über die Vertragsmengen hinausgeht. Nach Darstellung von William A. Messina gegenüber BBC Mundo zeigte sich daran, wie Anreize wirken: Die Nicht-Zucker-Produktion stieg bis zu einem Höchststand um 2004. Die Einordnung war allerdings von Beginn an umstritten. Schon 1995 titelte der Economics Press Service, der Agrarmarkt habe die Lebensmittelproduktion eben nicht in Gang gesetzt, und der Ökonom Armando Nova González analysierte im selben Jahr, welche Faktoren das Angebot begrenzten. Der Grund ist strukturell: Ein Markt verteilt Überschüsse, er schafft keinen Dünger, keinen Diesel und keine Bewässerung. Erweitert wurde das Modell seither nur in kleinen Schritten. 2013 richtete Dekret 318 in drei Provinzen erstmals einen Großhandelsmarkt für Agrarprodukte ein, flankiert von einem Versuch mit einem Betriebsmittelmarkt. Die Ergebnisse blieben nach Einschätzung kubanischer Ökonomen bestenfalls bescheiden. Parallel begleiteten Steuern, zeitweise Preisdeckel, Kontrollen und wiederholte Schließungen den Betrieb der Märkte. Messina führt die Zurückhaltung bei einer echten Ausweitung auf die Furcht der Regierung zurück, mit zu viel Autonomie für den privaten Sektor politische Kontrolle zu verlieren. Vor diesem Hintergrund ist das Reformpaket vom Juni 2026 der dritte Anlauf. Neu daran ist weniger das Instrumentarium als seine Gleichzeitigkeit und Reichweite. Eine Landwirtschaft ohne Betriebsmittel
Selbst funktionierende Anreize treffen auf einen entkapitalisierten Sektor. Im Oktober 2024 räumte das Landwirtschaftsministerium ein, nur zehn Prozent des benötigten Treibstoffs zu erhalten; bewässert sind sieben Prozent der Nutzfläche. Im selben Jahr flossen 37,4 Prozent der Staatsinvestitionen in Tourismus und Gastgewerbe, 2,7 Prozent in die Landwirtschaft.
Die Energiekrise verschärft alles Übrige. Seit Januar 2026 hat die US-Ölblockade die Einfuhr von Diesel und Schweröl begrenzt; die darauf angewiesenen Generatoren, gut 40 Prozent der Stromerzeugung, stehen still. Zwölf landesweite Blackouts gab es in den vergangenen 24 Monaten, sieben davon allein 2026, und die Mehrheit der Bevölkerung ist täglich rund zwanzig Stunden ohne Strom. In den Provinzen dauern die Ausfälle teils drei Tage am Stück. Ohne Strom keine Bewässerungspumpen, keine Kühlkette, kein zuverlässiger Transport der Ernte. Hinzu kommt der Arbeitskräfteschwund. Kubas Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter sank zwischen 2021 und 2025 von 6,87 auf 5,61 Millionen Menschen, ein Minus von rund 18 Prozent oder etwa 690 Personen pro Tag. Hauptursache ist die Abwanderung: Allein 2025 verließen netto 245.264 Menschen die Insel, und Ende 2024 war nach Angaben der Demografin Arelis Rosalen Mora Pérez die Hälfte aller Auswanderer jünger als 35 Jahre. Die Landwirtschaft gehört zu den Sektoren, die das unmittelbar trifft. Ersetzen lassen sich die Fehlenden kaum, weil auch die Maschinen fehlen. Ein Ausgleich durch nachwachsende Jahrgänge ist nicht in Sicht. Die Geburtenziffer liegt im zweiten Jahr in Folge bei 1,29 Kindern je Frau, dem niedrigsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen 1958. Das Erbe der Zuckermonokultur
Schon 1958 stammten 86 Prozent der kubanischen Agrarimporte aus den USA. Die Abhängigkeit ist älter als die Revolution. Kuba produzierte Zucker, exportierte ihn und finanzierte damit Nahrungsmittelimporte. Nach 1959 wechselte der Abnehmer von den USA zur Sowjetunion, das Prinzip blieb. Ende der Achtzigerjahre importierte die Insel noch immer zwischen 44 und 57 Prozent ihres Kalorienbedarfs, während Zucker rund drei Viertel der Exporterlöse einbrachte.
Mit dem Wegfall der Sowjetunion brachen Erlöse und Vorleistungen gleichzeitig weg. Die Erzeugung der wichtigsten Nicht-Zucker-Kulturen sank von 2,4 Millionen Tonnen (1989) auf 1,57 Millionen (1994). Die Zuckerindustrie selbst hat sich nie erholt: Von acht Millionen Tonnen im Jahr 1989 fiel die Zafra 2024/25 nach EFE-Berechnungen auf unter 150.000 Tonnen, das schwächste Ergebnis seit dem 19. Jahrhundert. Von einst bis zu 160 Zuckermühlen waren zuletzt 15 in Betrieb. Vierzehn davon verfehlten ihren Produktionsziel. 176 Maßnahmen, wenig Rechtsgrundlage
Am 18. Juni 2026 verabschiedete Kubas Nationalversammlung 176 Maßnahmen in 23 Themenachsen, vorgelegt von Ministerpräsident Manuel Marrero Cruz. Für die Landwirtschaft sind sie auf dem Papier weitreichend: Zulassung von Kleinst- und Mittelunternehmen im Agrarsektor, ausländische Direktinvestitionen im kubanischen Feldbau, eigener Kraftstoffimport, Exportrechte für Genossenschaften ohne staatliche Zwischenhändler und die Auflösung der Landwirtschaftsdirektionen in Provinzen und Gemeinden. Der Usufructo läuft künftig unbefristet, ohne Wohnsitzpflicht auf der Parzelle; das staatliche Monopol auf den Kraftstoffverkauf endet. Im Juli konkretisierte Landwirtschaftsminister Ydael Pérez Brito, dass auch die Hektar-Obergrenze fällt und die Zuteilung binnen 15 bis 20 Tagen erfolgen soll; Usufructo-Flächen sollen vererbbar werden, auch an ausgewanderte Angehörige.
Der Haken steht im Kleingedruckten. Die Umsetzung erfordert die Überarbeitung von mehr als 148 Rechtsnormen und 32 neue, darunter zehn Gesetze, ohne vollständig veröffentlichten Zeitplan. Bislang hat nur eine Handvoll Maßnahmen den Weg in die Gaceta Oficial gefunden. Messina hält gegenüber BBC Mundo eine Wirkung für möglich, bezweifelt aber die konsequente Anwendung. Vidal sieht in einem Nutzungsrecht über 99 Jahre faktisch Privateigentum und damit einen Hebel für Kapitalzufluss. Cubafull Was möglich wäre
Wie viel Potenzial im kubaniuschen Boden liegt, lässt sich in Los Palacios besichtigen. Ende 2024 übergab die kubanische Regierung dort erstmals Agrarflächen an ein ausländisches Unternehmen: zunächst 308 Hektar in den Terrassen von Cubanacán, gehörend zur Empresa Agroindustrial de Granos Los Palacios, später auf rund 1.000 Hektar ausgeweitet. Betreiber ist die private vietnamesische Firma Agri VMA, die die Flächen in Usufructo bewirtschaftet. Die Arbeitsteilung ist klar geregelt: Die vietnamesische Seite stellt Dünger, Herbizide und Pestizide, die kubanische die Maschinen. Dazu kommen vietnamesische Hybridsorten und Fachleute vor Ort. Allein beim Saatgut sinkt der Bedarf von rund 130 auf 40 bis 45 Kilogramm je Hektar.
Die Erträge liegen bei etwa sieben Tonnen Nassreis je Hektar, in einzelnen Feldern in Consolación del Sur meldeten die Betreiber 2026 sogar neun. Was außerhalb des Projekts im selben Anbaugebiet wächst, bringt 1,5 bis 1,7 Tonnen. Ministerpräsident Marrero nannte das Vorhaben strategisch, Granma sprach von einem Großversuch. Der wichtigste Einwand kommt allerdings von der kubanischen Seite selbst. Der Vergleich sei nicht fair, räumte der zuständige Betriebsleiter gegenüber Granma ein: Der kubanische Reis werde ohne technologisches Paket angebaut, in Los Palacios seien seit vier Jahren keine Grunddünger mehr ausgebracht worden, die ohnehin humusarmen Böden lägen entsprechend blank. Genau das ist der Punkt. Der Unterschied entsteht nicht durch besseres Wissen oder besseren Boden, sondern durch verfügbare Betriebsmittel und die Möglichkeit, sie termingerecht auszubringen. Beides kostet Devisen, und Devisen sind exakt das, was dem kubanischen Staat fehlt. Auch die Größenordnung mahnt zur Nüchternheit. Aus den ersten tausend Hektar wurden gut 3.000 Tonnen Konsumreis, von denen rund 1.100 an das Binnenhandelsministerium verkauft und über die Libreta in Pinar del Río und Artemisa verteilt wurden. Der Preis lag nach Angaben des Vizeagrarministers unter dem des importierten Reises, deckte die Kosten und ließ dem Betreiber Gewinn. Der Vizeminister selbst bezeichnete die Reichweite des Projekts als noch klein. Damit steht das Modell exemplarisch für die Zwickmühle. Es funktioniert, weil ein ausländischer Investor mitbringt, was das System nicht mehr bereitstellen kann. Genau solche Investoren will das Reformpaket vom Juni 2026 in großer Zahl anlocken, mit unbefristetem Usufructo, Agrar-MIPYMES und Direktimport von Betriebsmitteln. Und genau diesen Zufluss erschweren die im Juli verhängten Sanktionen gegen Außenhandels- und Hafenlogistik, die ausländische Partner in Haftungsrisiken bringen. Autor: Leon Latozke
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