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11.06.2026 23:00 Uhr
Vor fünf Jahren gingen Zehntausende Kubaner gegen Stromausfälle und Hunger auf die Straße. Heute sind tägliche Proteste Alltag – und die Zahl der politischen Gefangenen erreicht einen traurigen Rekord.
Abbildung; Proteste in Havanna 11.Juli 2021 Bildquelle: 14ymedio, Protests in Havana against the government of Cuba 1, Zuschnitt KUBAKUNDE, CC BY 3.0)
Fünf Jahre nach den größten Massenprotesten in der jüngeren Geschichte Kubas hat sich die Lage auf der Insel nicht beruhigt, sondern verschärft. Am Samstag jährte sich der 11. Juli 2021 – kurz „11J“ genannt – zum fünften Mal, jener Tag, an dem Zehntausende Kubaner in mehr als 40 Städten gegen Stromausfälle, Lebensmittelknappheit und die Regierung auf die Straße gingen. Was damals als Ausnahmezustand galt, ist heute Alltag: Landesweit kommt es täglich zu Protesten, meist kleineren Gruppen, die friedlich Strom, Wasser und Nahrung einfordern.
Allein in dieser Woche erlebte Kuba zwei landesweite Stromausfälle – das vierte und fünfte seit Jahresbeginn. Havanna erhält im Schnitt nur ein bis zwei Stunden Strom pro Tag, in den Provinzen fallen die Ausfälle mitunter auf bis zu drei Tage am Stück. Verschärft wird die Lage durch ein seit sechs Monaten bestehendes US-Erdölembargo gegen die Insel sowie neue Sanktionen, die ausländische Investoren abschrecken. Von der Ausnahme zur Regel Kubanische Oppositionsstimmen sehen im 11J einen historischen Bruch. Der Dissident Manuel Cuesta Morúa spricht von einer „strukturellen Vertiefung der Mängel und Ungleichheiten“, die ein neues 11J auslösen könnte. Ander räumen, dass es seither keine vergleichbar massenhafte Demonstration mehr gegeben habe, halten ein neues 11J angesichts der aktuellen Lage aber für möglich. Das kubanische Menschenrechtsobservatorium OCDH zählte allein im ersten Halbjahr 2026 mindestens 1.949 „repressive Handlungen“ der Regierung. Im Juni allein wurden 299 solcher Vorfälle dokumentiert, davon 47 willkürliche Festnahmen. Besonders betroffen: unabhängige Journalisten mit 91 registrierten Fällen. Rekordzahl an politischen Gefangenen Zum fünften Jahrestag meldet die Organisation Prisoners Defenders einen neuen Rekord: 1.306 politische Gefangene befanden sich Ende Juni in kubanischer Haft – der höchste Stand seit Beginn der Erfassung. 40 von ihnen wurden als Minderjährige inhaftiert, 16 davon sitzen wegen Anklagen im Zusammenhang mit dem 11J in Erwachsenengefängnissen. In den vergangenen zwölf Monaten kamen 264 neue politische Gefangene hinzu – im Schnitt 22 pro Monat. Human Rights Watch (HRW) bestätigt unabhängig davon, dass fünf Jahre nach dem 11J weiterhin rund 800 Menschen aus politischen Gründen inhaftiert sind, fast die Hälfte von ihnen wegen ihrer Teilnahme an den damaligen Protesten. Mehrere Menschenrechtsorganisationen beziffern die Zahl der Festnahmen infolge der Proteste von 2021 insgesamt auf über 1.400. Zu den prominentesten Fällen zählt der Künstler Luis Manuel Otero Alcántara, Gesicht der Künstlerbewegung Movimiento San Isidro. Er wurde am 11. Juli 2021 selbst festgenommen, als er sich den Protesten anschließen wollte, und verbüßte eine fünfjährige Haftstrafe wegen „Missachtung“ und „öffentlicher Unordnung“. Obwohl diese Strafe am 9. Juli endete, wurde er nicht freigelassen. HRW kritisiert dies als eine faktisch an den Exilzwang geknüpfte Freilassung. Washington erhöht den Druck Der Jahrestag fällt zusammen mit verschärfter Rhetorik aus Washington. US-Außenminister Marco Rubio erklärte, die Vereinigten Staaten würden sämtliche Maßnahmen gegen die kubanische Regierung aufrechterhalten, und forderte auf der Plattform X die sofortige Freilassung aller politischen Gefangenen sowie „echte Reformen, bevor es zu spät ist“. Die kubanische Führung selbst hält an ihrer Deutung des 11J als „Volkssieg“ fest. Roberto Morales Ojeda, Organisationssekretär der (einzig legalen) Kommunistischen Partei Kubas, schrieb am Samstag in sozialen Netzwerken, man werde den Revolutionären „dieses Recht niemals verweigern“ – das Vaterland verteidige sich. Ob die verschärfte Wirtschaftskrise die Insel tatsächlich in Richtung eines neuen 11J treibt, bleibt fünf Jahre nach den historischen Protesten offen – die strukturellen Ursachen von damals sind jedenfalls unverändert virulent. Autor: Leon Latozke
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