Neues aus Kuba
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26.02.2026 09:00 Uhr
1996 nahm eine Gruppe vergessener kubanischer Musiker in Havanna das Album Buena Vista Social Club auf. In nur einer Woche wurden Son, Bolero und Danzón zu globalen Hits. Die Aufnahmen verhalfen Künstlern wie Omara Portuondo und Ibrahim Ferrer zu internationaler Bekanntheit und prägten die Wahrnehmung kubanischer Musik nachhaltig.
Abbildung: Symbolbild Orquesta Buena Vista Social Club Eliades Ochoa beim Zelt-Musik-Festival 2015 in Freiburg im Breisgau (Bildquelle: Ice Boy Tell, ZMF 2015 Buena Vista Social Club Orchestra, CC BY-SA 3.0)
Heute vor 30 Jahren, am 26. März 1996, begannen in den historischen EGREM/Areito-Studios in Havanna Aufnahmen, die sich rückblickend als Wendepunkt für die internationale Wahrnehmung kubanischer Musik erweisen sollten. Innerhalb von nur einer Woche entstand dort das Album Buena Vista Social Club – ein Werk, das traditionelle Stile wie Son, Bolero und Danzón neu ins globale Bewusstsein rückte und bis heute als Symbol für die Kraft der kubanischen Musik gilt.
Eine außergewöhnliche Aufnahmewoche in Havanna Die Produktionsbedingungen waren ebenso schlicht wie prägend. Eingespielt wurde live, auf analogen Bändern und mit teilweise maroder Studiotechnik. Gerade diese Umstände verliehen dem Album jenen warmen, unmittelbaren Klang, der später zu seinem Markenzeichen werden sollte. Die Sessions fanden parallel zu einem weiteren Projekt statt: A toda Cuba le gusta der Afro-Cuban All Stars. In den Studios herrschte eine Atmosphäre kreativer Verdichtung – mehrere Formationen, zahlreiche Veteranen, spontane Begegnungen. Eine der bemerkenswertesten Episoden dieser Tage betrifft Ibrahim Ferrer. Der Sänger, einst Mitglied bedeutender kubanischer Musikgruppen, war zu diesem Zeitpunkt nahezu vergessen und arbeitete als Schuhputzer in Havanna. Während der Sessions wurde er gewissermaßen „von der Straße weg“ ins Studio geholt. Seine Stimme sollte das Album entscheidend prägen. In nur sechs Tagen wurden 14 Titel aufgenommen – eine Produktivität, die später sogar Material für weitere Veröffentlichungen lieferte, darunter das 2015 erschienene Lost and Found mit bis dahin unveröffentlichten Stücken. Die Lieder: Zeitreise durch Kubas Klangwelt Der erste Titel des Albums, „Chan Chan“, ist heute untrennbar mit dem Projekt verbunden. Komponiert wurde er bereits 1984 von Compay Segundo, doch erst die Aufnahme von 1996 machte ihn zum Welterfolg. Segundo erzählte, die Melodie sei ihm im Traum erschienen. Der Song ist ein klassischer Son über das Paar Juanica und Chan Chan, das am Strand Sand für den Hausbau sammelt. Die Eröffnungszeile nennt Orte im Osten Kubas – Alto Cedro, Cueto, Mayarí –, die für viele Fans zu symbolischen Pilgerstätten wurden. Compay Segundo, mit bürgerlichem Namen Máximo Francisco Repilado, war zum Zeitpunkt der Aufnahme 89 Jahre alt – der älteste Beteiligte. In den 1920er- bis 1940er-Jahren hatte er große Popularität genossen, unter anderem als Teil des Duos „Los Compadres“. Auf dem Album sang er „Chan Chan“ gemeinsam mit Eliades Ochoa und spielte ein von ihm entwickeltes siebensaitiges Instrument, das er „Armónico“ nannte – eine Mischung aus Gitarre und Tres. Ein weiterer zentraler Titel ist „Dos Gardenias“, ein sehnsüchtiger Bolero aus dem Jahr 1945. Ry Cooder hörte Ibrahim Ferrer und den Pianisten Rubén González zufällig vor einer Session improvisieren – daraus entwickelte sich die Aufnahme. Ferrers sanfte, nuancenreiche Stimme verlieh dem Lied eine neue Intimität. Cooder beschrieb ihn später als „kubanischen Nat King Cole“. „El Cuarto de Tula“ wiederum zeigt die improvisatorische Kraft der Beteiligten. Das Lied erzählt von einem Zimmer, das in Brand gerät, weil Tula eingeschlafen ist, ohne ihre Kerze zu löschen. Musikalisch handelt es sich um eine mitreißende Descarga, eine Jam-Session, in der sich Eliades Ochoa und Ibrahim Ferrer mit Textzeilen gegenseitig herausfordern. Ein besonderer Moment entstand bei „Veinte Años“. Gesungen von Omara Portuondo im Duett mit Compay Segundo, wurde der Song in nur einem einzigen Take aufgenommen – kurz bevor Portuondo zum Flughafen aufbrechen musste. Die Unmittelbarkeit dieser Aufnahme verleiht dem Bolero eine spürbare emotionale Dichte. Das instrumentale Stück „Buena Vista Social Club“ schließlich ist ein Danzón und eine direkte Hommage an den gleichnamigen Club der 1940er-Jahre in Havanna. Im Zentrum steht das virtuose Klavierspiel von Rubén González, der trotz Arthritis in den Händen als einer der größten kubanischen Pianisten seiner Zeit galt. Cooder nannte ihn „den größten Solisten am Klavier, den ich je gehört habe“. Die Idee hinter dem Projekt Die Initiative für das Album ging 1996 vom amerikanischen Komponisten, Arrangeur und Gitarristen Ry Cooder aus, der mit der Idee eines kubanischen Son-Albums nach Havanna reiste. Juan de Marcos González, Leiter der Gruppe Sierra Maestra, übernahm es, im EGREM-Studio eine Gruppe von Sängern und Instrumentalisten zusammenzubringen – allesamt Künstler mit langer Karriere, die jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten waren. González überzeugte unter anderem Compay Segundo, Eliades Ochoa, Ibrahim Ferrer, Rubén González, Omara Portuondo, Manuel „Puntillita“ Licea, Manuel „Guajiro“ Mirabal und Orlando „Cachaíto“ López. Der Name des Albums stellte eine bewusste Verbindung zur musikalischen Vergangenheit Kubas her: Der Buena Vista Social Club war in den 1940er-Jahren einer der beliebtesten Treffpunkte Havannas, an dem Bolero-, Danzón- und Son-Interpreten auftraten. Internationaler Durchbruch und filmische Würdigung Der Erfolg war außergewöhnlich. Das Album verkaufte sich über eine millionenfach, gewann einen Grammy und machte eine Gruppe von Künstlern im Alter von über 70 Jahren weltweit bekannt. Es folgten internationale Tourneen, Auftritte in renommierten Konzerthäusern und sogar im Weißen Haus. Ry Cooder kehrte bald nach Havanna zurück, um weitere Aufnahmen zu realisieren, unter anderem mit Ibrahim Ferrer als zentraler Figur. Begleitet wurde er vom deutschen Filmemacher Wim Wenders. Dessen Dokumentarfilm über das Projekt zeigte nicht nur die Entstehung des Albums, sondern auch die Lebensgeschichten der Musiker sowie Live-Auftritte in Amsterdam und in der Carnegie Hall in New York. Der Film wurde weltweit gefeiert, erhielt eine Oscar-Nominierung, gewann den Goldenen Bären in Berlin und trug maßgeblich zur globalen Verbreitung des Buena-Vista-Phänomens bei. Unter dem Label World Circuit erschienen weitere Alben mit dem Zusatz „Buena Vista Social Club presents…“, gewidmet einzelnen Künstlern wie Ibrahim Ferrer, Omara Portuondo, Rubén González oder Manuel „Guajiro“ Mirabal. Zwischen Ruhm und Vergänglichkeit Der späte Ruhm war jedoch für viele nur von kurzer Dauer. Compay Segundo starb 2002 im Alter von 95 Jahren, Rubén González 2003 mit 84, Ibrahim Ferrer 2005 mit 78, Orlando „Cachaíto“ López 2009 mit 76 Jahren. Andere, wie Omara Portuondo – die „Braut des Filin“ – und Eliades Ochoa, blieben weiterhin musikalisch aktiv. Omara Portuondo, die einzige Frau auf dem ersten Album, hatte bereits in den 1940er-Jahren Karriere gemacht, unter anderem im Quartett Las D’Aida. Ihre Diskografie umfasst mehr als 40 Alben; sie erhielt 2009 einen Latin Grammy für „Gracias“ sowie 2019 einen Lifetime Award. Eliades Ochoa, bekannt für seinen schwarzen Cowboyhut, gilt als einer der bedeutendsten Soneros der Geschichte und veröffentlichte seit 1979 zahlreiche Alben mit dem Cuarteto Patria. Symbol für die Kraft kubanischer Musik Drei Jahrzehnte nach seiner Enstehung gilt Buena Vista Social Club als Symbol für die Widerstandskraft und Vitalität der traditionellen kubanischen Musik. Das Album brachte Künstler zurück ins Rampenlicht, die längst als Relikte vergangener Zeiten galten, und zeigte, dass musikalische Innovation nicht zwingend in der Jugend liegt, sondern auch im reichen Erfahrungsschatz eines langen Lebens. Was im März 1996 in einer einzigen intensiven Woche in Havanna begann, entwickelte sich zu einem globalen Kulturphänomen – getragen von analogen Bändern, improvisierter Studioatmosphäre und der unverwechselbaren Stimme Kubas.
Der Artikel wurde zuerst bei Mundus Novus 24 veröffentlicht.
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