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06.07.2026 08:00 Uhr
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Warum dürfen Kubaner plötzlich Fabriken und Banken gründen, während sein Vater einst für weit weniger ins Gefängnis musste? Leonardo Padura sucht in einem Gastbeitrag für EL PAÍS nach Antworten – und findet vor allem offene Fragen zu Macht, Misstrauen und Geld.
Abbildung: Symbolbild/Screenshot. Bildquelle: Video. Rechte beim Uploadenden.
Der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura, bekannt für seine Mario-Conde-Kriminalromane, hat am Wochenende bei der spanischen Tagestzeitung EL PAÍS einen scharf formulierten Essay unter dem Titel „Cuba: morir en la arena" – „Kuba: Im Sand sterben" veröffentlicht. Darin beschreibt er anhand persönlicher Erinnerungen, wie sich die kubanische Wirtschaftspolitik seit den 1960er Jahren gewandelt hat – und wie paradox ihm die aktuelle Kehrtwende erscheint.
Eine Kindheitserinnerung als Ausgangspunkt
Padura erinnert sich an einen Morgen im Jahr 1968, als er auf dem Schulweg in Havanna einen kleinen Tante-Emma-Laden vorfand, den alle nur „La Quincalla de Fina" nannten. Der Besitzer Serafín erklärte ihm damals, das Geschäft werde nicht mehr öffnen: Im Zuge der „Revolutionären Offensive" war der winzige Laden verstaatlicht worden und gehe aus den seinen Händen in das Eigentum des Volkes über. Padura schreibt, das Geschäft habe damit faktisch niemandem mehr gehört, denn es habe danach nie wieder existiert. Auch der Schuhputzer des Viertels musste fortan als Staatsangestellter arbeiten.
Diese Episode dient dem Autor als Sinnbild für die große Verstaatlichungswelle, die 1959 begann und private Kleinbetriebe als „Relikt des Kapitalismus" einstufte. Erst rund 25 Jahre später, mitten in einer schweren Krise, erlaubte der Staat wieder eng begrenzte Privatunternehmen – etwa Cafeterías oder Miniaturrestaurants mit höchstens zwölf Stühlen. Von Argwohn geprägte Öffnung
Nach Paduras Darstellung blieb der gesamte Prozess der wirtschaftlichen Wiederöffnung in den vergangenen 25 Jahren von staatlichem Misstrauen und der Furcht geprägt, Einzelne könnten sich bereichern. Diese Angst vor privatem Vermögen sei, ohne dass es je offen ausgesprochen worden sei, stets die eigentliche politische Triebfeder gewesen – schließlich könne Geld Politik verändern, so der Autor.
Gleichzeitig beobachtet Padura, wie sich das über Jahrzehnte kompakte Sozialgefüge der Insel in zwei entgegengesetzte Richtungen auseinanderzieht: Während in manchen Bereichen der Gesellschaft neuer Wohlstand aufblitze, gerate die Mehrheit der Bevölkerung bis 2026 in eine Lage des bloßen Überlebens. Er nennt anhaltende Stromausfälle, Schwierigkeiten bei der Nahrungsmittelbeschaffung, fehlende Medikamente und einen spürbaren Verlust an Hoffnung. Als Fluchtweg aus dieser Situation habe sich in den vergangenen fünf Jahren die Auswanderung etabliert: Rund zwei Millionen Menschen hgaben die Insel verlassen – etwa 15 Prozent der tatsächlichen Bevölkerung. Wer nicht über die nötigen Mittel zur Ausreise verfüge und bleiben müse, sei darin noch nicht einmal mitgezählt. Fabriken, Banken – und ein Vater im Gefängnis
Vor diesem Hintergrund wirkt auf Padura das jüngste Reformpaket der Regierung wie ein Bruch mit jahrzehntelanger Doktrin: Erstmals dürfe praktisch jeder nicht nur einen größeren Kleinladen, sondern eine „kapitalistische Fabrik" mit zahlreichen Arbeitern und Mehrwertproduktion eröffnen – und sogar eine Bank gründen, sofern das nötige Kapital vorhanden sei. Der Autor merkt bitter an, dass auch Menschen wie der Ladenbesitzer Serafín oder sein eigener verstorbener Vater dazu heute berechtigt wären. Sein Vater sei 1985 zu sechs Monaten Haft verurteilt worden – wegen angeblichen Devisenhandels, weil er Haarfärbemittel für den heimlichen Frisiersalon seiner Frau gekauft hatte.
Padura zieht daraus einen pointierten Schluss: Erst der Absturz der kubanischen Gesellschaft in eine düstere Gesamtkrise habe dazu geführt, dass das einst Unannehmbare und Strafbare heute als angemessen und gerecht gelte. Zugleich verweist er auf den Druck einer „Politik des maximalen Drucks" aus Washington, einschließlich militärischer Drohungen, der das strenge Wirtschaftssystem des Landes ins Wanken gebracht habe. Der Staat gebe zwar Verantwortung für grundlegende Bedürfnisse der Bevölkerung ab, wolle sich aber seine wichtigste und effizienteste Industrie bewahren: die der Kontrolle. Offene Fragen zur „Investoren-Piñata"
Der Essay schließt mit drängenden Fragen: Wer werde einem Regime vertrauen, das jahrzehntelang Misstrauen geschürt habe, um nun sein Geld in Kuba zu investieren? Und wer innerhalb der Machtapparate sei für eine „vorhersehbare Investoren-Piñata“ am besten positioniert? Die Liste der unbeantworteten Fragen, so der Autor, sei endlos.
Padura verweist abschließend auf seinen aktuellen Roman „Morir en la arena“ – „Im Sand sterben“. Der Titel spiele mit der Redewendung „Tanto nadar para morir en la orilla“ – „So lange geschwommen, um am Ufer zu sterben“. Er habe die Worte geändert, weil er zu einer Generation gehöre, der tausend Verzichte und Opfer abverlangt worden seien, um ans Ufer, in den Sand, zu gelangen – auf dem Weg in eine „leuchtendere Zukunft“. In Wirklichkeit, so Padura, seien viele in den Treibsand der Geschichte geraten und dort begraben worden. Die Überlebenden in der aktuellen Finsternis könnten allenfalls darauf hoffen, dass jemand, von dem niemand weiß woher kommt, sie ein wenig erleuchte – "während dieser Jemand (der sogar von Freiheit und Demokratie sprechen wird) seine Taschen mit viel lukrativeren Geschäften füllt als eine kleine Quincalla".
Quelle: EL PAÍS (https://t1p.de/unpc1)
Autor: Leon Latozke
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