Inhaftierter Journalist Henry Constantín: Kubanische Aktivistinnen tragen den Fall nach Brüssel1/10/2026
01.10.2026 10:00 Uhr
Seit Mitte September sitzt der kubanische Journalist Henry Constantín in Untersuchungshaft, inzwischen in einem Hochsicherheitsgefängnis in Camagüey. Der Vorwurf lautet Ungehorsam, weil er eine Vorladung versäumt haben soll.
Abbildung: Zu diesem Beitrag liegt kein Bildmaterial vor.
Seit dem 16. September ist der kubanische Journalist Henry Constantín Ferreiro in Haft. Inzwischen sitzt er in Untersuchungshaft im Hochsicherheitsgefängnis Kilo 7 in Camagüey. In dieser Woche haben kubanische Aktivistinnen seinen Fall in Brüssel vorgebracht. Sie verbinden ihn mit einer weitergehenden Forderung: einer Amnestie für alle politischen Gefangenen der Insel. Vorladung, Festnahme, Verlegung Constantín leitet das unabhängige Medium La Hora de Cuba, das vollständig von der Insel aus arbeitet. Er ist außerdem Regionalvizepräsident für Kuba bei der Interamerikanischen Pressegesellschaft (SIP). Die Behörden werfen ihm „Ungehorsam“ vor. Offiziell heißt es, er sei einer Vorladung der Direktion für Identifikation, Einwanderung und Ausländerangelegenheiten nicht nachgekommen. Eugenia Gutiérrez, Kommunikationsdirektorin des Rates für den demokratischen Übergang in Kuba (CTDC), schildert den Vorwurf anders: Die Behörden hielten Constantín eine Verspätung von 30 Minuten vor. „Offensichtlich ist das eine Ausrede“, sagt sie. Die Verteidigung hält die Haft auch nach kubanischem Recht für unverhältnismäßig. Sie verweist auf Artikel 72 der Strafprozessordnung. Danach drohe für unentschuldigtes Fernbleiben von einer ersten Vorladung lediglich eine Geldbuße. Die britische Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity Worldwide (CSW) argumentiert ähnlich: Die Inhaftierung entspreche nicht der kubanischen Gesetzeslage für das vorgeworfene Delikt. Die erste Woche verbrachte Constantín in Villa María Luisa, dem Sitz der Staatssicherheit in Camagüey. Am 24. September wurde er verlegt, ohne dass seine Familie vorab informiert wurde. Seiner Anwältin war zunächst das Gefängnis Cerámica als Haftort genannt worden. Am Abend meldete sich Constantín jedoch telefonisch bei seiner Partnerin, der Journalistin Alejandra García, und teilte mit, er befinde sich in Kilo 7. Nach Darstellung seiner Redaktion hatte die Anwältin also falsche Informationen erhalten. Auch das Verfahren selbst stockt. In den ersten fünf Tagen erhielt die Verteidigung keinen Zugang zur Akte. Ein Habeas-Corpus-Antrag wurde am 21. September eingereicht. Ein früherer Versuch war gescheitert, weil am Gericht weder Richter noch juristisches Personal anwesend waren. Das Gesetz sieht eine Anhörung binnen 72 Stunden vor. Nach Angaben aus seinem Umfeld hat das Provinzgericht von Camagüey den Antrag inzwischen abgelehnt. Constantín ließ über seine Partnerin ausrichten, er sei ruhig und weiterhin entschlossen. Eine lange Reihe von Festnahmen Nach Zählung von Reporter ohne Grenzen (RSF) ist dies seine 19. dokumentierte Festnahme. Bereits zu Jahresbeginn war Constantín in Havanna mehrfach festgenommen worden. Einmal war er dabei rund 40 Stunden lang verschwunden, ohne dass Angehörige oder Kollegen offiziell informiert wurden. Seit 2019 darf er Kuba nicht verlassen. Deshalb konnte er in diesem Frühjahr auch nicht nach Stockholm reisen, um den Preis „Civil Rights Defender of the Year“ entgegenzunehmen. La Hora de Cuba erhielt die Auszeichnung gemeinsam mit dem georgischen Medium Netgazeti. Für die schwedische Organisation Civil Rights Defenders markiert die Überstellung in eine Haftanstalt einen Einschnitt. Frühere Festnahmen hätten jeweils auf Polizeiwachen geendet, erklärte Lateinamerika-Direktorin María Pía Alvira. Die Organisation sieht deutliche Hinweise auf eine politisch motivierte Haft. Lobbyarbeit in Brüssel Die drei Frauen, die in dieser Woche in Brüssel für Constantín und andere Inhaftierte werben, leben alle im Exil. Eugenia Gutiérrez verließ Kuba als Kleinkind mit ihren oppositionellen Eltern. Yanelys Núñez war Mitgründerin der Bewegung San Isidro. Ileana Álvarez geriet unter Druck, nachdem sie über Gewalt gegen Frauen berichtet hatte. Álvarez leitet heute das Observatorium von Alas Tensas, Núñez koordiniert es. Im Zentrum ihres Anliegens steht ein Vorschlag des CTDC, eines Bündnisses politischer, zivilgesellschaftlicher, gewerkschaftlicher und feministischer Gruppen innerhalb und außerhalb Kubas: ein „Gesetz über Amnestie und Entkriminalisierung des Dissenses“. Entlassene politische Gefangene sollen ihre vollen Bürgerrechte zurückerhalten, ihre Vorstrafen sollen gelöscht werden. Den Fall Constantín ordnet Gutiérrez in ein Muster ein, das sie bei unabhängigen Journalisten immer wieder beobachte. Auf eine Vorladung folge ein Termin, bei dem der zuständige Beamte fehle. Von dort aus könne sich das Verfahren bis zur Strafverfolgung steigern. Zur Lage in den Haftanstalten verweist Núñez auf dokumentierte Fälle von Tuberkulose und mangelnder Hygiene. Die bekannten Zahlen hält sie für zu niedrig, weil sich auch hinter angeblich gewöhnlichen Delikten oft politische oder soziale Hintergründe verbergen. Das Parlament verschärft den Ton Der Besuch fällt in eine Phase wachsenden Drucks aus Straßburg. Am 17. September verabschiedete das Europäische Parlament mit 374 zu 198 Stimmen bei 19 Enthaltungen eine Dringlichkeitsentschließung zu den politischen Gefangenen in Kuba. Im Mittelpunkt stehen Félix Navarro und seine Tochter Saylí, die seit den Protesten vom Juli 2021 inhaftiert sind. Die Entschließung nennt 1.339 politische Gefangene, eine Zahl, die sich nicht unabhängig überprüfen lässt. Das Parlament verlangt Sanktionen gegen Verantwortliche bis hin zu Präsident Miguel Díaz-Canel. Das Kooperationsabkommen zwischen der EU und Kuba (PDCA) soll ausgesetzt werden, falls Havanna keine überprüfbaren Schritte zur Mehrparteiendemokratie unternimmt. Eine ähnliche Forderung hatte die Kammer bereits im Juni erhoben. Kritik kam von den Sozialdemokraten. Der Italiener Marco Tarquinio warf der Mehrheit vor, einen Einzelfall als Vorwand für den Bruch mit Havanna zu nutzen. Der Dialog habe im April zur Freilassung von 2.100 Gefangenen beigetragen, sagte er; belegt ist diese Zahl nicht. Die Spanierin Leire Pajín bemängelte, dass die Entschließung das US-Embargo ausblende. EU-Kommissar Jozef Síkela forderte echte politische und wirtschaftliche Reformen. Die EU-Delegation in Havanna bringe Einzelfälle im Dialog zur Sprache, sagte er. Druck von mehreren Seiten Neben Civil Rights Defenders fordern auch RSF, die Organisation Artículo 19, das Institut für Pressefreiheit ICLEP und CSW die Freilassung Constantíns. Artículo 19 verlangt vom Innenministerium und von der Generalstaatsanwaltschaft zudem eine rasche Habeas-Corpus-Anhörung und vollen Aktenzugang für die Verteidigung. Aus Washington äußerte sich der für die westliche Hemisphäre zuständige Abteilungsleiter im US-Außenministerium, Juan Pablo Segura. Er bezeichnete Constantín als zu Unrecht inhaftiert. Erst im Frühjahr hatte US-Außenminister Marco Rubio die Freilassung von 700 politischen Gefangenen gefordert. Grundsätzlich weist Havanna den Vorwurf politischer Inhaftierungen zurück und verweist auf Verstöße gegen geltendes Recht. Civil Rights Defenders fordert die EU auf, sich öffentlich für Constantíns Freilassung einzusetzen. Ob Brüssel das tut, ist offen. Das Parlament fordert Sanktionen und droht mit der Aussetzung des Abkommens. Die Kommission spricht Einzelfälle dagegen bislang im Dialog mit der kubanischen Regierung an. Constantíns Verteidigung bemüht sich unterdessen darum, die Untersuchungshaft durch eine mildere Maßnahme ersetzen zu lassen. Autor: Leon Latozke
Letzte Meldungen
0 Kommentare
Ihr Kommentar wird veröffentlicht, sobald er genehmigt ist.
Antwort hinterlassen |
Dossiers
Mediathek
Anzeige (M2) Anzeige (G4) Achiv
Archiv
September 2026
|


RSS-Feed