Neues aus Kuba
Ist Kubas Rückgriff auf die Volkskriegsdoktrin strategisch wirksam oder vor allem symbolisch?16/2/2026
Wöchentliche Militärübungen, Panzerbesuche, Waffentraining: Kuba aktiviert eine alte Verteidigungsstrategie. Die Botschaft lautet Abschreckung. Ob das Modell aus den 1980er-Jahren noch trägt, ist umstritten.
16.02.2026 9:00 Uhr
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Die Führung in Kuba reagiert auf die jüngste Verschärfung der Spannungen mit Vereinigte Staaten mit einem strategischen Rückgriff auf ein Konzept aus dem Kalten Krieg: die „Guerra de Todo el Pueblo“ (Krieg des ganzen Volkes). Angesichts der Entwicklungen in Venezuela und der dortigen militärischen Operation zur Festsetzung von Präsident Nicolás Maduro sieht sich Havanna offenbar zu demonstrativen Verteidigungsmaßnahmen veranlasst.
Die Verteidigungsdoktrin besagt, dass im Falle einer ausländischen Militärintervention die gesamte Bevölkerung in den Kampf einbezogen wird. Sie geht auf Ex-Präsident Fidel Castro zurück und entstand vor mehr als vier Jahrzehnten als Antwort auf die Möglichkeit einer asymmetrischen Auseinandersetzung mit Washington. Ziel war weniger die klassische Abwehr einer Invasion als vielmehr deren maximale Verteuerung – militärisch, ökonomisch und politisch. Der abschreckende Gedanke: Ein Angreifer müsse mit hohen Verlusten rechnen. Der Historiker Fabio Fernández von der Universität von Havanna verweist gegenüber der Nachrichtenagentur EFE darauf, dass sich die Doktrin in den 1980er-Jahren verfestigte. Damals habe Castro erkannt, dass die Sowjetunion im Fall eines Angriffs unter Präsident Ronald Reagan nicht militärisch eingreifen würde. Die Insel hätte sich allein verteidigen müssen. Vorbilder seien die Widerstandserfahrungen in Vietnam und Afghanistan gewesen. Kern der Doktrin ist eine landesweite Mobilisierung. In jedem Municipio sollten „Milicias Populares“ Widerstandsnester bilden. Frauen, ältere Menschen sowie Jugendliche würden logistische und unterstützende Aufgaben übernehmen – organisiert in sogenannten Produktions- und Verteidigungseinheiten. Castro betonte in historischen Reden die Notwendigkeit nationaler Geschlossenheit unter Führung des Partido Comunista de Cuba. Jeder Bürger müsse „einen Platz, eine Methode und ein Mittel“ zur Verteidigung des Territoriums haben. Nach der jüngsten Entwicklung in Caracas hat die kubanische Regierung nun einen wöchentlichen „Tag der Verteidigung“ eingeführt. Diese Übungen gelten als Teil konkreter Maßnahmen gegen eine mögliche militärische Aggression aus den USA. Staatsmedien berichten ausführlich über Manöver, an denen auch Präsident Miguel Díaz-Canel teilnimmt. Er besuchte unter anderem Einheiten mit Panzern und Flugabwehrsystemen sowie Studierende bei Schießübungen – zuletzt im Havannaer Stadtteil El Cerro. Die Übungen umfassen Szenarien wie Hinterhalte, Minenverlegung, Granatenwürfe, Schutzmaßnahmen für die Zivilbevölkerung sowie Schulungen in Militärsanität und im Umgang mit Waffen wie dem AKM-Gewehr. Auch Verteidigung gegen Massenvernichtungswaffen, Tarntechniken und der Einsatz von Drohnen werden trainiert. Parallel proben Produktions- und Verteidigungsbrigaden das Zerlegen von Waffen, Erste Hilfe, Artillerieschießen, Kommunikationsmittel, Lebensmittelherstellung und Wasserversorgung. Doch die Übertragung eines Konzepts aus den 1980er-Jahren auf die Gegenwart ist nicht unproblematisch. Fernández betont, Kuba befinde sich heute in einer grundlegend anderen Lage: Die Gesellschaft sei gealtert, stark von Migration geprägt und seit drei Jahrzehnten von wirtschaftlicher Krise gekennzeichnet. Der politische Konsens habe gelitten, die einstige permanente Mobilisierungslogik existiere nicht mehr, und auch die militärischen Kapazitäten seien im Vergleich zur Hochphase des Kalten Krieges deutlich geschwächt. Während Kuba in den 1980er-Jahren zu den militärisch bedeutenderen Akteuren der Region gezählt habe, gelte die Ausrüstung heute als veraltet. Fernández äußert Zweifel, dass die organisierte Widerstandsstruktur von einst dieselbe Schlagkraft entfalten könne. Gleichwohl warnt er davor, das Modell zu unterschätzen. Nationalistische Reflexe könnten im Fall einer tatsächlichen Intervention erneut mobilisierend wirken. So bleibt die „Guerra de Todo el Pueblo“ vor allem ein politisches Signal: eine demonstrative Erinnerung daran, dass ein möglicher militärischer Eingriff einen hohen Preis hätte. Ob diese Abschreckungslogik in der aktuellen geopolitischen Konstellation trägt, ist jedoch offen.
Quelle: Swissinfo/EFE (https://t1p.de/khgus)
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