Neues aus Kuba
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11.07.2026 08:00 Uhr
Mehr als 200 kubanische Medizinerinnen und Mediziner versorgen die ärmste Region Italiens. Washington drängt auf ihre Ablösung, US-Außenminister Rubio spricht von „Menschenhandel“. Kalabrien sieht das anders.
Abbildung: Symbolbild von Akram Huseyn auf Unsplash
Die süditalienische Region Kalabrien wird an ihrem seit Jahren laufenden Programm zur medizinischen Zusammenarbeit mit Kuba festhalten. Das bestätigte Regionalpräsident Roberto Occhiuto gegenüber der Nachrichtenagentur Associated Press. Die Entscheidung fällt zu einer Zeit, in der mehrere Länder in Lateinamerika und der Karibik ihre Kooperationsabkommen mit Kuba unter diplomatischem Druck aus Washington aufgekündigt haben.
Besuch aus Havanna – und aus Washington Laut Occhiuto besuchten ihn im Februar der US-Geschäftsträger in Kuba, Mike Hammer, und die US-Generalkonsulin in Neapel. Das Gespräch sei zwar in freundlichem Ton verlaufen, so der Regionalpräsident, doch habe Hammer unmissverständlich deutlich gemacht, dass Washington eine Ablösung der kubanischen Fachkräfte durch alternative internationale Anbieter begrüßen würde. Bereits unter der Regierung von Präsident Biden habe er, Occhiuto, unter Druck gestanden – unter Trump habe dieser Druck jedoch spürbar zugenommen. Occhiuto erklärte den US-Vertretern, seine Regionalregierung arbeite an Anreizen, um kalabrische Ärztinnen und Ärzte zur Rückkehr in die Region zu bewegen. Gleichzeitig habe er aber klargestellt, dass er die Krankenhäuser offenhalten und die derzeit in Italien tätigen kubanischen Ärztinnen und Ärzte in ihren Stellen belassen müsse. Nach eigenen Angaben würde Occhiuto die Zahl der kubanischen Mediziner in Kalabrien sogar gerne auf rund 1.000 erhöhen, verzichtet aber vorerst darauf, um die Spannungen mit den USA nicht weiter zu verschärfen. Sechs Jahrzehnte medizinische Kooperation Kalabrien, die ärmste Region Italiens, zu den 165 Ländern und Territorien, die seit den 1960er-Jahren kubanische medizinische Unterstützung erhalten haben. Insgesamt hat Kuba in dieser Zeit mehr als 605.000 Gesundheitsfachkräfte – Ärztinnen, Ärzte, Fachpersonal und Techniker – weltweit entsandt und mehr als 87.900 Medizinstudierende aus 150 Ländern ausgebildet, davon über 31.200 an der Lateinamerikanischen Medizinschule (ELAM) in Havanna. In Kuba selbst kommmen rund 9,5 Ärztinnen und Ärzte auf 1.000 Einwohner – fast das Dreifache des OECD-Durchschnitts. Das gemeindenahe Präventionsmodell des Landes gilt international als Vorbild für ressourcenschonende Gesundheitsversorgung, weshalb kubanisches Fachpersonal seit Jahrzehnten vor allem in Entwicklungsländern wie Gambia oder Venezuela zum Einsatz kommt. In Kalabrien arbeiten mehr als 200 kubanische Ärztinnen und Ärzte in abgelegenen Krankenhäusern. Der Mangel an einheimischem Personal hatte dort zuvor bereits zur Schließung einzelner Abteilungen geführt. Francesco Moschella, Chefarzt des Krankenhauses von Polistena, beschrieb der Associated Press die Situation vor der Ankunft der kubanischen Kolleginnen und Kollegen im Januar 2023 als „Katastrophe“ – er habe die Notaufnahme zeitweise allein betreut. Vorwurf des „Menschenhandels“ US-Außenminister Marco Rubio wirft den kubanischen Auslandsmissionen eine „Form des Menschenhandels“ vor. Der Vorwurf bezieht sich auf Berichte, wonach die kubanische Regierung einen Großteil der Gehälter einbehalte und in manchen Fällen sogar Reisepässe konfisziere. In Kalabrien schließt die Region jedoch, anders als bei zentral organisierten Kooperationsabkommen üblich, Einzelverträge mit den Ärztinnen und Ärzten ab und überweist die Gehälter direkt auf italienische Bankkonten – nicht an die kubanische Regierungsagentur, die internationale Einsätze sonst koordiniert. Mehrere kubanische Mediziner bestätigten der Associated Press dennoch, freiwillig bis zur Hälfte ihres Einkommens nach Havanna zu überweisen. „Es ist ein freiwilliger Beitrag, denn Kuba hat uns ausgebildet, erzogen und zu Ärztinnen und Ärzten gemacht“, wird die Notfallmedizinerin Zoila Yakelin Arevalo Cruz zitiert. Die Kardiologin Daisy Luperon Loforte wies gegenüber euronews die Bezeichnung als „moderne Sklaven“ zurück: Man liebe sein Land und leiste den finanziellen Beitrag gerne. Andere Länder ziehen sich zurück Kalabrien steht mit seiner Haltung zunehmend allein da. Jamaika beendete im März ein 50 Jahre bestehendes Kooperationsabkommen, von dem fast 300 Beschäftigte im Gesundheitswesen betroffen waren. Im selben Monat wies Honduras nach Angaben mehr als 150 kubanische Fachkräfte aus; auch Guatemala beendete sein Programm, wobei der guatemaltekische Außenminister Druck aus Washington einräumte. Mexiko dagegen hält an der Zusammenarbeit fest: Präsidentin Claudia Sheinbaum begründete dies damit, dass kubanische Ärztinnen und Ärzte eine wichtige Versorgung unterversorgter Gemeinden leisteten und das bilaterale Programm für Mexiko weiterhin von Nutzen sei. Überlastetes Gesundheitssystem Kalabrien gehört zu den wirtschaftlich schwächsten Regionen Italiens: Die Löhne liegen rund 30 Prozent unter dem nationalen Durchschnitt, die Arbeitslosigkeit ist doppelt so hoch wie im übrigen Land. Nach Angaben des italienischen Gesundheitsministeriums belegt die Region beim Zugang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung landesweit den letzten Platz. Bereits während der Corona-Pandemie hatte Kuba Ärztinnen und Ärzte in mehrere italienische Regionen entsandt, darunter neben Kalabrien auch die Lombardei. Während andere Regionen die Kooperation nach dem Ende der Pandemie-Notlage beendeten, beschäftigte Kalabrien die kubanischen Teams weiter. Die Notfallmedizinerin Arevalo Cruz, die 2023 aus Kuba nach Italien kam, beschreibt gegenüber euronews ihre Überraschung über den Ärztemangel in einem westeuropäischen Land: In der Notaufnahme von Polistena, die jährlich rund 30.000 Patientinnen und Patienten behandelt, stellen sechs kubanische Ärztinnen und Ärzte die Hälfte des Personals. Wartezeiten von acht bis zwölf Stunden seien inzwischen auf unter eine Stunde gesunken. Occhiuto bestätigte zudem, dass sich kürzlich 63 kubanische Ärztinnen und Ärzte – einige von ihnen mit Erfahrung aus früheren kubanischen Auslandsmissionen – eigenständig, also außerhalb des staatlich organisierten Kooperationsprogramms, für eine Tätigkeit im kalabrischen Gesundheitssystem beworben hätten. Das könnte darauf hindeuten, dass sich für kubanisches Fachpersonal zunehmend Wege eröffnen, unabhängig von staatlich vermittelten Verträgen in Italien zu arbeiten – ähnlich wie in der Nachbarregion Molise beschrieben hat, die sich am kalabrischen Modell orientiert. Autor: Leon Latozke
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