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02.10.2026 10:00 Uhr
In Miami planen wohlhabende Exilkubaner Kubas wirtschaftliche Zukunft: mit eigener Handelskammer, einer Börse für Havanna und klaren Vorstellungen zur Rückgabe enteigneten Eigentums.
Abbildung: Zu diesem Beitrag liegt kein Bildmaterial vor.
Im Garten eines Anwesens an der Biscayne Bay in Miami hat sich Anfang August die Cuban-American National Chamber of Commerce (CANCC) zu ihrem vierten Treffen versammelt. Die Gäste kommen aus einigen der einflussreichsten kubanisch-amerikanischen Unternehmerfamilien Floridas. Sie wollen ausarbeiten, wie Kuba nach einem Ende der kommunistischen Regierung wirtschaftlich aufgestellt werden könnte. Kammerpräsident Juan Omar Sixto sagt, das Ziel sei, in Kuba präsent zu sein, sobald das politische System falle. Viele Anwesende halten diesen Zeitpunkt für nah. Belegt ist das nicht.
Gründung im Schatten von Washingtons Druckkampagne Die Kammer ist jung. Exilkubaner gründeten die CANCC Anfang Juni, um in die Insel zu investieren, sobald sie „frei“ sei. Das Programm sieht unter anderem eine Wiederbelebung der Börse vor. Der Zeitpunkt war nicht zufällig gewählt. Zur gleichen Zeit lief eine von Washington gesetzte Frist ab, innerhalb derer ausländische Unternehmen ihre Verbindungen nach Kuba kappen sollten. Einen Tag zuvor hatte das US-Finanzministerium Sanktionen gegen Präsident Miguel Díaz-Canel, mehrere seiner Angehörigen und das kubanische Verteidigungsministerium verhängt (Chronologie der Eskalation). Sixto verließ die Insel als Jugendlicher. Er ist heute Anfang 80 und Immobilienunternehmer. Nach eigenen Angaben arbeitete er drei Jahre bei Merrill Lynch in New York. Die Pläne der Kammer sind umfangreich. Unter dem Namen „Havana Stock and Commodity Exchange“ soll eine Waren- und Wertpapierbörse in Havanna entstehen. Dazu kommt ein Finanzinstitut, das Börsenmakler, Versicherungs- und Immobilienvertreter ausbilden soll. Für den Neuaufbau der Börse veranschlagt Sixto drei bis fünf Jahre. Den Kapitalbedarf für den Wiederaufbau des ganzen Landes schätzt er auf 200 bis 400 Milliarden US-Dollar. Infrastrukturstudien sollen nach den Vorstellungen der Kammer überwiegend US-Firmen übernehmen, ergänzt durch japanische und deutsche Unternehmen. Daneben gibt es Ausschüsse zu Energieversorgung und Ernährungssicherheit. Die CANCC ist nicht die einzige Initiative dieser Art. Auch bei einem Forum im American Museum of the Cuban Diaspora legten Exilfachleute im Juli Konzepte für Strom, Wasser und Verkehr nach einem politischen Übergang vor. Sixto sagt, der Unterschied zu früheren Planspielen in Miami liege im Kurs der Trump-Regierung, die einen vollständigen Wandel auf der Insel erzwingen wolle. Er spricht auch von Kontakten in das Umfeld von Außenminister Marco Rubio (Rubios Rolle zwischen Trump und der Exilgemeinde). Diese Angabe lässt sich nicht unabhängig überprüfen. Welche Netzwerke sich bereits um ein „Kuba danach“ formieren, beschreibt ein Überblick über Lobbyisten und Geldgeber im Umfeld von Trump und Rubio. Reformen in Havanna – Ablehnung in Miami Die kubanische Führung hat inzwischen selbst umfassende Wirtschaftsreformen beschlossen. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei billigte im Juni ein Paket aus 176 Liberalisierungsmaßnahmen in 23 Bereichen. Seitdem werden die Maßnahmen schrittweise in Gesetze umgesetzt. Das Gesetzesdekret 133 hebt die Obergrenze von hundert Beschäftigten für nichtstaatliche Unternehmen auf. Im Ausland lebende Kubaner dürfen sich nun an solchen Firmen beteiligen, auch an mehreren gleichzeitig (Mehr dazu: Kuba öffnet sich für Diaspora-Kapital). Ein weiteres Dekret erlaubt ausländischen Unternehmen, Personal direkt einzustellen statt über staatliche Agenturen. Es erleichtert außerdem Konten im Ausland und öffnet den Privatsektor für Reiseagenturen. Díaz-Canel stellt die Reformen als Verteidigung des Sozialismus dar. Kritiker sehen darin einen Schritt in Richtung Marktwirtschaft. Bei der Verabschiedung wandte sich der Präsident direkt an Washington: „Wenn ihr dem kubanischen Volk wirklich helfen wollt, dann lasst uns leben!“ Das US-Außenministerium wies die Reformen als oberflächlich zurück. In Miami überzeugen sie ebenfalls nicht. Die CANCC-Mitglieder halten die Reformen für kosmetisch, weil sie Investoren keine belastbaren Garantien böten. Sixto bezeichnete sie als bloßen Köder. Solange die jetzige Regierung amtiere, werde man in Kuba nicht investieren. Voraussetzung sei eine Übergangsregierung. Die Eigentumsfrage Im Zentrum der Pläne steht die Frage, was mit dem nach 1959 enteigneten Eigentum geschieht. Sixtos Vater gehörte vor der Revolution zu den größten Tabakproduzenten der Provinz Pinar del Río. Nach Sixtos Darstellung verlor die Familie fünf Immobilien und einen Hof. Familien, die heute in diesen Häusern leben, wolle er nicht vertreiben. Er fordert aber Rückgabe oder Entschädigung, notfalls nur einen Bruchteil des Werts. Das sei „moralische Gerechtigkeit“. Systematischer geht Nicolás Gutiérrez vor, Präsident der Exilorganisation Asociación Nacional de Hacendados de Cuba, des Verbands der früheren Zuckermühlenbesitzer. Der Anwalt ist nach eigenen Angaben nie in Kuba gewesen und in Miami aufgewachsen. Er schlägt ein spezielles Verwaltungsgericht vor, das Ansprüche in einem begrenzten Zeitraum prüfen soll. Landwirtschaftliche und industrielle Flächen will er anders behandeln als Wohnraum, weil sie in der Regel nicht von Familien bewohnt würden. Ansprüche sollten sich auf gewerbliche Objekte mit einem Wert über 50.000 US-Dollar beschränken. Es gehe nicht darum, gewöhnliche Kubaner aus ihren Wohnungen zu drängen. Die meisten Zuckermühlen sind inzwischen abgebaut. Gutiérrez will die Flächen trotzdem wieder nutzbar machen, nicht unbedingt für Zucker, sondern etwa für Ethanol, Solarenergie oder Wasseraufbereitung. Die Forderungen sind rechtlich nicht nur Theorie. Ein Bundesgericht in den USA verurteilte das Reiseportal Expedia zur Zahlung von 120 Millionen US-Dollar an einen Exilkubaner. Grundlage war die Nutzung enteigneter Flächen auf Cayo Coco. Wie lange solche Verfahren dauern können, zeigt der Fall der Gründerfamilie der Brauerei La Tropical: Sie erhielt nach mehr als 25 Jahren Rechtsstreit historische Markenrechte zurück. Nach US-Recht müssen außerdem zertifizierte Ansprüche amerikanischer Firmen im Umfang von rund zehn Milliarden Dollar geklärt sein, bevor die Beziehungen vollständig normalisiert werden können. Havanna sieht das anders. Die kubanische Regierung beschreibt solche Ansprüche als Verbitterung einer früheren Grundbesitzerelite, deren Vermögen auch auf Sklavenarbeit und Kontraktarbeit beruht habe. Beides wurde in Kuba erst Ende des 19. Jahrhunderts abgeschafft. Die Bodenreform nach 1959 habe das Land an Arbeiter und Staat übergeben. Zur CANCC selbst hat sich die Regierung bisher nicht geäußert. Der Agrarexperte Hugo Orizondo, ebenfalls Mitglied der Kammer, verteidigt die Investitionspläne. Investoren brächten Kapital und Technologie, beides brauche Kuba dringend, um sich selbst zu ernähren. Wie groß die Abhängigkeit von Importen ist, zeigt eine Schätzung: Bis zu 80 Prozent der auf Kuba konsumierten Lebensmittel wurden in den vergangenen drei Jahrzehnten importiert. Havanna hat in diesem Bereich bereits reagiert und im Juli die Obergrenzen für die Vergabe von Agrarland in Nutznießung aufgehoben, ausdrücklich auch für Exilkubaner. Orizondo räumt allerdings ein, dass man in Miami kaum wisse, was derzeit auf der Insel geschehe. Zweifel am Zeitplan Fachleute halten die Planungen für verfrüht. Unklar sei auch, welche Form ein Wandel annehmen könnte: ein US-Militäreinsatz wie im Januar in Venezuela (droht Kuba ein Venezuela-Szenario?) oder ein wirtschaftliches Abkommen mit der jetzigen Führung. Michael Bustamante, Historiker an der University of Miami, sagt, die von Washington geweckten Erwartungen eines baldigen Umbruchs seien vorerst vertagt. Vor den Zwischenwahlen im November und angesichts des Iran-Kriegs sehe er wenig Neigung zu weiteren außenpolitischen Abenteuern. Wahrscheinlicher sei eine Fortsetzung schrittweiser Sanktionen. Schon die Unterbrechung der Ölversorgung seit Januar (Chronik der Ölblockade) ist nach Bustamantes Einschätzung eine erhebliche Eskalation. Sie habe das Leben der meisten Menschen auf der Insel stark erschwert, aber noch keinen politischen Wendepunkt herbeigeführt. Auch im Exil gibt es Zweifel. Manche Exilkubaner befürchten, bei einer Einigung zwischen Washington und Havanna übergangen zu werden. Sie verweisen auf Venezuela, wo nach dem Sturz von Nicolás Maduro Ölgeschäfte gegenüber demokratischen Forderungen Vorrang erhalten hätten. Die Lage auf der Insel Wie weit die Pläne von der Realität entfernt sind, zeigte sich wenige Stunden nach dem Treffen: Kuba erlebte den sechsten landesweiten Stromausfall dieses Jahres. Inzwischen ist das Netz bereits achtmal vollständig zusammengebrochen. Allein die Instandsetzung des Stromnetzes wird auf acht bis zehn Milliarden US-Dollar geschätzt. Bevor Landwirtschaft oder Tourismus von Exilkapital profitieren könnten, müssten die Engpässe bei Lebensmitteln, Wasser, Treibstoff und Medikamenten überwunden werden. Für die meisten Menschen in Kuba steht dieser Alltag im Vordergrund, nicht die Debatte über eine Börse in Havanna.
Quellen: BBC, EFE, Diario de Cuba, CiberCuba, Periódico Cubano, CNN, NTN24, AP, Bloomberg, Telemundo, dpa, der Freitag
Autor: Leon Latozke
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