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Fast die Hälfte Kubas ist von Stromabschaltungen betroffen. Während der Osten der Insel nach dem Hurrikan Melissa weiterhin ohne Elektrizität bleibt, kämpft auch der Rest des Landes mit massiven Engpässen im Energiesystem.
01.11.2025 19:00 Uhr
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Nach offiziellen Angaben der staatlichen Stromgesellschaft Unión Eléctrica (UNE) wird an diesem Samstag (1.) fast die Hälfte des Landes von Stromabschaltungen betroffen sein. Rund 46 Prozent der Bevölkerung müssen in den Abendstunden, wenn der Verbrauch am höchsten ist, mit gezielten Abschaltungen rechnen. Nur die fünf östlichen Provinzen bleiben davon ausgenommen – allerdings nicht, weil sie verschont blieben, sondern weil dort seit Tagen ohnehin kein Strom mehr fließt.
Der Osten Kubas ist seit dem Durchzug des Hurrikans Melissa weitgehend lahmgelegt. Der Wirbelsturm der Kategorie 3 hatte am Mittwoch mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 Kilometern pro Stunde schwere Schäden angerichtet. Nach Angaben der Behörden sind zwar die großen Kraftwerke in der Region – zwei Thermo- und eine Motorgenerationsanlage – weitgehend unversehrt geblieben, doch das Verteilungsnetz wurde erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Umgestürzte Leitungen und zerstörte Masten haben die Stromversorgung für die rund 3,5 Millionen Einwohner der Region unterbrochen. Die Reparaturarbeiten dürften noch mehrere Tage dauern. Für die übrigen zehn Provinzen rechnet die UNE am Samstag mit einer maximalen Stromnachfrage von 2.500 Megawatt, denen jedoch nur eine verfügbare Kapazität von 1.410 Megawatt gegenübersteht. Das ergibt ein Defizit von über 1.000 Megawatt – eine Lücke, die nur durch flächendeckende Lastabschaltungen zu überbrücken ist. Die Energiekrise auf der Insel ist kein neues Phänomen. Seit August 2024 hat sich die Lage dramatisch verschärft: Tägliche Stromausfälle von bis zu 20 Stunden sind vielerorts zur Routine geworden. Innerhalb eines Jahres kam es zu fünf landesweiten Blackouts, zuletzt im September. Ursache sind die veralteten Thermokraftwerke, die seit Jahrzehnten ohne ausreichende Wartung und Investitionen betrieben werden. Das gesamte Energiesystem ist veraltet, anfällig und vollständig staatlich kontrolliert – ein Erbe der zentralistischen Struktur, die seit der Revolution von 1959 besteht. Hinzu kommt die chronische Devisenknappheit, die es der Regierung erschwert, Treibstoff, Schmierstoffe und Ersatzteile für die zahlreichen Notstromaggregate und kleineren Generatoren zu importieren. Viele dieser Anlagen stehen inzwischen still. Zwar versucht die Regierung, mit einem ambitionierten Solarprogramm gegenzusteuern – 32 neue Photovoltaikparks wurden in diesem Jahr in Betrieb genommen –, doch der Effekt bleibt begrenzt. Ohne Batteriespeicher liefern die Anlagen nur tagsüber Strom und können die nächtlichen Engpässe nicht ausgleichen. Unabhängige Experten machen vor allem strukturelle Ursachen für den Zusammenbruch des Energiesystems verantwortlich: jahrzehntelange Unterfinanzierung, mangelnde Transparenz und ineffiziente staatliche Verwaltung. Das Energiesystem, so der Tenor vieler Analysen, benötigt Investitionen in Höhe von mindestens acht bis zehn Milliarden US-Dollar, um sich zu stabilisieren – Summen, über die Kuba nicht verfügt. Die Regierung in Havanna verweist hingegen auf die Folgen der US-Sanktionen, die ihrer Ansicht nach gezielt auf eine „energetische Erstickung“ des Landes abzielen. Doch die Realität auf der Insel ist, dass der chronische Strommangel längst zum zentralen Problem der Wirtschaft geworden ist. Die kubanische Wirtschaft schrumpfte laut offiziellen Angaben 2024 um 1,1 Prozent und hat über die letzten fünf Jahre insgesamt elf Prozent an Wert verloren. Auch die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) rechnet für das laufende Jahr mit einem negativen Wachstum. Die anhaltenden Stromausfälle treffen nicht nur Industrie und Landwirtschaft, sondern auch private Haushalte und den ohnehin angeschlagenen Dienstleistungssektor. Lebensmittel verderben, Wasserpumpen und Kühlanlagen fallen aus, Fabriken stehen still. Gleichzeitig wächst der soziale Unmut: Schon in den vergangenen Jahren waren die häufigen Stromabschaltungen Auslöser mehrerer Protestwellen – von den massiven Demonstrationen im Juli 2021 bis zu kleineren Kundgebungen in Städten wie Havanna und Gibara in den letzten Monaten. Während sich die Bevölkerung mit Kerzen, Generatoren und Improvisation über Wasser hält, bleibt der Ausweg aus der Energiekrise ungewiss. Selbst kurzfristige Entlastung ist nicht in Sicht – weder durch externe Hilfe noch durch technische Modernisierung. Für Millionen Kubaner bedeutet das: Dunkelheit als neuer Alltag.
Quelle: EFE (https://t1p.de/xem6v)
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Text: Leon Latozke
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