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In Kuba verschärft sich die Energiekrise: Nur ein Viertel der Wärmekraftwerkskapazität ist aktuell verfügbar, drei von sieben zentralen Anlagen sind außer Betrieb, darunter die strategisch wichtige CTE Antonio Guiteras.
08.10.2025 10:15 Uhr
Abbildung: CTE Anonio Guiteras. Bildquellle: Ecured
Wie die Nachrichtenagentur EFE unter Bezug auf Angaben der staatlichen kubanischen Elektrizitätsgesellschaft Unión Eléctrica (UNE) meldet, arbeiten die Wärmekraftwerke auf der Karibikinsel derzeit nur mit rund einem Viertel ihrer installierten Leistung. Von den sieben zentralen Wärmekraftwerken (CTE) sind drei außer Betrieb, darunter mit der Anlage Antonio Guiteras in Matanzas eine der wichtigsten des Landes.
Die Gesamtkapazität aller kubanischen Kraftwerke beträgt 2.613 Megawatt (MW), doch die vier verbliebenen Anlagen speisen laut UNE nur rund 689 MW in das nationale Stromnetz (Sistema Eléctrico Nacional, SEN) ein. Die Folge sind tägliche Stromabschaltungen, die in vielen Regionen über 20 Stunden andauern. In den vergangenen zwölf Monaten kam es zu fünf landesweiten Blackouts – ein Hinweis auf den kritischen Zustand des Systems. Veraltete Kraftwerke, instabile Versorgung Die Wärmekraftwerke bilden das Rückgrat der kubanischen Stromerzeugung. Etwa 40 Prozent des nationalen Energiemixes stammen aus diesen Anlagen. Doch Jahrzehnte mangelnder Wartung, fehlende Ersatzteile und eine chronische Unterfinanzierung haben die Infrastruktur in einen Zustand gebracht, der kaum noch planbare Stromerzeugung erlaubt. Viele Anlagen stammen aus den 1960er- und 1970er-Jahren und arbeiten deutlich unter ihrer möglichen Leistung. So liefert die CTE Felton, eine der größten des Landes, derzeit nur rund 180 Megawatt, obwohl sie bei voller Kapazität 510 MW erzeugen könnte. Einer ihrer beiden Blöcke ist außer Betrieb. Auch die Werke in Mariel, Cienfuegos und Nuevitas produzieren weit unter ihrem Potenzial. Besonders gravierend ist der Ausfall der Antonio Guiteras. Die 37 Jahre alte Anlage musste wegen eines Defekts in der Kesselanlage abgeschaltet werden. Ihr Wegfall bedeutet einen Verlust von 250 MW und erhöht die Zahl der von Stromausfällen betroffenen Kubaner deutlich. Laut UNE sind derzeit in Spitzenzeiten bis zu 58 Prozent der Bevölkerung gleichzeitig ohne Strom – ein Wert, der die Stabilität des gesamten Stromnetzes gefährdet. Wartungsstau und fehlende Investitionen Die Regierung hat für Dezember eine umfassende Generalüberholung der Antonio Guiteras angekündigt, die sechs Monate dauern soll. Es wäre die erste dieser Art seit 15 Jahren, obwohl derartige Wartungszyklen regulär alle sieben Jahre erfolgen müssten. Der lange Aufschub verweist auf strukturelle Probleme in der Energiepolitik. Unabhängige Fachleute führen die Energiekrise auf eine langjährige Unterfinanzierung des Sektors zurück. Der gesamte Stromsektor befindet sich seit 1959 in staatlicher Hand, was die Modernisierung erschwert. Nach Einschätzung von Energieexperten wären Investitionen zwischen acht und zehn Milliarden US-Dollar notwendig, um das nationale Stromnetz zu sanieren und zu stabilisieren – Summen, die Kuba angesichts seiner angespannten Wirtschaftslage kaum aufbringen kann. Die Regierung macht vor allem die US-Sanktionen für die Misere verantwortlich. Sie sprächen von einer „energetischen Erstickung“, die den Zugang zu Ersatzteilen, Treibstoffen und Finanzmitteln blockiere. Kritiker sehen dagegen ein hausgemachtes Problem: jahrzehntelange Fehlplanung, ineffiziente Verwaltung und fehlende wirtschaftliche Anreize für den Ausbau erneuerbarer Energien. Wirtschaft im Rückwärtsgang, Unruhe in der Bevölkerung Die Folgen für die Wirtschaft sind gravierend. Die ständigen Stromausfälle beeinträchtigen die Produktion in Industrie und Landwirtschaft, bremsen den Tourismus und erschweren die Versorgung der Bevölkerung. Viele Betriebe passen ihre Arbeitszeiten den Stromplänen an oder stellen den Betrieb ganz ein. Laut offiziellen Angaben schrumpfte die kubanische Wirtschaft 2024 um 1,1 Prozent. In den vergangenen fünf Jahren summiert sich der Rückgang auf rund elf Prozent. Auch die Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) erwartet für 2025 ein weiteres Minus beim Bruttoinlandsprodukt. Die Energiekrise wirkt dabei wie ein Katalysator für soziale Spannungen. Stromausfälle gehören inzwischen zum Alltag, führen aber immer häufiger zu spontanen Protesten. Die Demonstrationen im Juli 2021 und jüngst im September in Havanna und Gibara richteten sich vor allem gegen die unzuverlässige Stromversorgung und die politischen Reaktionen darauf. Keine kurzfristige Entlastung in Sicht Eine rasche Verbesserung der Lage ist nicht absehbar. Selbst wenn die Antonio Guiteras im kommenden Jahr wieder ans Netz geht, bleibt das System anfällig. Die UNE veröffentlicht ihre Berichte häufig mit Verzögerung oder in unvollständiger Form – ein weiteres Anzeichen für die Unsicherheit im Energiesektor. Kuba steht damit vor einem strukturellen Problem, das über technische Fragen hinausgeht. Die Energiekrise ist Ausdruck einer tiefgreifenden wirtschaftlichen und politischen Stagnation. Ohne externe Investitionen oder grundlegende Reformen droht das Stromnetz der Insel dauerhaft an der Grenze des Zusammenbruchs zu operieren – mit weitreichenden Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft und politische Stabilität.
Quelle: EFE (https://t1p.de/0zhzs), UNE (https://t1p.de/v4i2j)
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Text: Leon Latozke
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