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Kuba steckt in einer Energie- und Wirtschaftskrise. Venezuelas Öllieferungen brechen weg, Mexiko liefert nur teilweise – und Russland wird zur entscheidenden Stütze der kubanischen Regierung. Putins Einfluss in der Region steht auf dem Spiel.
22.01.2026 07:00 Uhr
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Havanna steht vor einer entscheidenden Bewährungsprobe: Kuba ist heute in einer existenziellen Krise, die nicht nur die Versorgung der Bevölkerung bedroht, sondern auch die Position Russlands in Lateinamerika auf die Probe stellt. Die politische und wirtschaftliche Stabilität der Insel hängt zunehmend von Moskau ab, nachdem traditionelle Unterstützer aus der Region ausgefallen sind.
Die historische Rolle Russlands als Garant für das Überleben des kubanischen Regimes wird durch die jüngsten Entwicklungen in Venezuela infrage gestellt. Nachdem die USA in einer Militäraktion Präsident Nicolás Maduro festgenommen haben, brach die öffentliche Unterstützung für Moskau in Lateinamerika sichtbar ein. Kommentare auf den Webseiten russischer Botschaften äußern Empörung über das Ausbleiben effektiver Gegenmaßnahmen: „Warum habt ihr uns im Stich gelassen? Wo ist eure militärische Überlegenheit?“ Diese Wahrnehmung stellt einen schweren Schlag für das russische Image dar, das sich unter Präsident Wladimir Putin als Verteidiger des sogenannten globalen Südens etabliert hatte. Angesichts dieser Lage rückt Kuba in den Fokus: „Dort muss Russland nun beweisen, dass es das Überleben des Regimes sichern kann“, erklärt der Politikwissenschaftler Wladimir Ruwinski von der Universität Icesi in Cali. Die kubanische Führung genießt in Lateinamerika trotz autoritärer Strukturen und wirtschaftlicher Fehlentwicklungen weiterhin Sympathien, insbesondere bei linken Bewegungen und Teilen der Mittelschicht. Das Regime existiert seit 1959 und hat zahlreiche internationale Krisen überdauert – lange Zeit auch dank der Unterstützung aus Moskau. Ein Zusammenbruch Kubas würde für Russland einen massiven Imageschaden bedeuten. Die zentrale Herausforderung ist die Energieversorgung der Insel. Seit fast zwei Jahrzehnten sicherte Venezuela die kubanische Strom- und Ölversorgung. Unter Präsident Hugo Chávez wurde Kuba mit Öl zu Vorzugsbedingungen beliefert, während die Insel im Gegenzug Personal für Bildung, Medizin und Geheimdienste nach Caracas entsandte. Ein Teil des Öls konnte weiterverkauft werden, was dringend benötigte Devisen in die zunehmend marode Wirtschaft brachte. Seit 2023 ist diese verlässliche Quelle jedoch drastisch geschrumpft. Die Öllieferungen aus Venezuela gingen um fast zwei Drittel zurück und fielen im vergangenen Jahr nahezu vollständig aus. Als Gründe werden interne Konflikte zwischen der venezolanischen Präsidentin Delcy Rodríguez und der kubanischen Führung genannt, verschärft durch das Desaster der US-Militäraktion gegen Maduros Leibwächter. Als vorübergehender Ersatz liefert Mexiko rund 12 000 Fass Öl täglich – etwa ein Fünftel des kubanischen Bedarfs. Washington toleriert diese Lieferungen offenbar, um einen unkontrollierten Zusammenbruch des Regimes zu verhindern. Trotz dieser Unterstützung bleibt der Inselstaat existenziell auf Energiezufuhr angewiesen. Kuba erzeugt seinen Strom überwiegend in dieselbetriebenen Thermokraftwerken; lange Stromausfälle gehören inzwischen zum Alltag. Alternative Lieferanten aus Lateinamerika oder Afrika sind politisch kaum umsetzbar. Brasilien oder Kolumbien könnten aus ideologischen Gründen infrage kommen, doch alle potenziellen Partner scheuen eine Konfrontation mit den USA. Angola und Algerien haben in der Vergangenheit Öl geliefert, sind heute aber keine verlässlichen Partner mehr. „Kuba steckt in einem geopolitischen Vakuum“, urteilt der kubanische Ökonom Pavel Vidal. In dieser Lage bleibt Russland die letzte Hoffnung für die kubanische Führung. Bereits im März 2025 unterzeichneten Havanna und Moskau ein militärisches Kooperationsabkommen, ergänzt durch ein bis 2030 laufendes Vertragswerk für Wirtschaft und Handel, das russische Investitionen auf die Insel bringen soll. Kuba pocht nun auf die Einhaltung dieser Vereinbarungen. Der Besuch des russischen Innenministers Wladimir Kolokoltsev Anfang der Woche signalisiert die strategische Bedeutung Kubas für Moskau: Offiziell geht es um Zusammenarbeit bei der Verbrechensbekämpfung, inoffiziell jedoch darum, das Regime zu stabilisieren und den Einfluss Russlands in der Region zu demonstrieren. Die Situation Kubas zeigt die Verzahnung von regionaler Geopolitik und innerer Stabilität auf der Insel. Das Regime ist auf externe Energiezufuhr angewiesen, die durch ideologische und wirtschaftliche Verwerfungen zunehmend unsicher wird. Gleichzeitig steht Russland unter Druck, seinen Status als Unterstützer linker Regime in Lateinamerika zu bewahren. Ein Scheitern Kubas hätte nicht nur katastrophale Folgen für die kubanische Bevölkerung, sondern auch für Putins internationales Prestige. Havanna steht damit an einem geopolitischen Scheideweg: Ohne eine verlässliche Energieversorgung droht der soziale und wirtschaftliche Zusammenbruch, mit unabsehbaren Folgen für die politische Stabilität. Für Moskau bedeutet dies eine letzte Chance, Einfluss zu sichern und die Rolle als Retter des globalen Südens zu verteidigen. Die kommenden Monate werden entscheiden, ob Kuba erneut in einer Krise auf Russland bauen kann – oder ob die Insel in einem regionalen und globalen Machtvakuum zu scheitern droht.
Quelle: NZZ (https://t1p.de/jm7vk)
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