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05.09.2026 11:00 Uhr
Erstmals dürfen Auslandskubaner Anteile an Privatunternehmen halten. Ökonomen sprechen von der größten Öffnung seit Jahren – zweifeln aber, ob eine parteigebundene Justiz Investoren wirklich Sicherheit geben kann.
Abbildung: Symbolbild Restaurant in Havanna (Quelle: Bruno Rijsman, Havana, Zuschnitt KUBAKUNDE, CC BY-SA 2.0)
Diese Woche veröffentlichte das kubanische Amtsblatt eine Änderung des Decreto Ley 133 – und beendet damit ein Tabu, das das Verhältnis der Insel zu ihrer eigenen Diaspora jahrzehntelang geprägt hat: Künftig dürfen Kubaner, die im Ausland leben, sich an Klein-, Mittel- und Privatunternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten beteiligen.
Die Hürden für die neue Beteiligungsmöglichkeit sind niedrig: Volljährigkeit, keine offenen Schulden gegenüber Staat oder Banken, kein Regierungsposten, keine laufende Haftstrafe wegen unvereinbarer Delikte. Ab dem 9. September greifen zudem weitere Neuerungen: Der bisherige Deckel von 100 Angestellten pro Unternehmen fällt ganz weg, Selbstständige dürfen gleichzeitig Anteile an Kleinunternehmen oder Genossenschaften halten, und private Firmen können künftig direkt – ohne Umweg über Staatsunternehmen – am Außenhandel teilnehmen und ausländisches Kapital annehmen. Flankiert wird das Ganze von einer neuen Resolution des Instituts für nichtstaatliche Wirtschaftsakteure, die den gesamten Gründungs-, Fusions- und Auflösungsprozess künftig digital über eine zentrale Plattform abwickeln soll – mit einem manuellen Rückfallverfahren für die häufigen Stromausfälle der Insel. Der Ökonom Ricardo Torres, ehemals Forscher am Zentrum für Studien der kubanischen Wirtschaft und heute Professor an der American University in Washington, hält das für eine der bedeutendsten Zäsuren der vergangenen Jahre: Erstmals werde eine reale Möglichkeit für im Ausland lebende Kubaner geschaffen, sich am Wirtschaftsleben des Landes zu beteiligen – kodifiziert in Verordnungen und Ministerialbeschlüssen, nicht nur als Absichtserklärung. Von der Paladar zur Mipyme – eine kurze Geschichte der Öffnung
Die aktuelle Reform steht am vorläufigen Ende eines langen, zähen Prozesses. Private wirtschaftliche Tätigkeit wurde in Kuba erstmals 1993 in der Krise nach dem Wegfall der sowjetischen Subventionen in begrenztem Umfang legalisiert – damals vor allem als Selbstständigkeit im Kleinstformat, etwa in Gestalt der bekannten Paladares, privater Restaurants in Wohnhäusern. Ein zweiter Schub kam 2010 unter Raúl Castro, ein dritter im September 2021, als die Regierung erstmals echte Klein- und Mittelunternehmen (Mipymes) zuließ. Innerhalb von vier Jahren wurden mehr als 11.000 private Mipymes genehmigt; zusammen mit den klassischen Selbstständigen sollen sie seit 2012 über 570.000 Arbeitsplätze geschaffen haben. 2024 überholte der Privatsektor erstmals den Staat als größten Akteur im Einzelhandel, und Mipymes sowie Selbstständige trugen laut Branchendaten rund 23 Prozent zu den nationalen Steuereinnahmen bei.
Der Boom hatte allerdings zuletzt spürbar nachgelassen: Nach anfänglich rund 100 Neugenehmigungen pro Woche kamen zwischen Mai 2024 und Anfang 2025 nur noch vereinzelte Mipymes hinzu, mit Wartezeiten von sieben, acht Monaten bis zu über einem Jahr – ein Rückstau, den Branchenvertreter öffentlich kritisiert haben. Ein Grund: 2024 wurde die Genehmigungshoheit vom Wirtschaftsministerium auf die Gemeinden verlagert, wo viele Verwaltungen bislang kaum ausgestattet sind, den neuen "lokalen Entwicklungsnutzen" von Anträgen überhaupt zu prüfen. Vor diesem Hintergrund liest sich die jetzige Reform auch als Versuch, dem ins Stocken geratenen Wachstum des Privatsektors neuen Schwung zu geben. Getrieben von der Krise, nicht von Überzeugung
Doch die Euphorie hat Grenzen. Torres verweist auf das eigentliche Problem: Die Justiz sei nicht unabhängig, sondern der Kommunistischen Partei unterstellt – ein struktureller Vorbehalt, der jede Investitionsentscheidung überschattet. Nicht die neuen Regeln selbst seien das Risiko, sondern ihre „hochgradig diskretionäre" Umsetzung durch die Verwaltung.
Hinzu kommt: Die Reform erfolgt nicht aus freien Stücken. Washington hat Venezuela als Kubas wichtigsten Handelspartner zurückgedrängt, Treibstofflieferungen erschwert und immer neue Sanktionen gegen Funktionäre und staatsnahe Institutionen verhängt. Das Ergebnis: Präsident Miguel Díaz-Canel warb zuletzt öffentlich um die Diaspora und versicherte, das Land könne es sich nicht leisten, „auch nur einen guten Kubaner" zu verlieren – kurz bevor die Regierung ihr bislang weitreichendstes Reformpaket verkündete: 176 Maßnahmen, die staatlichen Betrieben mehr Autonomie geben, private Auslandsinvestitionen ohne staatliche Vermittlung erlauben, Lohnfindung flexibilisieren und sogar private Banken zulassen sollen – der radikalste wirtschaftspolitische Kurswechsel seit 1959, wie Beobachter urteilen. Dass es sich dabei nicht um eine ideologische Kehrtwende handelt, machte Díaz-Canel selbst deutlich: Gegenüber der brasilianischen Journalistin Mônica Bergamo (Folha de São Paulo) bezeichnete er die Öffnung des Privatsektors nicht als kapitalistische Maßnahme, sondern als „eine Konzession". Für Torres ein Alarmsignal: Es deute darauf hin, dass man bei besserer Lage jederzeit zum alten Kurs zurückkehren könnte – von einer ehrlichen Selbstkritik am gescheiterten Wirtschaftsmodell keine Spur. Die Standortfrage bleibt offen
Am Ende bleibt die nüchterne Standortfrage – und die Lage auf der Insel macht sie besonders drängend. Kuba hat 2026 bereits sechs landesweite Zusammenbrüche des Stromnetzes erlebt; selbst wenn das Netz läuft, sind rollierende Abschaltungen von 18 bis über 20 Stunden am Tag inzwischen eher Normalzustand als Ausnahme. Zeitweise stand einer Nachfrage von rund 3.000 Megawatt eine tatsächliche Erzeugung von nur etwas mehr als 1.200 Megawatt gegenüber – ein Defizit von über 1.700 Megawatt. Ausgelöst wurde die aktuelle Zuspitzung maßgeblich dadurch, dass Venezuela als Öllieferant weitgehend ausgefallen ist: Allein von dort bezog Kuba zuletzt gut ein Viertel seines täglichen Bedarfs, und die eigene Förderung deckt selbst unter günstigen Bedingungen kaum 40 Prozent des Bedarfs. Die Folgen reichen von brotlosen Bäckereien über leere Supermarktregale bis zu Krankenhäusern, die kaum noch verlässlich arbeiten können – Menschen kochen wieder mit Feuerholz, weil der Strom fehlt.
In dieses Umfeld hinein sollen nun Investitionen fließen, während gleichzeitig ein enges Netz US-amerikanischer Sanktionen gegen Funktionäre, Staatsunternehmen und ausländische Partner Finanzierungs- und Zahlungswege zusätzlich erschwert – Wechselkurs- und Bankrisiken, die ausländisches wie diasporisches Kapital von vornherein vorsichtig werden lassen. Wasserknappheit, ein durch Dollarisierung und galoppierende Inflation geprägter Schwarzmarkt und ein Alltag, in dem Grundversorgung längst nicht mehr selbstverständlich ist, ergänzen das Bild einer Insel, die für Investoren derzeit denkbar unattraktiv ist. Torres bringt es auf den Punkt: Ohne Anbindung an die Weltwirtschaft sei ein Wandel dieser Größenordnung kaum vorstellbar; deshalb dränge Havanna auch auf eine Verständigung mit Washington. Denn unter dem Sanktionsregime und angesichts der maroden Produktionskapazitäten der Insel bleiben die Wachstumschancen des Privatsektors beschränkt – wer soll kaufen, was produziert wird, und woher soll das Kapital für Investitionen überhaupt kommen? Die neuen Regeln öffnen zwar formal eine Tür für die Diaspora, doch solange Stromnetz, Bankensystem und Sanktionslage gegen jede Kalkulation arbeiten, bleibt fraglich, wie viele Kubaner im Ausland diese Tür tatsächlich durchschreiten werden. Autor: Leon Latozke
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