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24.08.2026 13:00 Uhr
Seit der Festnahme Maduros im Januar galt vielen als ausgemacht, dass Havanna als Nächstes an der Reihe sei. Acht Monate später ist nichts davon eingetreten. Ölblockade, CIA-Arbeitsgruppe, Suche nach einem Übergangskandidaten: eine Strategie, bei der Zeithorizont und Erfolgskriterium unscharf bleiben.
Seit dem 3. Januar 2026, als US-Streitkräfte den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro in Caracas festsetzten, kursiert in Miami wie in Washington dieselbe Rechnung: Wenn Caracas fällt, ist Havanna an der Reihe. Knapp acht Monate später ist diese Erwartung nicht eingetreten. Nach einer Analyse der spanische Tageszeitung EL PAÍS war sie von Beginn an ein Missverständnis — kein Kalkül, sondern eine Projektion. Washington verfolgt in Kuba keine Invasionsplanung, sondern eine Zermürbungsstrategie mit einem Enddatum: Januar 2029.
Die beiden maßgeblichen Akteure, Präsident Donald Trump und Außenminister Marco Rubio, reden demnach über Kuba nicht mit derselben Zeitrechnung. Zwei Stimmen: Trump kündigt an, Rubio terminiert
Rubios Position ist seit Anfang August dokumentiert. In einem Gespräch mit dem US-Portal Axios, veröffentlicht am 7. August, beschrieb er die Wirtschaftskampagne gegen die Insel als beispiellos und verlangte von denen, die auf Wandel hoffen, „Geduld und Beharrlichkeit". Sein Ziel formulierte er als Mindestanspruch: Kuba solle sich beim Ende der Amtszeit „auf einem unumkehrbaren Weg zu einer anderen Zukunft" befinden. Vier Tage später präzisierte er im „Katie Miller Podcast", ein über sieben Jahrzehnte gewachsenes System lasse sich nicht über Nacht herausreißen; als Vergleichsfall nannte er Osteuropa nach 1989, wo der Umbau drei bis fünf Jahre gedauert habe.
Bemerkenswert ist, was Rubio im Podcast zu seiner eigenen Rolle sagte: Er habe eine persönliche Bindung an Kuba, arbeite aber nicht für Kuba, sondern für die Vereinigten Staaten. Für einen Politiker, der seine Karriere in Südflorida auf einer kompromisslosen Kuba-Position aufgebaut hat, ist das eine auffällige Relativierung. Trumps Sprachgebrauch verlief anders. Im Januar sagte er, die Insel sei „reif zum Fallen" gewesen, im Februar hat er von einer freundlichen Übernahme gesprochen, im März erklärte er, Kuba sei als Nächstes dran, im Mai sagte er voraus, er selbst werde es sein, der es vollbringe. Im Juni antwortete er auf die Frage nach einer Operation nach venezolanischem Muster, das sei möglich und kündigte sehr gute Pläne für Kuba an. Im Juli hieß in einem Interview mit Fox News dass in Kuba „vielleicht in den nächsten zwei Monaten“ viele Dinge geschehen würden. Im August äußerte er sich gar nicht mehr dazu. Der Historiker Michael Bustamante von der University of Miami hält die Differenz für aufschlussreich: „Rubio hat nie gesagt, Kuba sei als Nächstes dran." Bustamante sieht in Rubios jüngsten Formulierungen den Hinweis auf einen veränderten Zeithorizont. Der wirksamste Hebel: Öl
Das wirksamste Instrument der US-Kampagne ist kein diplomatisches, sondern ein energiepolitisches. Seit Anfang Januar unterbindet Washington faktisch alle Öllieferungen an die Insel; Ende Januar ordnete Trump per Dekret Zölle gegen Staaten an, die Kuba beliefern. Der Effekt ist messbar: Kuba verlor mit dem venezolanischen Rohöl seine wichtigste Bezugsquelle und produziert nur einen Bruchteil des eigenen Bedarfs.
Seither gab es eine einzige nennenswerte Ollieferung — den russischen Tanker „Anatoly Kolodkin", der am 31. März in Matanzas festmachte. An Bord waren rund 730.000 Barrel Rohöl, was ungefähr 100.000 Tonnen entspricht und den Bedarf für neun bis zwölf Tage deckte. Diese Lieferung passierte, weil Trump sie passieren ließ. Die New York Times berichtete damals unter Berufung auf anonyme Regierungsquellen, zwei US-Kriegsschiffe hätten Order erhalten, den Tanker durchzulassen; Trump selbst erklärte, er habe damit „kein Problem". Die Blockade ist demnach kein hermetischer Riegel, sondern ein Ventil, dessen Öffnung Washington von Fall zu Fall entscheidet — ein Detail, das Rubios Bild von den geschlossenen Fluchtwegen relativiert. Die Anzahl der Maßnahmen seit 2025 belaufen sich auf rund zwei Dutzend Einzelaktionen, darunter Sanktionen gegen etwa 40 Unternehmen und Konglomerate sowie Reise- oder Finanzbeschränkungen gegen mindestens 38 Personen — unter ihnen Präsident Miguel Díaz-Canel und seine Frau Liz Cuesta. Die wirtschaftlichen Folgen reichen weit über den Staatsapparat hinaus. Nach Zahlen des kubanischen Statistikamts ONEI kamen zwischen Januar und April nur 328.608 internationale Besucher auf die Insel, ein Rückgang um 55,8 Prozent. Die spanischen Ketten Iberostar, Barceló und Meliá haben ihr Kuba-Geschäft aufgegeben, der kanadische Bergbaukonzern Sherritt International setzte seine direkte Beteiligung an Joint Ventures aus. Auslöser war jeweils der Druck Washingtons auf Firmen mit Verbindungen zum Militärkonglomerat GAESA. Für die Bevölkerung übersetzt sich das in Dunkelheit. Manuel Cuesta Morúa, Vorsitzender des oppositionellen Rats für einen demokratischen Übergang, sagte gegenüber EL PAÍS, die Lage verschlechtere sich „exponentiell". Die Sanktionen gegen die Führungsschicht würden rasch an die Bevölkerung weitergereicht, besonders an deren ärmsten Teil. Ein Nachfolger auf Bestellung
Parallel zur ökonomischen Kampagne läuft eine nachrichtendienstliche. Die New York Times berichtete Anfang August, die CIA habe eine verdeckte Arbeitsgruppe gebildet, deren Auftrag es sei, Risse in der kubanischen Führungsschicht zu erzeugen. Außerdem wurde Kuba zugleich im National Intelligence Priorities Framework auf „Priority 1" hochgestuft — dieselbe Kategorie wie China, Russland und Iran.
Washington sucht nach einer Figur innerhalb des Systems, die eine Übergangsphase moderieren könnte: ein kubanisches Pendant zu Delcy Rodríguez, die nach Maduros Festnahme die venezolanische Übergangspräsidentschaft übernahm. Genannt werden der stellvertretende Ministerpräsident und Außenhandelsminister Oscar Pérez-Oliva Fraga, ein Großneffe Fidel Castros, Vizeparlamentspräsidentin Ana María Mari Machado sowie Innenminister Lázaro Alberto Álvarez Casas. Die New York Times berichtete Anfang August, Pérez-Oliva komme für Washington nicht infrage; andere Beobachter hatten ihn im Frühjahr noch als aussichtsreichsten Übergangskandidaten gehandelt. Tatsächliche Gespräche führte bislang Raúl Guillermo Rodríguez Castro, Enkel Raúl Castros und Oberst im Innenministerium. CIA-Direktor John Ratcliffe traf ihn am 14. Mai in Havanna — eine Reise, in deren Kontext es Gerüchte um geheime Kontakte gab. Sechs Tage später erhob ein Bundesgericht in Miami Anklage gegen Raúl Castro wegen des Abschusses zweier Zivilflugzeuge der Exilorganisation „Brothers to the Rescue" im Februar 1996. Vier Menschen starben damals, drei von ihnen US-Bürger. Alle diese Erkenntnisse beruhen auf anonymen Quellen; weder das Weiße Haus noch die CIA haben sie bestätigt. Legitimation des State Department
Die argumentative Grundlage der Kampagne lieferte das State Department am 20. Juli mit einem 100-seitigen Bericht unter dem Titel „Cuba: The Capital of 21st Century Communism". Er wirft Havanna vor, seit fast sieben Jahrzehnten eine Unterwanderungskampagne gegen die USA zu führen — von Spionage in Regierungsbehörden bis zur Einflussnahme auf die Black Panthers, die Weather Underground und, in der Gegenwart, auf Antifa-Strukturen und Proteste nach dem Tod von George Floyd.
Jorge Duany, Professor emeritus an der Florida International University, ordnet den Bericht gegenüber EL PAÍS funktional ein: Er diene der Rechtfertigung verschärfter Sanktionen, stütze die Rhetorik von Trump und Rubio und könne den Weg für eine militärische Intervention ebnen. Zugleich passe er zu dem Bemühen, Demokraten als Kommunismus-Sympathisanten darzustellen und so die eigene Wählerbasis zu mobilisieren. Kubas Außenminister Bruno Rodríguez Parrilla wies den Bericht als politische Propaganda zurück und sprach von einem Vorwand für den „grausamen und kriminellen Wirtschaftskrieg" gegen die Insel. Was der Druck bislang bewirkt hat
Parallel zur ökonomischen Kampagne läuft eine nachrichtendienstliche. Die New York Times berichtete Anfang August, die CIA habe eine verdeckte Arbeitsgruppe gebildet, deren Auftrag es sei, Risse in der kubanischen Führungsschicht zu erzeugen. Nach Darstellung des Soufan Center wurde Kuba zugleich im National Intelligence Priorities Framework auf „Priority 1" hochgestuft — dieselbe Kategorie wie China, Russland und Iran.
Washington sucht der Zeitung zufolge nach einer Figur innerhalb des Systems, die eine Übergangsphase moderieren könnte: ein kubanisches Pendant zu Delcy Rodríguez, die nach Maduros Festnahme die venezolanische Übergangspräsidentschaft übernahm. Genannt werden der stellvertretende Ministerpräsident und Außenhandelsminister Oscar Pérez-Oliva Fraga, ein Großneffe Fidel Castros, Vizeparlamentspräsidentin Ana María Mari Machado sowie Innenminister Lázaro Alberto Álvarez Casas. Nach Berichten kubanischer Exilmedien, die sich auf die NYT stützen, gilt Pérez-Oliva in Washington allerdings als nicht akzeptabel. Tatsächliche Gespräche führte bislang Raúl Guillermo Rodríguez Castro, Enkel Raúl Castros und Oberst im Innenministerium. CIA-Direktor John Ratcliffe traf ihn am 14. Mai in Havanna — eine Reise, über die Kubakunde bereits im Kontext der Gerüchte um geheime Kontakte berichtet hat. Sechs Tage später erhob ein Bundesgericht in Miami Anklage gegen Raúl Castro wegen des Abschusses zweier Zivilflugzeuge der Exilorganisation „Brothers to the Rescue" im Februar 1996. Vier Menschen starben damals, drei von ihnen US-Bürger. Alle diese Erkenntnisse beruhen auf anonymen Quellen; weder das Weiße Haus noch die CIA haben sie bestätigt. Einordnung
Letzlich bleibt vor allem die Zielbeschreibung unscharf. Rubios Formel vom „unumkehrbaren Weg" ist kein überprüfbares Kriterium; sie erlaubt es, jeden Zustand Kubas im Januar 2029 als Erfolg zu deuten — auch einen, in dem sich am Machtapparat nichts geändert hat, wohl aber an der Versorgungslage der Bevölkerung.
Hinzu kommt, dass der Zeithorizont mit dem Wahlkalender kollidiert: Die Zwischenwahlen im November 2026 liegen zweieinhalb Jahre vor Rubios Enddatum, und Hardliner in der Regierung hatten laut New York Times erwartet, die kubanische Führung könne bis dahin verschwunden sein. Diese Erwartung dürfte sich nicht erfüllen, was den innenpolitischen Druck auf eine sichtbare Eskalation eher erhöht als senkt. Zugleich verschiebt sich die Kostenverteilung, je länger die Blockade dauert: Sie trifft dann nicht mehr die Elite, sondern die Infrastruktur, an der jede spätere Transformation ansetzen müsste — Stromnetz, Verkehr, Gesundheitswesen, Landwirtschaft. UN-Sonderberichterstatter haben davor bereits im Sommer gewarnt. Espinosas Schlusssatz gegenüber EL PAÍS zielt genau darauf: Selbst wenn man den Druck als vorübergehende Taktik akzeptiere, werde seine unbefristete Fortsetzung Kosten verursachen, die jede künftige Umgestaltung erschweren. Ob Washington das einkalkuliert hat oder in Kauf nimmt, ist die eigentlich offene Frage. Sie wird nicht 2029 beantwortet, sondern in den Monaten davor.
Quellen: english.elpais.com/international/2026-08-23/cuba-was-never-next-the-united-states-is-betting-on-a-slow-suffocation-of-the-castro-regime-by-2029.htmlQuellen: EL PAÍS, Axios, The New York Times, US-Justizministerium, The Washington Post, NPR, Foreign Policy, Fox News, CBS News, The Soufan Center, NZZ, Euronews, Berliner Zeitung, Associated Press
Autor: Leon Latozke
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