Neues aus Kuba
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16.10.2026 09:00 Uhr
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Während die Karibikinsel historisch tief stürzt, beleuchtet Mark Pitzke im SPIEGEL-Podcast Trump’s America die Absichten Washingtons. Welche strategischen und wirtschaftlichen Interessen verfolgt Donald Trump mit seiner harten Kuba-Politik? Pitzke analysiert die Hintergründe einer Schock-Strategie, die das Regime in Havanna endgültig in die Knie zwingen soll.
Abbildung: Symbolbild/Screenshot. Bildquelle: Kuba: Welche Interessen Trump verfolgt – Acht Milliarden | DER SPIEGEL Podcast. Rechte beim Uploadenden.
„Kuba steht am Abgrund“, sagt Mark Pitzke, langjähriger SPIEGEL-Korrespondent in den USA und auf der Karibikinsel, im SPIEGEL Podcast „Trump’s America“. Kamen 2018 noch fünf Millionen Urlauber in die Karibikinsel, waren es im März dieses Jahres laut offiziellen Angaben der Regierung in Havanna lediglich 35.000. „Das ist kein Zusammenbruch“, stellt Pitzke klar, „das ist ein Kollaps.“ Und dieser Kollaps, so seine Analyse, habe zwei Väter: Zum einen ein Regime, das sich seit sechs Jahrzehnten Reformen widersetze und seine Bevölkerung in eine Hyperinflation, in wiederholte landesweite Stromausfälle und in eine dramatische Versorgungskrise hineingesteuert habe. 850.000 Kubaner haben seit 2021 die Insel verlassen – die größte Auswanderungswelle der kubanischen Geschichte. „Und ja“, betont Pitzke im Podcast „Trump’s America“, „an ihr war nicht primär Donald Trump schuld.“ Die zweite Geschichte aber sei die einer US-Administration, die Kubas existenzielle Schwäche für einen finalen Angriff nutzen wolle. Ende Januar unterzeichnete Trump eine Executive Order, in der Kuba zur „außergewöhnlichen Bedrohung für die nationale Sicherheit“ erklärt wurde. Die unmittelbare Folge: ein Öl-Embargo, das das Land weiter an den Rand des Abgrunds treibt.
Die Lage vor Ort beschreibt Pitzke als katastrophal. Seit Ende Januar blockieren die USA die Ölversorgung der Insel. Nur ein einziger russischer Tanker habe die Blockade durchbrechen können. Die Folge: kaum Strom, kaum Benzin, kaum Lebensmittel. Die Krankenhäuser sind betroffen, die medizinische Versorgung bricht zusammen. Zwei demokratische Kongressabgeordnete, die sich vor Ort ein Bild machten, berichteten, dass Babys in Krankenhäusern sterben, weil die Brutkästen und Beatmungsgeräte keinen Strom haben. Auf den Straßen sind die Menschen auf Pferdekutschen angewiesen, der Schwarzhandel mit Zigaretten hält viele über Wasser. Die Ölblockade, so Pitzke, habe die ohnehin marode Lage noch einmal drastisch verschärft. Denn Kuba sei bereits durch jahrzehntelange kommunistische Misswirtschaft geschwächt. Trumps Strategie scheine nun darauf abzuzielen, dem Land den Todesstoß zu versetzen, um es dann nach Belieben formen zu können. Es sei eine „klassische brachiale Trump-Politik“, die hier stattfinde – mit verheerenden Folgen für die Bevölkerung. Wie reagiert die kubanische Führung auf diese Zuspitzung? Hier, so Pitzke, gebe es eine öffentliche und eine verdeckte Ebene. Öffentlich zeige man sich trotzig und bockig. Die traditionelle Erste-Mai-Demonstration fand statt – angeblich mit einer halben Million Teilnehmern, während die New York Times eher von Tausenden spricht. Pitzke, selbst mehrfach vor Ort, weiß, dass dies keine verlässlichen Stimmungsbarometer sind: „Die kommen in ihren Uniformen, sie müssen hin, das ist Arbeitszeit.“ Hinter den Kulissen aber laufen offenbar Gespräche zwischen der US- und der kubanischen Regierung. Gesteuert von Außenminister Marco Rubio, selbst Sohn kubanischer Einwanderer, verhandeln Delegationen – erstmals seit dem Besuch Barack Obamas 2016 wieder auf Kuba selbst. Themen sind politische und wirtschaftliche Reformen, die Freilassung von Dissidenten und der Rücktritt von Präsident Miguel Díaz-Canel. Was dabei herauskommt, ist ungewiss. Klar sei aber, dass ein Abtritt der Familie Castro nicht zur Debatte stehe. Raúl Castro, der 95-jährige Bruder Fidels, ziehe weiter im Hintergrund die Fäden; sein Enkel, ebenfalls Raúl, sei der Verhandlungsführer. Ein großer Regimewechsel im Stile der Operation gegen Maduro in Venezuela, so Pitzke, sei daher nicht zu erwarten. Dafür fehle es in Kuba an einer Zivilgesellschaft, die Reformen von unten vorantreiben könnte. Trump mag von einer Invasion oder einem schnellen Sieg träumen – die Militärs seien aber mit dem Konflikt im Iran beschäftigt, den er selbst angezettelt habe und der sich hinziehe. „Das wird nicht funktionieren“, prognostiziert Pitzke, „und die Kubaner werden davon nicht profitieren. Wie lange aber kann Kuba dem Druck standhalten? Ein ganzes Land, abgeschnitten von Öl, Benzin, Medikamenten? Pitzke warnt davor, die Leidensfähigkeit der Kubaner zu unterschätzen. Er hat bei seinen Besuchen immer wieder erlebt, wie die Menschen mit erstaunlichem Erfindungsreichtum aus wenig viel machen – das Leiden gleichsam als nationale Tugend pflegen. Diejenigen, die gegen das Regime sind, seien in der großen Migrationswelle verschwunden. Von innen drohe daher kein Widerstand. Der Druck komme von außen. Geheimdienste, so heißt es, rechneten damit, dass die Insel bis Ende des Jahres durchhalten könne. Aber, so Pitzke kritisch, „die Frage ist, was die wirklich wissen und wen die beraten“. Die Fehleinschätzungen beim Iran, der sich ebenfalls als widerstandsfähiger erwies als erwartet, zeigten, wie unzuverlässig solche Prognosen sind. Und was ist Kuba eigentlich für Donald Trump? Eine Immobilie? Der Weg zum Friedensnobelpreis? Ein Prestigeprojekt, an dem sich alle Vorgänger seit Eisenhower die Zähne ausgebissen haben? Pitzke bejaht alle drei Punkte. Trump habe sich nicht verändert. Er gehe jedes Projekt gleich an: ob Immobiliendeal, Reality-Show oder Politik. Er wolle als der Präsident in die Geschichte eingehen, der die Kubakrise gelöst habe. Doch was heißt das? „Du befreist Kuba. Was heißt das? Natürlich werden die Kubaner nicht frei sein.“ Pitzke zeichnet ein düsteres Bild: Kuba als Vasallenstaat der USA, ähnlich wie Venezuela, nur dass die alten Machtstrukturen durch neue, von Washington gesteuerte, ersetzt werden. Er erwartet die Auftritt von Jared Kushner mit einem großen Kuba-Plan, ähnlich wie dem für Gaza: Luxusimmobilien am Strand, „Dubai der Karibik“, alles über Trump lizenziert und gemanagt. Es gehe am Ende nur um Trumps Ego, um die „endlose Leere“ in ihm, die immer wieder gestopft werden müsse. Kuba sei ein Teil davon – eine weitere Medaille, vielleicht sogar die wichtigste, obwohl die Insel in der internationalen Politik kaum mehr eine Rolle spiele. Trump denke nicht in komplexen strategischen Zusammenhängen. Das gleiche Schema sehe man im Iran: das mühsam ausgehandelte Atomabkommen von 2015, an dem Hunderte von Diplomaten jahrelang gearbeitet hatten, wurde zerschlagen. Jetzt führe man einen Krieg, um am Ende ein schlechteres Abkommen zu haben, ausgehandelt von zwei „Immobilien-Dumpfbacken“. In Kuba sei Marco Rubio zwar kompetenter, doch auch er müsse sich Trumps Ego unterordnen. Rubio, so Pitzke, denkt bereits weiter. Er wolle Präsident werden – und die Kuba-Politik sei der erste Baustein seiner Wahlkampagne. In der exilkubanischen Community in Südflorida, in Miami und Hialeah, sei die harte Linie gegen das Castro-Regime enorm beliebt. Diese Gemeinschaft sei kein monolithischer Block. Es gebe Progressive, Demokraten, sie eint nur das eine Ziel, die Insel aus den Fängen der Castros zu befreien. Rubio, der sich als Anti-Castro-Held inszeniert, hat dort einen festen Rückhalt. Gelingt es ihm, in Kuba einen vermeintlichen Erfolg zu erzielen, könnte er damit bei den Wahlen 2028 im wichtigen Swing State Florida punkten. Allerdings, so Pitzke, steht dem entgegen, dass Trump jede Schlagzeile für sich allein beansprucht. „Bei Trump soll immer nur Trump obendrauf stehen. Wer ihm die Schlagzeilen nimmt, ist drei Wochen später gefeuert.“ Eine schwierige Aufgabe für Rubio. Pitzke beleuchtet auch die Stimmung in der Exilgemeinde selbst, in der es einen bemerkenswerten Generationenkonflikt gibt. Die Älteren, so schildert er, haben den Idealismus längst verloren. Armando Codina, ein 79-jähriger Immobilienmagnat, eine der reichsten Figuren Miamis und selbst als Kind aus Kuba gekommen, habe ihm gesagt, dass Kuba seine Erinnerung an die guten Zeiten verloren habe. Das Land sei moralisch so kaputt, dass es komplett neu aufgebaut werden müsse – von außen. Das alte Kuba, das sie sich erträumten, gebe es nicht mehr. Genauso wenig wie das ideale Amerika der fünfziger Jahre. Die jüngeren Exilkubaner hingegen, verkörpert durch den erst 28-jährigen Bürgermeister von Hialeah, Brian Calvo, sind unbeirrt auf der Trump-Linie. Mit roten „Make Cuba Great Again“-Mützen demonstrieren sie eine unbelastete, knallharte Haltung. Sie haben die komplexe, deprimierende Geschichte der letzten sechzig Jahre offenbar nicht verinnerlicht. Von Batista, dem Diktator vor Castro, haben sie vielleicht nie gehört. Sie träumen von einem Kuba, das es so nie gab – die Mafia-Ära, die mit der Diktatur prächtig harmonierte, ist in ihrer Vorstellung eine goldene Zeit. Was sie genau wollen, bleibt vage. Wenn man sie fragt, ob sie selbst nach Kuba ziehen würden, verneinen sie. Es geht wohl eher um den Schutz der zurückgebliebenen Familie oder die Rückerstattung enteigneter Immobilien – ein Phänomen, das Pitzke an die deutsche Wende erinnert. Und was wird nun aus Kuba? Wird Trump sein Interesse an der Insel verlieren, wie möglicherweise an Grönland? Pitzke ist skeptisch. Er glaube nicht, dass Grönland vom Tisch sei, es werde nur auf dem Schreibtisch herumgeschoben. In Kuba aber habe sich Trump regelrecht verbissen. Die Aktion gegen Venezuela, eine „gelungene, filmreife Aktion“, habe ihn beflügelt. Ob Kuba weiterhin Priorität habe, hänge wohl vom Ausgang des Iran-Konflikts ab. Trumps Aufmerksamkeitsspanne sei kurz. Doch das Interesse an einem Prestigeerfolg werde bleiben. Von Kuba, da ist sich Pitzke sicher, werden wir noch einiges hören.
Autor: Leon Latozke
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