Neues aus Kuba
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05.04.2026 09:00 Uhr
Wie lebt es sich in einem Land im Dauer-Ausnahmezustand? Ein deutscher Auswanderer berichtet über Kubas Realität – geprägt von Mangel, Kreativität und bemerkenswerter Widerstandskraft.
Die Versorgungslage auf Kuba verschärft sich weiter – ein Umstand, der sich tief in den Alltag der Menschen eingeschrieben hat. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL beschreibt der deutsche Auswanderer Jochen Beckmann die Situation als zunehmend belastend. „Der Alltag wird jeden Tag beschwerlicher“, sagt er und liefert damit eine prägnante Zustandsbeschreibung eines Landes in der Dauerkrise.
Beckmann, der seit den 1990er-Jahren in Havanna lebt und dort als freiberuflicher Kameramann und Dokumentarfilmer arbeitet, schildert massive Engpässe bei Energie und Treibstoff. Benzin sei nur noch schwer erhältlich, oft nur gegen Devisen und nach langen Wartezeiten. Gleichzeitig habe sich ein Schwarzmarkt etabliert, auf dem Kraftstoff zu extrem hohen Preisen gehandelt wird. „Privat wird Benzin inzwischen für zehn Dollar pro Liter gehandelt, und die Preise steigen permanent“, berichtet Beckmann. Die Folgen sind im Straßenbild sichtbar: „Auf den Straßen gibt es kaum noch Verkehr.“ Besonders gravierend ist die Stromknappheit. Elektrizität steht vielerorts nur für wenige Stunden täglich zur Verfügung – und das zu unvorhersehbaren Zeiten. Sobald Strom fließt, versuchen die Menschen, alle notwendigen Tätigkeiten gleichzeitig zu erledigen. Beckmann beschreibt diese Situation anschaulich: „Wenn es Strom gibt, rennen alle nach Hause, um ihre Waschmaschinen und Reiskocher anzustellen und alle Geräte zu laden.“ Seine eigene Wohnung ist zu einem improvisierten Versorgungszentrum geworden: „In unserem Wohnzimmer laden oft 20 Handys der Nachbarn gleichzeitig.“ Diese gegenseitige Unterstützung ist für ihn ein zentrales Merkmal der kubanischen Gesellschaft. Trotz wachsender Armut beobachtet er kaum Missgunst: „Hier neidet niemand dem anderen etwas, alle halten zusammen.“ Gleichzeitig hebt er die besondere Anpassungsfähigkeit der Menschen hervor: „Kubaner sind sehr gut darin, aus allem das Beste zu machen und kreative Lösungen zu finden.“ Diese Haltung zeigt sich im Alltag immer wieder – etwa wenn bei Hitze oder Stromausfällen das soziale Leben kurzerhand nach draußen verlagert wird: „Wenn es drinnen zu heiß ist, verlagert man das Wohnzimmer einfach auf die Straße.“ Auch die Wasserversorgung ist zunehmend instabil. Viele Haushalte speichern Wasser in Tanks, doch ohne Strom können Pumpen nicht betrieben werden. „Nun passiert es aber immer häufiger, dass es genau dann, wenn Wasser verfügbar wäre, keinen Strom gibt“, erklärt Beckmann. Diese Kombination aus Energie- und Wasserknappheit verschärft die ohnehin schwierige Lage zusätzlich. Parallel dazu wächst die wirtschaftliche Belastung für die Bevölkerung. Die Diskrepanz zwischen Einkommen und Preisen sei enorm. Beckmann bringt dies mit einem konkreten Beispiel auf den Punkt: „Die Mindestrente liegt bei 3000 kubanischen Pesos. Allein ein Pfund Limonen kostet aber schon 900 Pesos.“ Auch Grundnahrungsmittel sind für viele kaum noch erschwinglich. „Die Diskrepanz zwischen den Durchschnittsgehältern und den Preisen ist wirklich enorm. Das Land verarmt zusehends.“ Gleichzeitig beobachtet er strukturelle Veränderungen. In vielen Vierteln hätten kleine private Geschäfte eröffnet, die das staatliche Angebot ergänzen. Zudem entwickeln sich neue Mobilitätsformen: Elektrische Dreiräder und Roller ersetzen zunehmend klassische Verkehrsmittel. Diese improvisierten Lösungen zeigen, wie flexibel die Bevölkerung auf die Krise reagiert. Ein Hoffnungsträger könnte langfristig die Solarenergie sein. Zwar sind entsprechende Anlagen für viele Kubaner kaum finanzierbar, doch Beckmann sieht darin Potenzial. Rückblickend sagt er über seine eigene Investition: „Wie wichtig eine eigene Solaranlage mal werden könnte, haben wir nicht geahnt.“ Die aktuelle Energiekrise könnte seiner Einschätzung nach ein Umdenken auslösen und Kuba stärker in Richtung erneuerbarer Energien bewegen. Trotz der schwierigen Lebensbedingungen zieht Beckmann eine Rückkehr nach Deutschland nicht in Betracht. Seine Bindung an das Land und seine Familie ist zu stark. Zudem blickt er vorsichtig optimistisch in die Zukunft: „Ich sehe auch durchaus optimistisch in die Zukunft.“ Die Menschen auf Kuba wollten ihre Lebensverhältnisse verbessern – allerdings aus eigener Kraft.
Quelle: SPIEGEL+ (https://t1p.de/rzehg)
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