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Kubanische Influencer zwischen Provokation, Kreativität und wirtschaftlicher Notwendigkeit18/7/2025
Inmitten von Wirtschaftskrise und eingeschränkter Meinungsfreiheit gewinnt in Kuba eine neue Generation digitaler Kreativer an Bedeutung. Influencer wie El Chicle, Tortilla Cubana und La Abuelita Lina nutzen soziale Medien, um mit Humor, Provokation und technischer Raffinesse Alltagsrealitäten darzustellen – und sich gleichzeitig neue Einkommensquellen zu erschließen.
Inmitten der wirtschaftlichen Krise und der eingeschränkten Meinungsfreiheit in Kuba entstehen neue, kreative Wege des Ausdrucks: Auf der Insel etabliert sich eine wachsende Szene von Content Creators, die über soziale Netzwerke Inhalte verbreiten und damit nicht nur unterhalten, sondern zugleich wirtschaftliche Perspektiven für sich erschließen. Prominente Beispiele sind die Figuren El Chicle und Tortilla Cubana sowie die 71-jährige Tänzerin Lina Hernández. Während sie sich in Stil und Inhalt stark unterscheiden, vereint sie die Fähigkeit, aus dem digitalen Raum neue Handlungsspielräume zu gewinnen – wenn auch unter staatlicher Beobachtung.
The bubble guuuuum: Provokation als Performance Der 22-jährige Ignacio Valdés, in der kubanischen Netzgemeinschaft bekannt als The bubble guuuuum oder El Chicle, zählt zu den derzeit umstrittensten Social-Media-Persönlichkeiten auf der Insel. Seine provokativen Straßenaktionen in Havanna, oft spontan inszeniert und mit markantem Äußeren – inklusive einer auf die Stirn tätowierten Vulva – haben ihm über 290.000 Follower auf Instagram eingebracht. Mit schriller Kleidung, farbigen Perücken und exzentrischem Auftreten parodiert El Chicle Alltagssituationen oder provoziert Passanten – teils mit grenzwertigen Methoden. So etwa, als er einem Mann zum Schein die Tasche stahl, was in einem handgreiflichen Zwischenfall endete, dessen Video viral ging.
Abbildung Screenshot von The bubble guuuuum bei Instagramm
El Chicle inszeniert sich als bewusst unberechenbarer Charakter, inspiriert von kubanischen und ausländischen Komikern. Seine Videos entstehen meist ohne Planung, gefilmt mit dem Smartphone – mal allein, mal mit Hilfe von Freunden. Neben seinen performativen Aktionen versucht er sich inzwischen auch musikalisch: Der reggaetonartige Song El pasillongo erreichte knapp eine Million YouTube-Aufrufe. Trotz Kritik an der Grenzüberschreitung seiner Auftritte hat sich El Chicle zu einer festen Größe im kubanischen Netz entwickelt – auch weil er jene Absurditäten des Alltags sichtbar macht, die sonst unter der Oberfläche bleiben.
Tortilla Cubana: Familienhumor mit Anime-Ästhetik Während El Chicle auf Provokation setzt, verknüpft Leonardo del Valle alias Tortilla Cubana Humor mit technischer Raffinesse und familiärer Wärme. In seinen aufwendig bearbeiteten Clips – inspiriert vom japanischen Anime – kämpfen etwa Eltern mit Superkräften beim Hausputz gegeneinander oder es entstehen parodistische Reaktionen auf Internettrends. Mit über 150.000 Followern auf Instagram ist der 25-Jährige einer der erfolgreichsten Influencer Kubas.
Abbildung: Screenshot von Tortilla Cubana bei Instagramm
Was Tortilla Cubana auszeichnet, ist neben dem kreativen Inhalt die aktive Einbindung seiner Eltern. Vater Jesús del Valle, ein ehemaliger Sänger und Humorist, wirkt in vielen Clips mit, obwohl er kein Wort sagt. Mutter Irina Pino war zunächst kamerascheu, wurde aber zum festen Bestandteil der Produktionen. Entstanden ist daraus ein multimediales Familienprojekt, das gleichermaßen unterhält wie berührt.
Del Valle bezeichnet sich als Autodidakt. Er eignete sich Programme wie Adobe After Effects durch YouTube-Tutorials an, experimentiert mit Green-Screen-Techniken und investiert viel Zeit in die Nachbearbeitung. Obwohl die direkte Monetarisierung über Plattformen für Kubaner durch US-Sanktionen erschwert ist, verdient Tortilla Cubana durch Kooperationen mit Unternehmen – teilweise auch aus Miami – bis zu 250 US-Dollar pro bezahltem Beitrag. Die Videoproduktion wurde für ihn zur Lebensaufgabe und zum Ventil einer einst introvertierten Persönlichkeit: „Früher war ich verschlossen, jetzt liebe ich es, mit Menschen zu reden“, sagt er. Influencen in Kuba: Zwischen Euphorie und Regulierung Der digitale Aufbruch der kubanischen Content Creators ist eng verknüpft mit der zunehmenden Verbreitung des mobilen Internets. Laut offiziellen Angaben sind 95 Prozent der acht Millionen aktiven Mobilfunklinien internetfähig. Plattformen wie Instagram, Facebook, YouTube und WhatsApp haben sich etabliert – und mit ihnen die Möglichkeit, sich ein Publikum jenseits staatlicher Medien zu schaffen. Doch der Spielraum bleibt begrenzt. Zwar erlaubt das 2024 in Kraft getretene Gesetz über soziale Kommunikation Influencern ausdrücklich, Werbung zu schalten, doch es verpflichtet sie auch zur Verantwortung für deren Inhalte. Während El Chicle und Tortilla Cubana bislang keine Probleme mit den Behörden hatten, wurde Kritik am Regime andernorts härter geahndet: So verbrachte der Influencer El Gato de Cuba fast zwei Jahre in Haft, weil er in einem satirischen Video eine Kröte nach Präsident Díaz-Canel benannte – ein Vergehen, das unter „Desacato“ fällt und mit bis zu drei Jahren Gefängnis geahndet werden kann. Theodore Henken, Professor an der Universität CUNY in New York, sieht in der digitalen Entwicklung dennoch einen Bruch mit der alten Ordnung: „Das Internet hat den Informationsfluss verändert und das Monopol der Staatsmedien geschwächt“, sagt er gegenüber dee US-amerikanischen Tageszeitumg Miami Herald. Allerdings bleiben viele Inhalte bewusst unpolitisch – nicht zuletzt aus Sorge vor staatlicher Repression. La Abuelita Lina: Altersloses Tanzen mit Botschaft Ein gänzlich anderes Profil zeigt Lina Hernández, die auf Instagram als La Abuelita Lina firmiert. Die 71-Jährige veröffentlicht humorvolle Clips und Tanzvideos im Stil des kubanischen Reparto, einer Spielart des Reggaeton. Ihre Beiträge, teils mit über 60.000 Reaktionen, thematisieren augenzwinkernd gesellschaftliche Phänomene wie die Auswanderungswelle oder Alltagsprobleme. Trotz ihrer Popularität – 73.000 Follower – sieht sie ihre Tätigkeit bislang primär als Hobby. Dennoch hofft sie, langfristig auch wirtschaftlich davon profitieren zu können.
Abbildung: Screenshot von La Abuelita Lina bei Instagramm
Hernández produziert ihre Videos überwiegend bei Tageslicht oder bei Stromverfügbarkeit – die schlechten Internetverbindungen und häufigen Stromausfälle erschweren die Arbeit erheblich. Dennoch prüft sie Trends sorgfältig, entwickelt Inhalte bewusst und tritt gelegentlich mit Freundinnen vor die Kamera. Im Gegensatz zur jugendzentrierten Netzkultur wirkt sie wie ein bewusst gesetztes Gegengewicht. Ihr Mut zur Sichtbarkeit wird im Netz mit Anerkennung belohnt – wenngleich nicht ohne altersdiskriminierende Kommentare, die sie jedoch gelassen kontert.
Fazit: Digitale Freiräume im Spannungsfeld Die kubanische Influencer-Szene steht exemplarisch für die Widersprüche eines Landes im Umbruch. Während politische Kritik weiterhin sanktioniert wird, eröffnen humorvolle, kreative oder absurde Inhalte neuen sozialen und ökonomischen Spielraum – gerade für junge Menschen ohne klassische Berufsperspektiven. Ob schrill wie El Chicle, technisch versiert wie Tortilla Cubana oder lebensbejahend wie La Abuelita Lina – gemeinsam zeigen sie, wie sich neue mediale Realitäten auch in einem autoritär regierten Staat nicht völlig unterdrücken lassen. Ihre Popularität markiert eine Verschiebung im kollektiven Bewusstsein – und womöglich einen kulturellen Vorboten für tiefergehende Veränderungen.
Quelle: Miami Herald (https://t1p.de/qufhs)
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Text: Leon Latozke
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