Kubas Ärztemissionen: Milliardengeschäft, Zwangsarbeitsvorwürfe und der Rückzug der Partnerländer12/8/2026
12.08.2026 09:00 Uhr
Stromausfälle, leere Apotheken, verfallende Kliniken – während Kuba Zehntausende Gesundheitskräfte ins Ausland schickt, kollabiert die Versorgung zu Hause. Ein Blick auf das lukrativste Exportgut der Insel.
Abbildung: Das KI-generierte Symbolbild zeigt keine reale Szene.
Es sind keine spektakulären Brüche, eher ein leises Bröckeln. Honduras verlängerte im März ein Abkommen mit Havanna nicht, nachdem eine interne Prüfung ergeben hatte, dass sich in der kubanischen Delegation auch nichtmedizinisches Personal befand. Guatemala und El Salvador fuhren ihre Programme zurück. Die Bahamas und Guyana verlangen inzwischen, die Gehälter direkt an die Ärztinnen und Ärzte zu überweisen – und nicht länger an den kubanischen Staat.
Damit wackelt eines der ältesten und einträglichsten Instrumente kubanischer Außenpolitik. Seit 1963, als eine ständige Brigade nach Algerien entsandt wurde, gehören medizinische Missionen zum diplomatischen Kerngeschäft der Insel. Den Anfang machte drei Jahre zuvor eine kleine Delegation, die Fidel Castro nach einem verheerenden Erdbeben nach Chile schickte. Nach offiziellen Angaben aus Havanna haben seither mehr als 400.000 Beschäftigte des Gesundheitswesens in mindestens 164 Ländern gearbeitet; 2025 waren nach Regierungsangaben über 24.000 Fachkräfte in rund 50 Staaten im Einsatz. Mehr Devisen als der Tourismus
Ökonomisch ist das Programm für Kuba kaum zu ersetzen. Das US-Außenministerium beziffert die Einnahmen für die Jahre 2018 bis 2020 auf jährlich sechs bis acht Milliarden Dollar – mehr als 40 Prozent der gesamten Exporterlöse der Insel. In manchen Jahren übertraf der Export von Gesundheitspersonal damit die Einnahmen aus dem Tourismus.
Die Konstruktion ist dabei entscheidend: Empfängerstaaten stellen die kubanischen Ärztinnen und Pflegekräfte in aller Regel nicht selbst an. Sie schließen Verträge mit dem Gesundheitsministerium MINSAP oder mit der staatlichen Vermarktungsgesellschaft Comercializadora de Servicios Médicos Cubanos (CSMC). Havanna behält so die Kontrolle über Auswahl, Einsatzorte – und über die Geldflüsse. Ein Teil der internationalen Verträge läuft zudem über ANTEX S.A., ein Unternehmen aus dem Umfeld der GAESA, des von den Streitkräften kontrollierten Wirtschaftskonglomerats. Kritiker beschreiben GAESA seit Jahren als „Blackbox" der kubanischen Ökonomie: ein Bereich, in dem erhebliche Ressourcen an parlamentarischer oder öffentlicher Kontrolle vorbei bei der Militärführung landen. Zahlungen der Gastländer laufen Berichten zufolge über die ebenfalls GAESA-nahe Banco Financiero Internacional (BFI) – wohin die Mittel am Ende fließen, ist von außen praktisch nicht nachvollziehbar. Vorwurf Zwangsarbeit
Was für Havanna Solidarität ist, nennen unabhängige UN-Fachleute, die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH) und das Europäische Parlament ein System mit Merkmalen von Sklaverei und Zwangsarbeit. Im Juli sanktionierte das US-Außenministerium Einrichtungen und Funktionäre, die an der Verwaltung der Auslandsmissionen beteiligt sind, wegen Begünstigung von Menschenhandel.
Im Zentrum der Kritik steht die Gehaltsverteilung. Die in Madrid ansässige Organisation Prisoners Defenders geht davon aus, dass der kubanische Staat zwischen 85 und 94 Prozent der von den Gastländern gezahlten Summen einbehält. „Im Durchschnitt behält die kubanische Regierung 85 Prozent der mit den Gastländern vereinbarten Gehälter ein", sagt Gründer Javier Larrondo gegenüber dem Nachrichtenportal Diálogo Américas. In Mexiko habe seine Organisation 94 Prozent nachweisen können, in Brasilien 90 Prozent. Ein im April veröffentlichter CIDH-Bericht dokumentiert darüber hinaus die Einbehaltung von Pässen und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Häufig dürfen Ehepartner und Kinder nicht mitreisen. Wer die Mission verlässt, gilt als „Deserteur" und verliert die während des Einsatzes angesparten Ansprüche. Tausende haben das dennoch getan. Streit um Qualifikationen
Ein zweiter Konfliktpunkt betrifft die Nachprüfbarkeit von Abschlüssen. In Mexiko, wo die Regierung zwischen 2022 und 2024 rund 24 Millionen Dollar für kubanisches Personal aufwendete, warf eine Recherche von Fuerza Informativa Azteca Fragen zu Qualifikationen und Vertragstransparenz auf. Larrondo führt das auf die Vertragskonstruktion zurück: Beglaubigte Studiennachweise seien den Behörden der Gastländer schlicht nie vorgelegt worden.
In Brasilien hatte das Programm „Mais Médicos" für ähnliche Debatten gesorgt, weil kubanische Ärzte von der sonst üblichen Anerkennungsprüfung befreit waren. Ärzteverbände sprachen von einem doppelten Standard. Weiße Kittel als Außenpolitik
Über die Einnahmen hinaus sind die Brigaden ein Instrument politischer Projektion. Ehemalige Teilnehmer berichten, einzelne Missionen dienten auch als Tarnung für Geheimdienstpersonal – zur Überwachung der eigenen Leute ebenso wie zum Aufbau lokaler Netzwerke. Prisoners Defenders zufolge waren von den über 700 Mitgliedern der kubanischen Mission in Bolivien im Jahr 2019 nur gut 200 tatsächlich Ärzte. Im selben Jahr beendete Ecuador seine Kooperationsabkommen, nachdem die Regierung nach den Oktoberprotesten kubanischen Staatsbürgern Beteiligung an destabilisierenden Aktivitäten vorgeworfen hatte.
Nicht zuletzt, argumentiert Larrondo, habe das Programm Kuba ein Netz von Verbündeten in internationalen Institutionen verschafft – in der UNO, der WHO und der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation PAHO.
Quellen: Eurasia Review, Diálogo Américas, Prisoners Defenders, Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH), U.S. Department of State
Die zentralen Vorwürfe stammen aus einer Analyse von Diálogo Américas. Die Publikation ist kein unabhängiges Medium: Diálogo bezeichnet sich selbst als digitales Fachmagazin für Militär- und Sicherheitspersonal, herausgegeben vom U.S. Southern Command – dem für Lateinamerika zuständigen Regionalkommando des US-Verteidigungsministeriums. Autor: Leon Latozke
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