Neues aus Kuba
|
02.08.2026 08:00 Uhr
Erst wenn ein Gebäude tatsächlich einstürzt, reagieren Kubas Behörden – so der Vorwurf von Anwohnern in Matanzas, wo marode Bausubstanz längst zur alltäglichen Lebensgefahr geworden ist.
Matanzas, einst „Athen Kubas" genannt wegen seiner Dichter und seiner reichen Kulturgeschichte, gehört zu den ältesten und architektonisch bedeutendsten Städten der Insel. Gegründet 1693, ist die Provinzhauptstadt für ihre siebzehn Brücken über die Flüsse Yumurí, San Juan und Canímar bekannt – weshalb sie auch „Venedig Kubas" heißt. Doch hinter der kolonialen Fassade verbirgt sich zunehmend eine andere Realität: marode Bausubstanz, die für die Bewohner zur akuten Lebensgefahr geworden ist.
Wie die unabhängige kubanische Nachrichtenseite 14ymedio berichtet, hat sich unter den Einwohnern des historischen Zentrums eine Verhaltensweise etabliert, die die Dimension des Problems verdeutlicht: Nach starken Regenfällen meiden viele Menschen bewusst die Gehsteige und laufen stattdessen mitten auf der Fahrbahn – trotz des Verkehrsrisikos. Der Grund: Sie wollen nicht von herabstürzenden Balkonen, Gesimsen oder ganzen Hausfassaden erschlagen werden. Ein Einsturz als Weckruf
Anlass für den Bericht war ein Vorfall in der Calle Milanés, einer der zentralen Straßen der Altstadt, wo kürzlich Teile einer Fassade auf die Straße stürzten. Zwar wurde niemand verletzt, doch für die Anwohner war es ein weiteres Beispiel eines strukturellen Problems, das sich seit Jahren zuspitzt. Laut den Schilderungen von Bewohnern gegenüber 14ymedio gab es bereits vor Jahren eine Regensaison, in der praktisch nach jedem Unwetter von eingestürzten Häusern berichtet wurde – teils mit Menschen, die aus den Trümmern geborgen werden mussten.
Ein zentraler Kritikpunkt der Betroffenen: Die Sanierungsarbeiten, die Kuba 2018 anlässlich des 325. Stadtjubiläums von Matanzas durchführte, hätten sich fast ausschließlich auf Vorzeigeobjekte wie das historische Sauto-Theater und wenige zentrale Straßenzüge konzentriert. Die umliegenden Wohnviertel, in denen der Großteil der Bevölkerung lebt, gingen dabei leer aus – eine Ungleichbehandlung, die sich in vielen kubanischen Städten wiederholt, wo Investitionen oft touristischen oder repräsentativen Zwecken dienen, während die reguläre Wohninfrastruktur verfällt. Unterricht mit Warnschild
Besonders drastisch zeigt sich das Problem am Beispiel der früheren Sprachschule in der Calle Ayuntamiento. Obwohl die Behörden ein offizielles „Einsturzgefahr"-Schild am Gebäude angebracht hatten, wurde dort laut Anwohnerberichten weiterhin unterrichtet – ein Muster, das sich einige Straßenzüge weiter an der ehemaligen Arbeiter- und Bauernschule wiederholte, wo der Betrieb erst eingestellt wurde, nachdem tatsächlich ein Gebäudeteil eingestürzt war. Erst danach verlegte man den Unterricht in ein anderes Gebäude.
Kritiker werfen den Behörden vor, grundsätzlich reaktiv statt präventiv zu handeln: Reparaturen oder Schließungen erfolgten in der Regel erst, nachdem ein Schaden bereits eingetreten sei – nicht als vorbeugende Maßnahme. Brisant ist die Lage vor allem deshalb, weil sich direkt gegenüber der einsturzgefährdeten Schule die Kollektiv-Anwaltskanzlei Matanzas 2 befindet, eine der am stärksten frequentierten Rechtsberatungsstellen der Stadt. Täglich bilden sich dort lange Warteschlangen auf dem Gehweg – Menschen, die stundenlang direkt vor einer als einsturzgefährdet eingestuften Fassade ausharren, ohne dass eine Absperrung oder bauliche Sicherung erfolgt wäre. Kein isoliertes Problem des Kolonialviertels
Dass es sich nicht nur um ein Problem historischer Bausubstanz handelt, zeigt der Fall der ehemaligen Kindertagesstätte Esperanza de América an der Avenida General Betancourt im Viertel La Playa – einem Stadtteil mit vergleichsweise neuerer Bebauung. Eine Anwohnerin dokumentiert den fortschreitenden Verfall des Gebäudes seit Längerem in sozialen Netzwerken, um öffentlichen Druck auf die Provinzbehörden aufzubauen. Die Avenue gilt neben dem angrenzenden Viadukt als eine der verkehrsreichsten Achsen der Stadt.
Der Fall reiht sich ein in eine Serie ähnlicher Vorfälle in der Provinz Matanzas: Erst vor wenigen Tagen wurden bei einem illegalen Abrissversuch in Colón, ebenfalls in der Provinz Matanzas gelegen, zwei Menschen im Alter von 28 und 43 Jahren verschüttet und mussten von Rettungskräften geborgen werden. Strukturelles Problem statt Einzelfall
Der marode Zustand großer Teile der kubanischen Wohnbausubstanz ist seit Jahren dokumentiert und hängt eng mit der wirtschaftlichen Gesamtlage des Landes zusammen: fehlende Devisen für Baumaterial, ein chronisch unterfinanzierter Wohnungsbau und eine Instandhaltungspolitik, die sich auf touristisch relevante oder symbolträchtige Bauten konzentriert. Beobachter kritisieren, dass öffentliche Aufmerksamkeit für einzelne Gebäude – etwa durch Social-Media-Kampagnen wie im Fall der Kita in La Playa – oft der einzige Hebel ist, um überhaupt behördliche Reaktionen zu erzwingen.
Für die Bewohner von Matanzas bleibt die Regenzeit unterdessen, was sie schon lange ist: eine Phase erhöhter Wachsamkeit, in der der sicherste Weg zur Arbeit oder zum Amt nicht selten mitten über die Fahrbahn führt. Autor: Leon Latozke
Letzte Meldungen
0 Kommentare
Ihr Kommentar wird veröffentlicht, sobald er genehmigt ist.
Antwort hinterlassen |
Dossiers
Mediathek
Anzeige (M2) Anzeige (G4) Achiv
Archiv
August 2026
|

RSS-Feed