Neues aus Kuba
|
31.07.2026 09:00 Uhr
Kubas Treibstoffimporte aus den USA verdoppelten sich im Mai im Wert – doch nur wegen explodierender Preise, nicht wegen mehr Liefermenge.
Auf den ersten Blick sieht es nach einem Boom aus: Die Ausfuhren von Treibstoffen und Ölen aus den USA nach Kuba erreichten im Mai einen Wert von 23,9 Millionen Dollar – fast doppelt so viel wie die 12,4 Millionen im April und beinahe so viel wie in den ersten vier Monaten des Jahres zusammen. Wer daraus schließt, Havanna kaufe plötzlich deutlich mehr Kraftstoff, irrt jedoch. Der Sprung erklärt sich vor allem durch die Preise, nicht durch die Fördermengen.
Der Referenzpreis für schwefelarmen Diesel in den USA stieg von 2,111 Dollar pro Gallone im Januar auf 3,862 Dollar im Mai – ein Plus von 83 Prozent, wie aus Zahlen der US-Energiebehörde EIA hervorgeht. Der Energieexperte Jorge Piñón brachte es gegenüber der Nachrichtenseite 14ymedio auf den Punkt: Der Anstieg des Exportwerts sei das Ergebnis der Preisvolatilität, nicht des Volumens. Die vom US-Handelsministerium erfassten und vom Wirtschafts- und Handelsrat USA-Kuba zusammengetragenen Daten zeigen: Zwischen Januar und März summierten sich die Ausfuhren auf 11,6 Millionen Dollar. Zusammen mit April und Mai ergibt das für die ersten fünf Monate des Jahres rund 48 Millionen Dollar. Allein zwischen April und Mai stieg der deklarierte Wert um etwa 93 Prozent – eine Zahl, die den Blick auf die tatsächlich gelieferte Menge eher verstellt als klärt, wie Piñón warnt. Die Venezuela-Spur
Zu den Mai-Lieferungen zählten Benzin verschiedener Oktanzahlen, Heizöl, Schweröle, Schmierstoffe und weitere Derivate, dazu eine kleine Menge Flugbenzin im Wert von etwa 56.000 Dollar. Verzollt wurden die Sendungen unter anderem in Miami, Tampa und Houston-Galveston – Letzteres liegt in Texas, dem wichtigsten Abnehmer venezolanischen Rohöls in den USA und einem der großen Raffineriezentren an der Golfküste.
Diese Verbindung ist kein Zufall. Die Rohöl- und Derivatimporte aus Venezuela in die USA sind in den ersten Monaten des Jahres kräftig gestiegen und liegen inzwischen bei durchschnittlich 600.000 Barrel täglich. Die EIA registrierte 6,2 Millionen Barrel im Januar, 8,2 Millionen im Februar, 13,6 Millionen im März, 14,5 Millionen im April und 18,8 Millionen im Mai. Im Juni sanken die Käufe auf 16,1 Millionen Barrel, im Juli waren es bis zum 17. des Monats bereits 12,9 Millionen. Ob die aus Texas nach Kuba verschifften Posten tatsächlich aus venezolanischem Rohöl raffiniert wurden, lässt sich anhand der Handelsstatistiken nicht lückenlos nachvollziehen – Raffinerien verarbeiten und mischen Rohöle unterschiedlicher Herkunft, und die Exportdaten weisen zwar Produkt, Wert und Verzollungsbezirk aus, nicht aber den Weg vom Bohrloch bis zum Endabnehmer. Möglich ist das Szenario aber ausdrücklich. Das US-Finanzministerium hatte im März über sein Sanktionsbüro OFAC angekündigt, Anträge auf Einzelgenehmigungen für den Weiterverkauf venezolanischen Öls zur Nutzung in Kuba wohlwollend zu prüfen. US-Unternehmen können demnach venezolanisches Rohöl kaufen, verarbeiten oder handeln und anschließend eine Genehmigung beantragen, es nach Kuba weiterzuverkaufen – unter der Auflage, dass keine Erlöse an kubanisches Militär, Geheimdienste oder andere sanktionierte Institutionen fließen. Die frühere Öl-Achse zwischen Caracas und Havanna, einst getragen von politischen Abkommen, Vorzugskrediten und dem Tausch gegen "professionelle Dienstleistungen", könnte damit unter gänzlich neuen Vorzeichen wiederaufleben. Kein offener Markt
Von einer uneingeschränkten Marktöffnung kann trotzdem keine Rede sein. Die im Mai erteilte generelle Genehmigung erlaubt keine Geschäfte, die anderweitig weiterhin unter das Sanktionsregime fallen. Washington will mit der Regelung gezielt den unabhängigen Privatsektor stärken – doch die Trennlinie zwischen privater und staatlicher Wirtschaft ist auf Kuba in der Praxis oft kaum zu ziehen. Der Staat kontrolliert die Häfen, den Zoll, die großen Lagerkapazitäten, einen Großteil des Tanklastertransports und das nationale Verteilnetz.
Premierminister Manuel Marrero verkündete am Mittwoch vor der Nationalversammlung, mehr als hundert nichtstaatliche Wirtschaftsakteure hätten inzwischen eine Genehmigung zum Kraftstoffimport erhalten. Zudem sei das erste Geschäft mit ausländischem Kapital im Bereich der Treibstoffvermarktung genehmigt worden – Details zu Investor, kubanischem Partner oder genutzter Infrastruktur nannte er nicht. Fest steht: Die knapp 24 Millionen Dollar, die im Mai für Kraftstoffimporte aus den USA ausgegeben wurden, mögen Transportunternehmen, private Generatoren und Betriebe mit Devisenzugang über Wasser halten. Für die Bedürfnisse der Stromerzeugung, der Industrie und des öffentlichen Nahverkehrs reichen sie bei Weitem nicht aus. Autor: Leon Latozke
Letzte Meldungen
0 Kommentare
Ihr Kommentar wird veröffentlicht, sobald er genehmigt ist.
Antwort hinterlassen |
Dossiers
Mediathek
Anzeige (M2) Anzeige (G4) Achiv
Archiv
August 2026
|


RSS-Feed