Neues aus Kuba
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14.06.2026 09:00 Uhr
Ein renommierter Energieexperte der Universität Texas analysiert im Interview mit dem kubanischen Nachrichtenportal 14ymedio, was ein modernes Energiesystem für Kuba kosten würde, warum die Raffinerien geschlossen werden müssen – und weshalb die Landwirtschaft der eigentliche Motor der Zukunft sein könnte.
Dass Kuba in einer tiefen Energiekrise steckt, ist keine Neuigkeit mehr. Die Stromausfälle dauern Stunden, manchmal Tage. Raffinieren können die Kubaner ihr eigenes Rohöl kaum noch, und die einst so verlässlichen Öllieferungen aus Venezuela sind weitgehend versiegt. Was aber wäre nötig, um das Energiesystem der Insel von Grund auf zu erneuern? Und woher soll das Geld dafür kommen? Diese Fragen stellte das kubanische Nachrichtenportal 14ymedio dem Energieökonomen Jorge Piñón, einem der führenden Kuba-Experten in den USA, in einem ausführlichen Telefongespräch.
Piñón, Jahrgang 1947, in Cárdenas, Provinz Matanzas, geboren und bereits seit früher Kindheit im Exil, hat drei Jahrzehnte lang für internationale Ölkonzerne gearbeitet – darunter Shell, Amoco und BP. Heute leitet er eine Forschungsgruppe am Energieinstitut der University of Texas in Austin. Seine Analysen zur kubanischen Energielage sind in Fachkreisen ebenso wie in der kubanischen Exilgemeinschaft bekannt; er gilt als eine der verlässlichsten Stimmen in einem Feld, das von Desinformation und Staatsgeheimnis geprägt ist. Staatsöl und private Kanäle: Wer kontrolliert den Treibstoff?
Am Anfang des Gesprächs steht ein konkretes Problem: Seit die USA den Export von Erdölprodukten an kubanische Privatunternehmen (Mipymes) erlaubt haben, und Kuba seinerseits – wenn auch auf unklaren Wegen – die entsprechenden Importlizenzen vergeben hat, stellt sich die Frage nach der Kontrolle. Nach Berichten von 14ymedio, landet ein Teil des für Privatbetriebe bestimmten Kraftstoffs offenbar doch in staatlichen Händen.
Piñón bestätigt das Problem, sieht aber kaum Möglichkeiten zur Kontrolle: „Die USA haben keine Hundertschaften von FBI-Agenten in jedem kubanischen Dorf. Sobald ein Isotank in Mariel ankommt, hat der Staat bereits die Finger im Spiel – Mariel ist eine staatliche Einrichtung." Die gesamte Logistikinfrastruktur – Tankstellen, Pipelines, Häfen – befinde sich in den Händen von Cupet, der staatlichen Erdölgesellschaft. Selbst wenn Privatunternehmen Treibstoff importieren, kämen sie an staatlicher Infrastruktur kaum vorbei. Was Piñón fordert, ist deshalb strukturell: vollständige Privatisierung der Treibstofflogistik, des Vertriebs und des Handels. „Der Hafen von Nuevitas sollte einem privaten Logistikunternehmen gehören. Tankwagen sollten in privater Hand sein. Und auch Tankstellen müssen privat betrieben werden. Der Staat darf im kubanischen Energiesektor nie wieder eine Rolle als Käufer, Lieferant oder Händler spielen – so wie es in Spanien oder anderswo selbstverständlich ist." Auch das jüngst vom US-Außenministerium dementierte Abkommen des Unternehmens Vanguard Energy, das Treibstoff direkt an Privatunternehmen liefern und dafür sogar Cupet-Tanks als Lager nutzen wollte, kommentiert Piñón mit verhaltener Zustimmung, aber einer klaren Warnung: Die eigentliche Herausforderung liege nicht bei Vanguard, sondern bei den Empfängern. Wer garantiere, dass der Treibstoff nicht doch an staatliche Betriebe weitergereicht werde? Wie viel Öl hat Kuba noch?
Die Frage, wie lange der Insel der Treibstoff noch reiche, beantwortet Piñón mit wissenschaftlicher Nüchternheit – und großer Ehrlichkeit über die Grenzen des Wissens. Kubas Lagerbestände sind Staatsgeheimnis. Die Forschungsgruppe in Austin arbeitet deshalb mit Satellitenbildern, öffentlich zugänglichen Schiffstrackingdaten und plausiblen Annahmen.
Bekannt ist: Kuba verbrauchte zuletzt rund 100.000 Barrel Öl täglich. Die eigene Produktion liegt bei etwa 40.000 Barrel – ausschließlich schweres Rohöl, das wegen seiner Korrosivität fast nur in den Wärmekraftwerken verbrannt werden kann, nicht in Raffinerien. Der Fehlbedarf von rund 60.000 Barrel täglich wurde zu großen Teilen aus Venezuela (28.000–30.000 Barrel) und Mexiko (20.000–22.000 Barrel) gedeckt, ergänzt durch gelegentliche russische Lieferungen. Seit dem Einbruch der venezolanischen Lieferungen, beschleunigt durch US-Sanktionen gegen Venezuela, klafft eine massive Lücke. Piñón und sein Team hatten Anfang des Jahres mit einer „Stunde null" Ende März oder Anfang April gerechnet. Dass Kuba seitdem noch funktioniert, erklärt er sich unter anderem durch strategische Reserven – teils auf schwimmenden Lagern, nämlich Tankschiffen der kubanischen Flotte, die immer wieder zwischen Matanzas und der Bucht von Nipe hin- und herfahren. Auch habe ein Teil der zuletzt eingetroffenen russischen Ladung nicht sofort verteilt, sondern eingelagert worden: „Das ist sehr klug." Hinzu kommt eine zynische Rechnung: Jeder Stromausfall spart Treibstoff. Weil die Wärmekraftwerke bei Blackouts nicht laufen, verbrauchen sie auch kein Öl. Die Bohrlöcher allerdings können nicht einfach abgestellt werden – wer einen produzierenden Ölquell schließt, verliert den natürlichen Drucks und hat es sehr schwer, ihn wieder in Betrieb zu nehmen. Das Rohöl fließt also weiter, die Vorräte steigen – und werden gar nicht erst verbrannt. Milliarden für neue Kraftwerke: Wer soll das bezahlen?
Piñóns Diagnose für das Stromsystem ist vernichtend: Kubas acht große Wärmekraftwerke sind technologisch obsolet. Sie sind teilweise über 40 Jahre alt, haben kaum Wartung erhalten und leiden unter dem stark korrosiven einheimischen Schweröl. Das bekannteste Beispiel ist das Kraftwerk Antonio Guiteras in Matanzas, das immer wieder repariert wird, um nach wenigen Wochen erneut auszufallen. „Mir tut das Personal dort leid – die arbeiten sich ab, reparieren einen Kessel, und sechs Wochen später bricht er wieder zusammen. Das ist nicht ihre Schuld; es liegt am Rohöl."
Ein modernes kubanisches Stromsystem, das auf Flüssigerdgas als sauberem Brennstoff und effizienter Technologie basieren würde, veranschlagt Piñón mit 5 bis 8 Milliarden US-Dollar. Und es würde drei bis fünf Jahre dauern, um aufgebaut zu werden. „Aber Kuba ist ein bankrottes Land. Wer soll das bezahlen? Woher soll das Geld kommen?" Auf Photovoltaik und Windenergie setzt Piñón zwar ebenfalls – Texas, sein Wohnstaat und größter US-Ölproduzent, decke 22 Prozent seines Strombedarfs durch Wind –, doch er dämpft übertriebene Erwartungen. Erneuerbare Energien seien intermittierend, abhängig von Tageszeit und Wetter. Die von China gelieferten Solarkraftwerke mit je 21,8 Megawatt seien zwar lobenswert, aber eine Strategie „mit der Schrotflinte" – sie lieferten Strom von 11 bis 16 Uhr, nicht aber zur abendlichen Spitzenlastzeit. Raffinerien schließen, Häfen öffnen
Beim Thema Raffinerien ist Piñón unmissverständlich: Alle müssen geschlossen werden. Die Anlagen stammen teils aus dem frühen 20. Jahrhundert – die Raffinerie in Regla, nahe Havanna, wurde um 1902 oder 1903 eröffnet. Sie können kein schweres Rohöl verarbeiten, weshalb Kubas eigenes Öl seit Jahrzehnten schlicht verbrannt statt veredelt wird. Rentable Raffinerien gibt es in der gesamten Karibikregion kaum noch; die einzigen wettbewerbsfähigen Anlagen stehen an der US-amerikanischen Golfküste: Hochkonversionsanlagen, die auch minderwertiges Rohöl verarbeiten können.
„Warum soll Kuba Geld, das es für Schulen, Krankenhäuser und Straßen braucht, in Raffinerien stecken? Das ist keine staatliche Aufgabe – in Spanien gehören Raffinerien Repsol, in den USA Shell und Chevron." Stattdessen schlägt Piñón vor, die acht kubanischen Ölhäfen von Mariel bis Cienfuegos in ein offenes Terminalssystem umzuwandeln: private Betreiber, offener Zugang für jeden Importeur – ob kubanisch-amerikanischer Unternehmer oder internationaler Händler. Ein Tanker solle in Matanzas entladen, ein Teil in Santiago de Cuba – ohne staatlichen Mittelsmann. Zuckerrohr als Energiepflanze: Das große Potenzial
Das eigentliche Herzstück von Piñóns Vision für Kubas Energiezukunft ist jedoch weder Solar noch Gas, sondern Zuckerrohr. Brasilien macht es vor: Dort werden sechs Prozent des Stroms durch Verbrennen von Bagasse – dem Pressrückstand des Zuckerrohrs – erzeugt. Noch wichtiger: Brasilien produziert seit Jahrzehnten in großem Maßstab Ethanol aus Zuckerrohr als Kraftstoff. Alle in Brasilien hergestellten Autos sind sogenannte Flex-Fuel-Fahrzeuge – sie können sowohl mit Ethanol als auch mit Benzin betrieben werden.
„Es ist eine Schande, dass Kuba die Zuckeranbau aufgegeben hat. Aber das ist ein enormes Potenzial für das Kuba von morgen. Zuckerrohr ist nicht nur Zucker – es ist Energie." In Piñóns Prioritätenliste steht die Revitalisierung des Agrarsektors deshalb ganz oben: nicht als nostalgische Rückkehr zur Plantagenwirtschaft, sondern als industrielle Energiestrategie. Kuba könnte mit ausreichend Ethanol die gesamte Fahrzeugflotte eines künftigen Landes versorgen und dabei de facto Energieautonomie beim Kraftstoff erreichen – selbst wenn vollständige Unabhängigkeit beim Strom illusorisch bleibe. „Alle reden von Mipymes, und ich habe nichts gegen die Dorfapotheke oder den Eisenwarenhändler. Aber das ist nicht der große Motor. Kuba braucht einen Antrieb wie eine Rakete – und das kann der Agrarsektor sein." Politischer Wandel als Voraussetzung
Die Frage, ob die USA Kubas Energieumbau auch unter der jetzigen Regierung unterstützen könnten – ähnlich wie zeitweise mit Venezuela –, beantwortet Piñón knapp: Nein. Ein grundlegender Wandel setze einen grundlegenden politischen Wandel voraus. Kuba sei eben nicht Venezuela mit seinen 300 Milliarden Barrel Ölreserven – dem größten nachgewiesenen Vorkommen der Welt. Was habe Kuba zu bieten? Etwas Nickel, Zucker, Tabak, Rum, Tourismus. „Das war's."
Besonders kritisch geht Piñón mit der Hoffnung ins Gericht, die kubanische Diaspora werde Milliarden investieren. Die Exilgemeinde in Miami werde punktuell tätig – eine Eisenwarenhandlung hier, ein kleines Solarprojekt dort –, aber kein großes Industriekapital mobilisieren. „Bitte erzählt mir nicht, dass die Leute, die sich am Wochenende im Versailles-Restaurant treffen, zusammen fünf Milliarden Dollar aufbringen und in Kuba investieren." Und doch schließt Piñón das Gespräch nicht ohne persönliche Note: Wenn es eines Tages die Möglichkeit gäbe, einen „kleinen Beitrag zu leisten", würde er es tun. Seine Kinder seien erwachsen, seine Enkelkinder versorgt. Der Mann, der Kuba als Kind verlassen hat und sein Berufsleben der Energiewirtschaft gewidmet hat, hält die Hoffnung auf ein anderes Kuba offenbar noch nicht für verloren.
Quelle: 14ymedio (https://t1p.de/oigxn)
Autor: Leon Latozke
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