Neues aus Kuba
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14.03.2026 10:00 Uhr
Treibstoff wird immer knapper, Stromausfälle häufen sich: In Havanna steigen immer mehr Menschen aufs Fahrrad um. Die Energiekrise verändert den Alltag spürbar – und weckt Erinnerungen an frühere Notzeiten.
Abbildung: Historische Parallelen - Radfahrer in Kuba während der Sonderperiode (Bildquelle Nick, Bicicleta de Tres Cuba, Zuschnitt KUBAKUNDE, CC BY 2.0)
Die Straßen Havannas verändern ihr Bild. Wo noch vor wenigen Jahren Motorräder und alte US-Oldtimer dominierten, prägen nun wieder Fahrräder den Verkehr. Auslöser ist die akute Treibstoffknappheit, die das Land in eine neue Phase energetischer Unsicherheit führt – mit spürbaren Folgen für Alltag, Wirtschaft und Infrastruktur.
Bruch in der Versorgung Über mehr als ein Vierteljahrhundert war Venezuela Garant für eine vergleichsweise stabile Ölversorgung Kubas. Seit 2000 lieferte Caracas im Rahmen bilateraler Abkommen Rohöl zu Vorzugsbedingungen. In Spitzenzeiten erhielt die Insel über 90.000 Barrel täglich. Doch nach der Festnahme Maduros im Januar durch die USA brach diese Achse faktisch weg. Schätzungen von Energiebeobachtern zufolge waren die Liefermengen bereits 2023 und 2024 deutlich gesunken, teils unter 50.000 Barrel pro Tag. Auch zusätzliche Lieferungen aus Mexiko – über den staatlichen Konzern Pemex – zwischen 2022 und 2024 konnten die strukturelle Abhängigkeit nur kurzfristig abfedern. Unter dem Druck angedrohter US-Sanktionen gegen Drittstaaten wurden diese Exporte jüngst eingestellt. Die Folge ist eine spürbare Lücke in der Energieversorgung. In mehreren Provinzen dauerten Stromabschaltungen über acht Stunden täglich. Alltag im Ausnahmezustand Mit dem knappen Treibstoff verteuern sich Transport und Lebensmittel. Autofahrten kosten laut Betroffenen inzwischen das Dreifache früherer Preise. Für viele wird Mobilität zur Frage der Existenzsicherung. Die 23-jährige Gabriela Barbon etwa hatte das Fahrradfahren bislang als Freizeitidee betrachtet. Angesichts explodierender Fahrpreise wurde es zur Notwendigkeit. In einem Park von Havanna nimmt sie an einem Kurs der lokalen Initiative Citykleta teil, die Erwachsenen das Radfahren beibringt. Organisator Yasser González rechnete mit rund 100 Teilnehmern – tatsächlich meldeten sich fast viermal so viele an. „Es ist eine Lawine“, beschreibt er den Andrang gegenüber der Nachrichtenagentur REUTERS Der Boom beschränkt sich nicht auf Anfänger. Yoandris Herrera hatte sein chinesisches Fahrrad fast ein Jahr unter dem Bett verstaut, weil er lieber Motorrad fuhr. Nun nutzt er es wieder für den Arbeitsweg und um seine Kinder zur Schule zu bringen. Der Treibstoffpreis lasse ihm keine Wahl, sagt er. Mangel erzeugt neuen Mangel Mit der Rückkehr des Fahrrads entsteht ein neues Problem: Ersatzteile werden knapp. Der Reparateur Pedro Carrillo arbeitet in einer improvisierten Werkstatt auf dem Gehweg, Reifen hängen an der Wand hinter ihm. Die Nachfrage sei „wie eine Explosion“, berichtet er. Doch inzwischen fehle es an Speichen, Schläuchen und Bremsen. Die Krise verlagert sich vom Tank zur Werkbank. Parallel steigt das Interesse an Elektrofahrzeugen und privaten Solaranlagen. Viele Haushalte versuchen, sich zumindest teilweise vom instabilen Netz zu entkoppeln. Der Staat verfolgt offiziell das Ziel, bis 2030 rund 24 Prozent der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen zu decken. Ende 2024 lag der Anteil allerdings noch unter sechs Prozent – vor allem aus Biomasse der Zuckerindustrie, Photovoltaik und einigen Windparks. Zwischen politischem Anspruch und technischer Realität klafft eine erhebliche Lücke. Historische Parallelen Für viele Kubaner weckt die Situation Erinnerungen an die „Periodo Especial“ der 1990er Jahre. Nach dem Zerfall der Sowjetunion brach damals die wichtigste wirtschaftliche Stütze weg. Mehr als eine Million Fahrräder wurden aus China importiert, um den Ausfall von Treibstoff zu kompensieren. Heute wiederholt sich das Muster – wenn auch unter anderen geopolitischen Vorzeichen. Die aktuelle Krise zeigt erneut die strukturelle Verwundbarkeit eines Systems, das stark auf externe Energielieferungen angewiesen ist. Während die Regierung auf langfristige Diversifizierung und erneuerbare Energien setzt, reagieren die Bürger kurzfristig pragmatisch: mit Muskelkraft, Improvisation und einer Rückkehr zu vertrauten Lösungen. Ob die Renaissance des Fahrrads nur eine Übergangsphase bleibt oder ein dauerhafter Wandel im urbanen Mobilitätsverhalten einsetzt, hängt maßgeblich von der Stabilisierung der Energieversorgung ab. Bis dahin wird in Havanna wieder getreten – nicht aus Nostalgie, sondern aus Notwendigkeit.
Quelle: Excelsior/REUTERS
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