Neues aus Kuba
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17.07.2026 10:00 Uhr
Einst galt Kubas kostenloses Gesundheitssystem als weltweites Erfolgsmodell mit niedriger Kindersterblichkeit und hoher Lebenserwartung. Heute befindet es sich im Zusammenbruch: Kliniken fehlen Antibiotika, die Energieversorgung ist instabil, tausende Fachkräfte sind abgewandert.
Abbildung: Symbolbild Krankenhaus „Hermanos Ameijeiras“ in Havanna, (Bildquelle: Leandro Neumann Ciuffo, Havana City Tour, Zuschnitt KUBAKUNDE, CC BY 2.0)
Über sechs Jahrzehnte lang galt die kostenlose medizinische Versorgung als das Aushängeschild der kubanischen Revolution. Niedrige Kindersterblichkeit, hohe Lebenserwartung, gut ausgebildete Ärzte, die international gefragt waren – das kubanische Gesundheitssystem wurde weltweit als Erfolgsmodell gehandelt, selbst von Staaten, die dem politischen System der Insel ablehnend gegenüberstanden. Heute, inmitten der schwersten Wirtschaftskrise seit 1959, zeigt sich ein anderes Bild: Kliniken ohne Antibiotika, Kinder ohne Milch, Ärzte, die ihre Patienten mit bloßen Händen retten müssen, weil das nötige Material fehlt.
Eine Intensivstation als Spiegel des Landes
Wie die Deutsche Welle ()DW berichtet, lässt sich die Situation in kubanischen Krankenhäusern exemplarisch an einem Fall aus einer Kinderklinik in Havanna zeigen: Ein vierjähriger Junge liegt mit einer schweren Lungenentzündung und Eiteransammlungen im Brustkorb auf der Intensivstation. Notwendig wäre ein starkes Breitbandantibiotikum – doch genau daran mangelt es massiv. Solche Szenen wiederholen sich landesweit, seit BioCubaFarma, der staatliche Pharmakonzern, wegen fehlender Rohstoffe nur noch einen Bruchteil seiner einstigen Produktpalette herstellen kann. Von rund 400 einst produzierten Medikamenten fehlen mittlerweile die Ausgangsstoffe für etwa 300 Präparate – darunter Mittel gegen Krebs, Bluthochdruck, Asthma sowie psychiatrische Medikamente.
Die Folgen sind messbar: Die Überlebenschance krebskranker Kinder ist einer im Krankenhaus tätigen Ärztin zufolge von rund 85 auf etwa 65 Prozent gesunken. Auch komplexe Eingriffe wie Lebertransplantationen finden praktisch nicht mehr statt, weil weder das nötige Personal noch die Medikamente für die Nachbehandlung zur Verfügung stehen. Rund 12.000 Kinder warten derzeit auf dringend notwendige Operationen. Strom, der fehlt, wenn er gebraucht wird
Zur Materialnot kommt die Energiekrise hinzu, die das Land seit Monaten im Griff hat. Landesweite Stromausfälle von teils über 30 Stunden gehören für viele Kubaner zum Alltag. In den meisten Krankenhäusern sichern Generatoren zumindest die kritische Versorgung – Beatmungsgeräte und Brutkästen laufen bislang weiter. Doch das System steht unter Dauerspannung, denn Ersatzteile für die Generatoren sind ebenso schwer zu beschaffen wie Treibstoff. Für die Bevölkerung außerhalb der Kliniken bedeutet ein Stromausfall dagegen oft den vollständigen Stillstand des Alltags: keine Kühlung von Lebensmitteln, kein Ventilator in der Karibikhitze, kein aufgeladenes Telefon, um im Notfall Hilfe zu rufen.
Die Abwanderung der Fachkräfte
Ein Gesundheitssystem lebt von seinem Personal – und genau hier liegt eine der größten Schwachstellen der kubanischen Krise. Tausende Ärztinnen und Ärzte haben das Land in den vergangenen Jahren verlassen, viele von ihnen nach Mexiko oder Nicaragua, wo sie oft fachfremd arbeiten, dafür aber ein Vielfaches ihres kubanischen Gehalts verdienen und Geld an ihre Familien senden können. Von den geschätzt 2,75 Millionen Kubanern, die seit 2020 die Insel verlassen haben, ist ein erheblicher Teil hochqualifiziertes medizinisches Personal.
Wer bleibt, verdient nach kubanischen Maßstäben zwar überdurchschnittlich, real aber kaum genug zum Leben: Umgerechnet rund 20 Euro monatlich für eine Intensivmedizinerin, bei Pflegekräften oft nur die Hälfte. Zum Vergleich: Drei Dutzend Eier kosten auf dem informellen Markt inzwischen umgerechnet knapp vier Euro – mehr als ein Fünftel eines ärztlichen Monatsgehalts. Viele examinierte Mediziner haben ihren Beruf daher ganz aufgegeben und arbeiten stattdessen als Taxifahrer oder vermieten Zimmer an Touristen. Ironischerweise bricht ihnen ausgerechnet dieses Ausweichfeld gerade weg. Tourismus als eingestürzte Stütze
Der Tourismussektor, über Jahrzehnte einer der wichtigsten Deviseneinnahmequellen Kubas, befindet sich im freien Fall. Kamen 2018 noch knapp fünf Millionen Besucher auf die Insel, waren es 2025 nur noch 1,8 Millionen. Im Mai 2026 reisten gerade einmal rund 31.000 Touristen ein – ein Rückgang von fast 60 Prozent gegenüber einem bereits schwachen Vorjahreswert. Müllberge in den Straßen, steigende Kriminalität und die allgegenwärtige Versorgungskrise schrecken Reisende zunehmend ab.
Diese Entwicklung trifft die Gesundheitsversorgung doppelt: Zum einen fehlen dem Staat die Deviseneinnahmen, mit denen Medikamente und medizinische Geräte im Ausland bezahlt werden müssten. Zum anderen verlieren all jene Kubaner ihr Einkommen, die direkt oder indirekt vom Tourismus lebten – von Taxifahrern über Gastronomen bis zu Souvenirverkäufern. Die wirtschaftliche Verletzlichkeit der Bevölkerung wächst damit auf breiter Front, während gleichzeitig die medizinische Grundversorgung erodiert. Ernährung und Kindersterblichkeit
Besonders alarmierend ist die Entwicklung bei der Kindersterblichkeit. Lag sie 2017 noch bei vier Todesfällen pro tausend Lebendgeburten – einem der besten Werte des globalen Südens –, wird für dieses Jahr mit rund neun Todesfällen pro tausend Geburten gerechnet, mehr als eine Verdopplung, wie DW unter Berufung auf ärztliche Quellen vor Ort meldet. Ein wesentlicher Faktor ist die Mangelernährung: Weil Kuba kaum noch Tierfutter und Impfstoffe für die Viehzucht importieren kann, ist die heimische Produktion von Milch, Eiern und Geflügelfleisch massiv eingebrochen. Gleichzeitig fehlt dem Staat das Geld, um Milchpulver im Ausland zuzukaufen. Für Familien ohne Zugang zu Devisen aus dem Ausland bleibt oft nur die staatliche Ration mit Reis, Bohnen und Brot – Fleisch ist praktisch aus den staatlichen Läden verschwunden.
Zwischen Embargo und Systemfehlern
Die Ursachen dieser Krise sind vielschichtig und werden auf der Insel selbst kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite steht das US-Embargo, das unter der Trump-Regierung deutlich verschärft wurde und den Zugang zu Ersatzteilen, Software und Vorprodukten weiter erschwert – ein Umstand, den selbst überzeugte Kritiker der kubanischen Regierung als reale Belastung anerkennen. Auf der anderen Seite steht eine jahrzehntelange Misswirtschaft, deren Folgen sich nun ungebremst entladen: ein zentralistisches Planungssystem, das auf externe Schocks kaum reagieren kann, verschleppte Reformen und eine Abhängigkeit von Erdölimporten, die zunehmend brüchig geworden ist.
Die von der Regierung Anfang Sommer verabschiedeten Wirtschaftsreformen mit 176 Einzelmaßnahmen sollen mittelfristig Investitionen und Produktivität stärken. Ob sie rechtzeitig greifen, um den akuten Verfall der Gesundheitsversorgung aufzuhalten, bleibt fraglich – zumal viele der Reformen erst mittel- bis langfristig wirken können, während in den Kliniken schon heute Kinder auf Operationen und Medikamente warten, die nicht verfügbar sind. Kubas Gesundheitssystem steht exemplarisch für den Zustand des ganzen Landes: ein einst funktionierendes Modell, das unter der Last von Embargo, struktureller Misswirtschaft, Energiekrise und Fachkräfteabwanderung gleichzeitig zusammenbricht. Wer im System verbleibt – wie viele der noch aktiven Ärztinnen und Pfleger –, tut dies oft aus Idealismus, nicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Wie lange dieser Idealismus die eklatanten strukturellen Lücken noch kompensieren kann, ist eine der zentralen offenen Fragen für Kubas nahe Zukunft.
Quelle: DW (https://t1p.de/fdrwy)
Autor: Leon Latozke
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