Neues aus Kuba
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21.07.2026 07:00 Uhr
Während Karibik-Riffe seit 1980 die Hälfte ihrer Korallen verloren haben, trotzen ausgerechnet Kubas Gewässer dem Trend. Eine beispiellose Expedition zeigt, warum. Eine zweimonatige Expedition umrundete erstmals Kubas gesamte Inselkette. Forscher identifizierten fünf Riffgebiete mit bemerkenswerter Widerstandsfähigkeit gegen die Klimakrise.
Abbildung: Geweihkorallen (Acropora cervicornis) bildeten einst ausgedehnte Riffe in der Karibik. Ihre Bestände sind regionweit dramatisch zurückgegangen – kubanische Forscher testen nun Methoden zu ihrer Wiederansiedlung. (Symbolbild Bildquelle: Nhobgood contribs Nick Hobgood, Acropora cervicornis (Staghorn Coral - Haiti), Zuschnitt KUBAKUNDE, CC BY-SA 3.0)
Während die Korallenriffe der Karibik seit Jahrzehnten schrumpfen, zeichnet sich vor Kubas Küsten ein anderes Bild ab. Eine wissenschaftliche Expedition, die erstmals die gesamte kubanische Inselkette umrundete, hat Riffgebiete identifiziert, die selbst unter dem Druck der Klimakrise bemerkenswert widerstandsfähig geblieben sind – und liefert damit Erkenntnisse, die weit über Kuba hinaus Bedeutung haben könnten.
Im Sommer 2023 stach ein kleines Forschungsschiff unter dem Namen „Bojeo a Cuba" – zu Deutsch: Umrundung Kubas – in See. Zwei Monate lang zählten kubanische Wissenschaftler Fischbestände, nahmen Wasserproben, dokumentierten Delfine, Manatis und Seevögel und befragten Fischer entlang von mehr als 2.000 Seemeilen Küstenlinie. Es war die erste Expedition dieser Art überhaupt – eine landesweite Bestandsaufnahme eines der größten und am wenigsten erforschten Meeresökosysteme der Karibik. Fast drei Jahre später liefert die Reise noch immer neue Erkenntnisse. Im Spätsommer will das Fachjournal Bulletin of Marine Science eine Sonderausgabe mit mehr als zehn wissenschaftlichen Studien veröffentlichen, die aus der Expedition hervorgegangen sind. Es ist eine internationale Kooperation, die Naturschützer im Golf von Mexiko und der gesamten Karibik aufhorchen lässt. Fünf „Hoffnungsgebiete"
Unterstützt wurde das Projekt vom Environmental Defense Fund (EDF), einer globalen Umweltschutzorganisation, die seit mehr als 25 Jahren mit kubanischen Wissenschaftlern zusammenarbeitet. „Selbst in extrem schwierigen Zeiten leisten unsere kubanischen Partner hervorragende Arbeit und erzielen greifbare Erfolge im Naturschutz", sagt Valerie Miller, Meeresschutzexpertin bei EDF.
Der Befund ist bemerkenswert, weil die Ausgangslage in der Karibik alles andere als ermutigend ist: Die Riffe der Region enthalten heute nur noch etwa halb so viel Hartkorallen wie 1980. Überfischung, Verschmutzung und die Erwärmung der Meere haben ihre Spuren hinterlassen. Kuba jedoch verfügt über eines der größten Riffsysteme der Karibik und eines der ausgedehntesten Netzwerke an Meeresschutzgebieten – ein natürliches Labor, um zu verstehen, wie gesunde Riffe funktionieren. Aus den Untersuchungen Dutzender Riffsysteme im ganzen Land identifizierten die Forscher fünf Hotspots, die für die Widerstandsfähigkeit der Riffe besonders wichtig erscheinen. In einigen dieser Gebiete leben mehr Haie und andere Großfische – ein Indikator für ökologische Gesundheit. Management entscheidet über Erfolg
Mehrere der neuen Studien kommen zu einem gemeinsamen Schluss: Es kommt auf die Bewirtschaftung an. Eine Untersuchung von Fischpopulationen in 23 Riffsystemen ergab, dass Gebiete mit konsequent durchgesetzten Fischerei- und Umweltvorschriften vollständigere Fischgemeinschaften aufweisen. Dort, wo Regeln tatsächlich durchgesetzt werden, halten sich eher große Raubfische, die auf vielen anderen karibischen Riffen längst verschwunden sind.
„Schutzgebiete allein reichen nicht aus", sagt der kubanische Meeresbiologe Fabián Pina-Amargós, Hauptautor der Studie. „Die Orte mit den besten Ergebnissen sind jene, an denen Vorschriften tatsächlich durchgesetzt werden." Eine begleitende Studie zeigt: Gut verwaltete Riffe beherbergen eine breitere Mischung an Fischarten mit unterschiedlichen ökologischen Funktionen – von Algenfressern bis zu Raubfischen, die das Gleichgewicht im Ökosystem aufrechterhalten. Leben über und unter Wasser
Die Expedition ging weit über Korallen hinaus. Erstmals führten Forscher eine landesweite Erhebung großer Meeressäuger in kubanischen Gewässern durch und dokumentierten Delfine, Manatis und Meeresschildkröten in sechs Regionen des Landes – eine Basislinie für künftiges Monitoring. Eine weitere Studie lieferte die erste umfassende Bestandsaufnahme von Seevögeln entlang des gesamten Archipels: Acht Vogelfamilien wurden erfasst, dazu regionale Hotspots der Artenvielfalt. Seevögel gelten als besonders wertvolle Indikatoren für die Gesundheit mariner Ökosysteme insgesamt.
Selbst Mikroorganismen lieferten wichtige Hinweise. Da Bakterien und Phytoplankton – die Basis der marinen Nahrungskette – rasch auf veränderte Wasserqualität reagieren, konnten kubanische Forscher anhand ihrer Zusammensetzung den Zustand von Riffen entlang der Nordküste einschätzen. Die meisten Riffe wiesen demnach mikrobielle Gemeinschaften auf, die für relativ gesunde, ausgewogene Ökosysteme typisch sind. Zugleich identifizierten die Wissenschaftler Gebiete mit erhöhten Nährstoffwerten, die langfristig zur Schwächung der Riffe führen könnten. „Die Bojeo-Expedition wurde so konzipiert, dass Experten aus verschiedenen Fachgebieten zusammenarbeiten", erklärt Patricia González-Díaz, Meeresökologin an der Universität Havanna. „Wir wollten nicht nur Korallen oder Fische verstehen, sondern die Beziehungen zwischen allen Komponenten dieser Ökosysteme." Von der Wissenschaft zur Praxis
Die Erkenntnisse der Expedition fließen inzwischen in eine neue „Roadmap für Kubas Korallenriffe" ein – eine langfristige Strategie, die Wissenschaftler, Politik und lokale Gemeinden zusammenbringt, um die Riff-Ökosysteme zu schützen und gleichzeitig die Menschen zu unterstützen, die von ihnen leben.
Eine Priorität liegt auf dem Schutz der neu identifizierten Hotspot-Gebiete. Dazu testen Forscher Methoden zur Eindämmung einer invasiven Korallenart, die sich rasant ausbreitet und einheimisches Riffleben verdrängt. An einem Standort zeigten erste Eindämmungsversuche vielversprechende Ergebnisse. Ein weiteres Projekt widmet sich der Wiederansiedlung der Geweihkoralle, einer der wichtigsten riffbildenden Arten der Karibik, deren Bestände regionweit dramatisch zurückgegangen sind. Als unerwarteten Verbündeten setzen Forscher zudem auf den Diademseeigel: Die stachligen Algenfresser verhindern, dass Algen Korallen ersticken. Statt sich ausschließlich auf teure Korallenzuchten zu verlassen, hoffen die Wissenschaftler, dass die Stärkung solcher Schlüsselarten den Riffen eine natürliche Erholung ermöglicht. Ein neu bewilligtes, dreijähriges Küstenschutzprogramm soll zudem frühere Arbeiten zur Wiederherstellung von Mangroven fortsetzen, die Küstengemeinden vor Stürmen schützen und zugleich die marine Artenvielfalt fördern. Der Naturschutz-Ansatz reicht dabei über die reine Ökologie hinaus: Gesunde Riffe sollen zu wirtschaftlichen Chancen werden. Naturschützer fördern lokal betriebene Tauch- und Schnorchelunternehmen, die wirtschaftliche Anreize für den Riffschutz schaffen und zugleich Einkommen für Küstengemeinden generieren. Wissenschaft unter schwierigsten Bedingungen
Kubas Wirtschaftskrise stellt auch die Forschung vor immense Herausforderungen. Treibstoffmangel, Stromausfälle und knappe Ressourcen erschweren wissenschaftliche Arbeit zunehmend. Organisationen wie EDF, die Wildlife Conservation Society und der Caribbean Biodiversity Fund unterstützen ihre kubanischen Partner deshalb gezielt, damit die weltweit bedeutsame Meeresforschung fortgesetzt werden kann.
EDF und Partnerorganisationen haben kleine Solaranlagen installiert, die es kritischen Umwelt- und Forschungsprogrammen ermöglichen, trotz anhaltender Stromausfälle weiterzuarbeiten. Die Unterstützung erlaubt Doktoranden, ihre Forschung fortzusetzen, und hält Naturschutzorganisationen trotz der Alltagsprobleme handlungsfähig. Ein Büro, das mittlerweile komplett solarbetrieben arbeitet, ist für sein Team zur Lebensader geworden. „Diese kleinen Projekte halten in einer kritischen Zeit buchstäblich das Licht am Brennen", sagt Miller. „Schon eine vergleichsweise geringe Energieunterstützung kann einen enormen Unterschied machen." Die Bedeutung der Forschung reicht weit über Kuba hinaus. Meeresströmungen verbinden kubanische Riffe mit Ökosystemen in der gesamten Karibik und tragen winzige, frei schwebende Korallenlarven über Hunderte Kilometer – bis in Riffgebiete wie jene vor Florida. Auch zahlreiche Fischarten wandern zwischen kubanischen und US-amerikanischen Gewässern, was Kubas Riffe zu einem wichtigen „Kinderzimmer" für Meereslebewesen der gesamten Region macht. Indem kubanische Wissenschaftler die Faktoren entschlüsseln, die manche Riffe widerstandsfähig machen, liefern sie Erkenntnisse, die den Naturschutz in der gesamten Karibik voranbringen könnten – und damit auch Ökosysteme, die Kuba und die USA gemeinsam teilen. In einer Zeit, in der Korallenriffe weltweit unter beispiellosem Druck stehen, liefert die Bojeo-Forschung etwas, das selten geworden ist: eine gute Nachricht.
Quelle: Vitalsigns (https://t1p.de/rd7wz)
Autor: Leon Latozke
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