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Donald Trumps Öl-Blockade und die Anklage gegen Raúl Castro befeuern Spekulationen über einen nahenden Regimewechsel in Havanna. Doch ein Blick in Kubas Geschichte dämpft die Hoffnung auf einen schnellen demokratischen Neuanfang.
Abbildung: Symbolbild von Hyppolyte de Saint-Rambert, Plaza de la Revolución La Havana, Zuschnitt KUBAKUNDE, CC BY-SA 4.0
Während Donald Trump mit einer Öl- und Gasblockade den Druck auf Havanna erhöht und US-Justizbehörden Ende April Anklage gegen den 95-jährigen Raúl Castro erhoben haben, wächst die Spekulation über einen bevorstehenden Regimewechsel. US-Aussenminister Marco Rubio hat Kuba wiederholt als Sicherheitsbedrohung bezeichnet und eine militärische Intervention nicht ausgeschlossen. Ein Blick in die Geschichte der Insel liefert dazu eine unbequeme These: Selbst wenn das kommunistische Regime fällt, wird daraus nicht automatisch eine funktionierende Demokratie.
Der Grund liegt in einem Muster, das sich durch die gesamte kubanische Geschichte zieht – und das die Insel von praktisch allen anderen Ländern Lateinamerikas unterscheidet. Eine Insel, die nie sich selbst gehörte
Kuba war über zwei Jahrhunderte hinweg fast durchgehend von einer übergeordneten Macht abhängig. Erst regierte Spanien die Insel deutlich länger als seine übrigen amerikanischen Kolonien – während sich das lateinamerikanische Festland bereits in den 1820er-Jahren von der Kolonialherrschaft löste, blieb Kuba spanisch. Ein Grund dafür: Die Sklavenrevolution im benachbarten Haiti von 1791, die 1804 in eine unabhängige Republik der ehemals Versklavten mündete, wirkte auf die weisse kubanische Oberschicht wie ein Warnsignal. Aus Furcht, ein eigener Unabhängigkeitskampf gegen Spanien könnte ähnliches Chaos und einen Sklavenaufstand wie in Haiti auslösen, verzichtete die kubanische Elite zunächst darauf. Stattdessen bauten weisse Plantagenbesitzer, die aus dem revolutionären Haiti geflohen waren, in Kuba eine neue Zuckerwirtschaft auf. Kuba wurde zum weltgrössten Zuckerproduzenten, gestützt auf eine Sklavenwirtschaft, die noch anwuchs, als Grossbritannien den Sklavenhandel längst verboten hatte. Rund eine halbe Million Menschen wurden im 19. Jahrhundert aus Afrika nach Kuba verschleppt – fast die Hälfte der damaligen Inselbevölkerung.
Erst 1868 begann der erste Unabhängigkeitskrieg, ein zweiter erfolgreicher Anlauf folgte 1895 unter dem Nationalhelden José Martí, der früh vor amerikanischen Expansionsgelüsten warnte. Die Ironie der Geschichte: Als ein Sieg der kubanischen Aufständischen gegen Spanien absehbar war, griffen die USA 1898 selbst ein und übernahmen am Ende die Kontrolle. Die formale Unabhängigkeit von 1902 war eine mit Einschränkungen – im aufgezwungenen Platt Amendment sicherten sich die Amerikaner das Recht auf jederzeitige militärische Intervention sowie die Kontrolle über die kubanischen Staatsfinanzen. Bereits 1905 gehörte ein grosser Teil des kubanischen Farmlands US-Bürgern. Auf die formale Loslösung von Spanien folgte damit keine echte Souveränität, sondern eine neue Abhängigkeit – diesmal von Washington. Nach der Revolution 1959 trat an deren Stelle schliesslich die Sowjetunion. Das fehlende zweite Fundament: eigene demokratische Erfahrung
Die Abhängigkeit von Grossmächten ist nur die eine Seite. Die zweite, mindestens so entscheidende: Kuba hat in seiner gesamten Geschichte nie eine stabile Demokratie hervorgebracht. Die kurze republikanische Phase zwischen 1902 und 1959 war geprägt von politischer Gewalt und einem instabilen Parteiensystem – und mündete ab 1925 in autoritäre Herrschaft unter Gerardo Machado und später Fulgencio Batista, beide im Stil klassischer lateinamerikanischer Caudillos. Selbst als das Platt Amendment 1934 formal aufgehoben wurde, blieb die wirtschaftliche Dominanz der USA bestehen – politische Selbstbestimmung und wirtschaftliche Unabhängigkeit fielen bis zur Revolution nie zusammen.
Fast siebzig Jahre kommunistischer Herrschaft haben zusätzlich verhindert, dass sich seither eine belastbare politische Opposition entwickeln konnte. Wo andere Länder auf jahrzehntelange demokratische Praxis zurückgreifen können, wenn autoritäre Regime fallen, fehlt Kuba dieses institutionelle Gedächtnis komplett. Wie gross diese Lücke ist, zeigt der Vergleich mit Venezuela. Auch dort herrscht mit Nicolás Maduro ein autoritäres Regime – doch Venezuela kann auf rund fünfzig Jahre regelmässiger demokratischer Machtwechsel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückblicken und besass ein stabiles Zweiparteiensystem. Selbst unter Maduro haben sich starke Oppositionsparteien erhalten. Kuba hat nichts Vergleichbares vorzuweisen. Ein Ende der Castro-Ära würde damit nicht auf ein Land treffen, das lediglich an alte demokratische Reflexe anknüpfen müsste, sondern auf eines, das diese Reflexe erst noch entwickeln müsste – von Grund auf. Was das für ein postkommunistisches Kuba bedeute
Die historische Logik legt nahe, dass sich nach einem Regimewechsel ein altbekanntes Muster wiederholen könnte: erneute, tiefe Abhängigkeit von den USA. Die marode Infrastruktur der Insel würde massive Investitionen erfordern, für die finanzkräftige Exilkubaner und amerikanische Geldgeber bereitstehen. Politischer Einfluss der USA dürfte diesen Investitionen unweigerlich folgen – schon um sie abzusichern. Wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts könnten die Amerikaner sich damit erneut, gewollt oder ungewollt, über längere Zeit intensiv in Kuba engagieren müssen.
Autor: Leon Latozke
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