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Interne Finanzdokumente belegen erstmals das wahre Ausmaß der wirtschaftlichen Macht des kubanischen Militärkonzerns GAESA. Der Firmenverbund kontrolliert zentrale Sektoren wie Tourismus, Handel und Finanzen und verfügt offenbar über zweistellige Milliardenbeträge an liquiden Mitteln – weitgehend ohne staatliche Kontrolle.
07.08.2025 07:15 Uhr
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Neue Enthüllungen legen den bislang wenig bekannten finanziellen Einfluss des kubanischen Militärs offen. Interne Geschäftsberichte, die internationalen Medien zugespielt wurden, belegen: Der staatliche Militärkonzern GAESA (Grupo de Administración Empresarial S.A.), ein zentraler Akteur der kubanischen Wirtschaft, verwaltet milliardenschwere Ressourcen – abseits öffentlicher Kontrolle. Während das Land mit einer schweren Versorgungskrise ringt, verfügt der Konzern offenbar über liquide Mittel in zweistelliger Milliardenhöhe.
Ein Konzern mit weitreichender Kontrolle GAESA untersteht direkt den kubanischen Streitkräften und kontrolliert zentrale Wirtschaftssektoren des Landes, darunter Tourismus, Einzelhandel, Bauwesen, Transport, Logistik und Finanzdienstleistungen. Zum Unternehmensverbund gehören unter anderem die Tourismusgruppe Gaviota, die Handelsketten Cimex und TRD Caribe sowie die Logistikfirma Almacenes Universales. Diese Firmen dominieren weite Teile des formellen Wirtschaftslebens in Kuba. Ein Finanzbericht aus dem März 2024, der unter anderem dem Miami Herald und dem lateinamerikanischen Investigativnetzwerk Connectas vorliegt, weist allein für Gaviota Bankeinlagen in Höhe von rund 8,5 Milliarden US-Dollar aus. Insgesamt soll der GAESA-Konzernverbund demnach rund 18 Milliarden US-Dollar an liquiden Mitteln verwalten. Enge Verflechtungen mit Staat und Partei Die wirtschaftliche Stellung von GAESA geht über gewöhnliche Konzernstrukturen hinaus. Laut Analysen des kubanischen Ökonomen Pavel Vidal deuten die vorliegenden Zahlen darauf hin, dass GAESA 2023 etwa 17 Milliarden US-Dollar Umsatz und einen Nettogewinn von 7,2 Milliarden US-Dollar erwirtschaftete – das entspräche rund 40 Prozent des offiziellen kubanischen Bruttoinlandsprodukts. GAESA agiert dabei faktisch wie ein eigenständiger Wirtschaftsstaat. Interne Finanzflüsse, Transfers und Investitionsentscheidungen unterliegen keiner öffentlichen Kontrolle. Die kubanische Rechnungskontrollbehörde hat nach eigenen Angaben keinen Zugang zu den Finanzunterlagen. Auch die ehemalige Generalrevisorin Gladys Bejerano räumte 2023 ein, dass ihr Amt GAESA nicht prüfen könne – wenige Monate später wurde sie entlassen. Steuervergünstigungen und privilegierter Kapitalzugang Aus den internen Dokumenten geht zudem hervor, dass GAESA von umfangreichen Steuererleichterungen profitiert. Auf Gewinne in Devisen entfällt demnach keine Steuerlast. Einnahmen in nationaler Währung unterliegen lediglich einer symbolischen Besteuerung von unter einem Prozent. Gleichzeitig erhält der Konzern staatliche Investitionsmittel, insbesondere für den Ausbau von Tourismusanlagen. In den vergangenen Jahren floss ein erheblicher Teil des kubanischen Haushalts in GAESA-nahe Bauprojekte – häufig zulasten sozialer Infrastruktur wie Gesundheit und Bildung. Kritik gibt es auch an der Devisenpolitik des Konzerns. Ein Großteil der liquiden Mittel ist auf konzerneigenen oder konzernnahen Finanzplattformen geparkt, etwa bei der schwer durchschaubaren Firma RAFIN S.A. Damit verfügt GAESA über einen erheblichen Anteil der kubanischen Devisenreserven – ohne darüber gegenüber Regierung oder Parlament Rechenschaft ablegen zu müssen. Parallelökonomie inmitten der Krise Die Enthüllungen kommen zu einem Zeitpunkt, an dem sich die wirtschaftliche Lage für viele Kubanerinnen und Kubaner weiter verschärft hat. Weite Teile der Bevölkerung leiden unter Versorgungsengpässen bei Lebensmitteln, Medikamenten und Treibstoff. Die offizielle Inflationsrate liegt deutlich im zweistelligen Bereich, mehrstündige Stromausfälle sind an der Tagesordnung. Der durchschnittliche staatliche Monatslohn betrug 2024 umgerechnet rund 16 US-Dollar. In diesem Kontext erscheinen die Investitionen GAESAs in Luxushotels und Tourismusinfrastruktur als schwer vermittelbar. Nach offiziellen Angaben sanken die Besucherzahlen seit der Pandemie deutlich. Dennoch flossen 2023 über elfmal mehr staatliche Mittel in den Tourismussektor als in das Gesundheitswesen. Kritiker sehen darin eine Prioritätensetzung zugunsten von Konzerninteressen zulasten der Allgemeinheit. Zudem mehren sich Hinweise, dass GAESA wirtschaftliche Entscheidungen trifft, die sich negativ auf die Privatwirtschaft auswirken. Preissteigerungen für Mobilfunkdienste und Importrestriktionen treffen vor allem kleine Unternehmen und Selbstständige. Laut dem Wirtschaftsexperten Mauricio de Miranda Parrondo verschärft die Dominanz von GAESA die strukturellen Schwächen der kubanischen Volkswirtschaft und erschwert mittelfristig eine wirtschaftliche Diversifizierung. Internationale Reaktionen und politische Implikationen Auch außenpolitisch sind die Verflechtungen des Konzerns nicht folgenlos. Die US-Regierung führt GAESA bereits seit mehreren Jahren auf der Liste sanktionierter Unternehmen. Washington betrachtet den Konzern als wirtschaftliche Stütze des kubanischen Einparteiensystems. Die neuen Enthüllungen dürften diese Einschätzung weiter untermauern. In Havanna hingegen werden die Vorwürfe bislang nicht kommentiert. Eine offizielle Stellungnahme zu den geleakten Finanzunterlagen steht aus. Unabhängige Medien auf der Insel berichten nur zögerlich über den Fall, was Beobachter auch mit dem restriktiven Mediengesetz erklären, das regierungskritische Berichterstattung unter Strafe stellt. Wirtschaftlicher Staat im Staate Die bekannt gewordenen Finanzdaten geben Einblick in eine wenig transparente Machtstruktur innerhalb des kubanischen Staates. Der Militärkonzern GAESA agiert wie ein Staat im Staate – mit weitreichendem wirtschaftlichem Einfluss, privilegiertem Zugang zu Ressourcen und minimaler öffentlicher Kontrolle. Inmitten einer tiefen Versorgungskrise wirft dies grundsätzliche Fragen zur wirtschaftlichen und politischen Prioritätensetzung in Kuba auf. Sollte es zu einem politischen Wandel kommen, dürfte GAESA eine Schlüsselrolle spielen – als Akteur mit beträchtlichen Finanzmitteln und eigenständiger Machtbasis.
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Text: Leon Latozke
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