|
19.05.2025 05:00 Uhr Kuba treibt mit chinesischer Unterstützung einen rasanten Solarausbau voran. Die Importe von Solarmodulen stiegen von 3 auf 117 Millionen Dollar. Ziel sind 92 neue Solarparks bis 2028. Selten hat eine Nation einen derart drastischen Wandel ihrer Energieversorgung erlebt wie Kuba in den vergangenen Monaten. Während die Insel unter verheerenden, landesweiten Stromausfällen leidet und das Wirtschaftsembargo der USA den Zugang zu Treibstoff nahezu abwürgt, vollzieht sich nahezu unbemerkt ein bemerkenswerter Wandel: Mit massiver Unterstützung Pekings treibt Havanna eine der schnellsten Solarenergie-Revolutionen des Planeten voran, wie die Analysen des Energieinstituts Ember belegen. Die Importe von Solarpaneelen und Batterien aus China haben sich förmlich explosionsartig entwickelt. Allein im vergangenen Jahr, so verdeutlichen die Zahlen, stieg der Wert der eingeführten chinesischen Solarmodule von circa drei Millionen US-Dollar im Jahr 2023 auf beinahe 117 Millionen Dollar im Jahr 2025. Ein gewaltiger Sprung für eine wirtschaftlich angeschlagene Nation. Der energiewirtschaftliche Kurswechsel wird landesweit durch neue Solarparks sichtbar. Ein bilaterales Abkommen mit China sieht die Errichtung von insgesamt 92 solcher Anlagen bis 2028 vor, die gemeinsam etwa zwei Gigawatt Strom erzeugen sollen – genug, um rechnerisch mehr als 1,5 Millionen Haushalte zu versorgen. Präsident Miguel Díaz-Canel weihte die erste dieser Anlagen im Februar 2025 ein. Aktuell, nicht einmal anderthalb Jahre später, sind bereits rund 50 Parks in Betrieb. Die installierte Solarkapazität hat sich binnen zwölf Monaten auf etwa ein Gigawatt verdoppelt. Für ein Land der Größe Kubas, resümieren Experten, sei dies ein fundamentaler Eingriff in die gesamte Energiearchitektur. Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion stieg von mageren drei Prozent im Jahr 2024 auf nun immerhin zehn Prozent. Ein atemberaubender Zuwachs, der offizielle Plan sieht bis 2030 einen Anteil von mindestens 24 Prozent vor. Die Motive hinter diesem Investitionsschub sind vielschichtig. Offensichtlich ist der praktische Nutzen für Kuba: Die Preise für Photovoltaik sind in den vergangenen Jahren drastisch gefallen, und die Installation ist vergleichsweise schnell umsetzbar, bei einer Lebensdauer von mehreren Jahrzehnten. Für den Betrieb der Anlagen genügt die Sonne. Dieser Aspekt hat eine strategische Dimension, die über den Klimaschutz hinausgeht. Eine geringere Abhängigkeit von Ölimporten schwächt ein zentrales Druckmittel der US-Politik, wie Kevin Cashman, Ökonom am Transition Security Project, gegenüber CNN betont. Es gehe darum, dem Nachbarn im Norden den Hebel der Treibstoffblockade zu entziehen. China wiederum verfolgt ebenfalls klare Interessen: Das Engagement auf der Karibikinsel sei nicht nur ein Geschäft, sondern auch eine Investition in politisches Kapital, so Jorge Piñon, Senior Research Fellow am Energieinstitut der Universität von Texas. Es erzeuge Wohlwollen – nicht nur in Kuba selbst, sondern im gesamten lateinamerikanischen Raum, wo Pekings Einfluss ohnehin wächst. Doch der Weg in eine solare Zukunft ist steinig, und die Euphorie wird durch die harte Realität vor Ort gedämpft. Der rasche Zubau der Anlagen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Solarenergie derzeit noch nicht in der Lage ist, die schwer angeschlagene Grundversorgung zu stabilisieren. Die neu errichteten Parks sind häufig klein und über das Land verstreut. Ihr größter Nachteil: Sie liefern nur Strom, wenn die Sonne scheint. In den Abendstunden, wenn der Bedarf am höchsten ist, fallen sie aus. Großspeicher, die diese Lücke schließen könnten, fehlen bisher. Die Importe von Batterien haben zwar zugenommen, ein System im Versorgungsmaßstab existiert jedoch noch nicht. Das weitaus größere Hindernis sind die Kosten. Eine umfassende Solarrevolution ist ein teures Unterfangen. Es geht um nichts Geringeres als die grundlegende Erneuerung eines jahrzehntealten, maroden und hoffnungslos überlasteten Systems. Cashman hat durchgerechnet, was eine Energiewende bedeuten würde: Rund 93 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen, um den Import von Öl und Gas für die Stromerzeugung zu beenden, würde etwa acht Milliarden US-Dollar kosten. Ein vollständig erneuerbares System wäre für rund 19 Milliarden Dollar zu haben. Geld, das der kubanische Staat nicht hat. Wer also soll das bezahlen? Diese Frage steht im Raum, wie Piñon anmerkt. Ein bankrotter Staat und eine verarmte Bevölkerung – da bleibe kaum ein Finanzier übrig. Entwicklungshilfeinstitutionen könnten eine Rolle spielen, doch sie würden Kredite nur gegen Zahlungsgarantien vergeben. Und um die zu erfüllen, fehlt Kuba die Zeit, wie Piñon unterstreicht. Auch China wird kaum einen Blankoscheck ausstellen. Am Ende bleibt die Erkenntnis, die der kubanische Ökonom Ricardo Torres von der American University in Washington formuliert: Energiesouveränität klinge gut, aber Kuba sei ein armes Land inmitten einer tiefen Wirtschaftskrise. Von der kubanische Solarevolution bekommen die Menschen auf der Straße wenig zu spüren. Zwar gibt es positive Beispiele wie die erste solarbetriebene Ladestation in Santa Clara, wo Bürger Telefone, Akkus oder Elektroroller aufladen können. Die Idee helfe vielen, sagt eine Anwohnerin. Doch die Mehrheit der Kubaner sieht keinen Nutzen des Solarbooms in ihrem Alltag, bestätigt Torres. Die Stromausfälle seien heute schlimmer als vor einem Jahr, die Menschen hätten oft nicht einmal Geld für Lebensmittel, geschweige denn für private Solaranlagen. Sie bräuchten vor allem eines: mehr Strom, und zwar dringend. Und ob dieser aus Öl oder von der Sonne kommt, sei ihnen in der akuten Not egal. Für Cashman ist die kubanische Entwicklung dennoch ein globales Signal. Unabhängig vom Ausgang zeige Kuba anderen Ländern, wohin die Reise gehen muss: weg von fossilen Importen, hin zu erneuerbaren Technologien – als Antwort auf geopolitische Erpressung und steigende Klimarisiken. Kuba ist derzeit das extremste Beispiel dafür – hilfesuchend, hoffend und unter enormem Druck. Quelle: CNN (https://t1p.de/l6n5u)
Autor: Leon Latozke
Letzte Meldungen
0 Kommentare
Ihr Kommentar wird veröffentlicht, sobald er genehmigt ist.
Antwort hinterlassen |
Dossiers
Mediathek
Anzeige (M2) Anzeige (G4) Achiv
Archiv
September 2026
|

RSS-Feed