Neues aus Kuba
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30.07.2026 08:00 Uhr
Wo früher Benzin floss, laden Kubaner heute ihre Handys mit Solarstrom auf. Wie das Land unter US-Ölblockade mit improvisierten Lösungen durchhält – und warum die Krise die soziale Ungleichheit verschärft.
Abbildung: Das KI-generierte Symbolbild zeigt keine reale Szene.
Sechs Monate nach Beginn der von Donald Trump verhängten Ölblockade zeigt sich: Die von US-Seite prophezeite Implosion Kubas ist ausgeblieben. Stattdessen hat sich auf der Insel binnen weniger Monate eine ganz eigene Schattenökonomie der Energieversorgung etabliert – getragen nicht vom Staat, sondern von Privatinitiative, Nachbarschaftshilfe und schierem Erfindungsreichtum, wie eine aktuelle Reportage der New York Times (NYT) zeigt.
Auslöser der Krise war eine Entscheidung aus dem Weißen Haus: Anfang Januar übernahm Trump die Kontrolle über venezolanisches Öl, das bis dahin Kubas wichtigste Energiequelle gewesen war, und schnitt der Insel damit faktisch die Versorgung ab. „Es wird einfach in sich zusammenbrechen", sagte er damals über Kuba. Die Folge war eine Stromrationierung auf der Insel, die inzwischen historische Ausmaße erreicht hat: Selbst in Havanna fällt der Strom teilweise über zwanzig Stunden am Tag aus, seit Anfang Juli ist das nationale Netz bereits dreimal komplett kollabiert. Auf dem Schwarzmarkt kostet ein Liter Benzin umgerechnet bis zu sechs Euro. Tankstellen werden zu Solarstationen
Die sichtbarste Reaktion auf die Krise sind sogenannte Solineras – kleine, meist privat oder genossenschaftlich betriebene Solarstationen, von denen mittlerweile 25 landesweit in Betrieb sind, 15 weitere im Bau, wie ACN berichtet. Ihr Ursprung ist oft pragmatisch: In Holguín etwa entstand eine solche Anlage im Juni auf dem Gelände einer stillgelegten Tankstelle – wo früher Benzin verkauft wurde, laden Anwohner heute kostenlos ihre Handys und E-Fahrzeuge auf. „Die Besucherzahl steigt, wenn die Stromausfälle länger dauern", erklärte Schichtleiter Agustín Cecilio Parra gegenüber der Gewerkschaftszeitung Trabajadores.
Größter Player ist die staatliche Empresa de la Industria Electrónica, die für sich beansprucht, als erstes kubanisches Unternehmen komplett autark von Photovoltaik zu leben: 22 eigene Solarfelder liefern täglich rund 3.000 Kilowattstunden. Allein in Havanna betreibt sie über 15 Solineras, hinzu kommen Standorte in Matanzas und Villa Clara. Steuerliche Vergünstigungen im Rahmen des aktuellen 176-Punkte-Reformpakets erleichtern solche Gründungen zusätzlich. Interessant ist dabei der soziale Unterbau vieler Projekte. In Santa Clara betreibt die Initiative Gomate eine Anlage mit 56 Solarpanelen, die im April eröffnete, wie AP News berichtete, und die nicht nur kostenlos Strom, sondern auch einen Kochservice anbietet. „Der Kochservice ist kostenlos, und die Gemeinschaft ist dankbar", erklärte Anlagenleiterin Ivette Hernández. In Havannas Vedado-Viertel wiederum dient eine neu entstehende Solinera einem sehr konkreten Zweck: Sie soll ausschließlich die elektrischen Dreiräder der Müllabfuhr laden. Von dreißig gespendeten Fahrzeugen sind zehn bereits im Einsatz – „es geht nicht nur um die Installation von Solarpanelen, sondern um eine Strategie, die Solarenergie für soziale Zwecke nutzt", sagte der Präsident des lokalen Rats, Pedro Lizardo Garcés Escalona. Vom E-Bike bis zur Hinterhof-Raffinerie
Die Solineras sind nur ein Baustein eines größeren Musters, das Präsident Miguel Díaz-Canel „kreativen Widerstand" nennt. Landesweit verschwinden die klassischen US-Oldtimer aus den fünfziger Jahren zunehmend von der Straße – ersetzt durch chinesische Elektromotorräder und Rikschas, die zum wichtigsten privaten Transportmittel wurden, seit der Busverkehr mangels Diesel eingestellt wurde.
Am radikalsten improvisiert wird auf dem Land. Der Bauer Humberto Palmero, 55, brachte sich über YouTube selbst das Destillieren von Benzin und Diesel aus Plastikmüll bei und betreibt seither im eigenen Hinterhof eine Mini-Raffinerie, mit der er Motorrad und Herd versorgt. Seine Geschwister leben in Miami, seine Kinder wandern gerade nach Spanien aus – er selbst bleibt, mit Blick von seinem Küstenhügel Richtung Florida. „Die wirtschaftlichen Einschränkungen erwürgen uns langsam", sagte er der NYT, „aber wir stemmen uns mit aller Kraft dagegen." Zehn Prozent Solarstrom – aber tiefe Ungleichheit
Auf nationaler Ebene liefern inzwischen 54 große Solarparks rund zehn Prozent des kubanischen Strombedarfs – vor eineinhalb Jahren waren es noch drei Prozent. Mittags steigt der Anteil sogar auf bis zu 20 Prozent. Das Problem: Speicherkapazität fehlt fast völlig – erst eines von vier geplanten Batteriesystemen ist in Betrieb –, sodass nach Sonnenuntergang, wenn der Bedarf am größten ist, kaum noch Solarstrom übrig ist.
Genau hier zeigt sich auch die Schattenseite der Krisenbewältigung: Wer sich Panels, Akkus und E-Fahrzeug leisten kann, kommt vergleichsweise gut durch die Krise. Wer nicht, bleibt im Dunkeln zurück. Die 26-jährige Barkeeperin Yeny Oliva brachte es gegenüber der NYT auf den Punkt: Ihr Arbeitsplatz funktioniere nur, weil der Besitzer sich Solartechnik leisten könne – „aber bei uns zu Hause ist das Leben die Hölle". Politisch bleibt die Lage festgefahren
Dass Kuba länger durchhält als erwartet, überrascht selbst Fachleute. Energieexperte Jorge Piñón von der University of Texas räumte ein, er und andere Analysten hätten die Widerstandsfähigkeit der Regierung unterschätzt. Auch Vizeaußenminister Carlos Fernández de Cossío verwies darauf, dass in Washington insgeheim erwartet worden sei, Kuba werde den April nicht überstehen. Sein Fazit gegenüber der Zeitung: „Da sind wir aber immer noch."
US-Außenminister Marco Rubio bekräftigte derweil, man werde weiterhin „alle verfügbaren Mittel" einsetzen, um den Sturz der kubanischen Führung zu erreichen. Havanna wiederum signalisiert Gesprächsbereitschaft: „Kuba ist kein Feind der Vereinigten Staaten", so de Cossío gegenüber der New York Times, „was wir uns wünschen, ist eine konstruktive und respektvolle Beziehung." Offener Widerstand bleibt dabei selten – zu groß die Angst vor Repression. Unmut entlädt sich eher lokal, etwa in nächtlichem Topfschlagen in besonders betroffenen Vierteln. Ein Anwohner erklärte gegenüber der Zeitung, warum größere Proteste ausbleiben: „Ich kann meine Familie nicht in Gefahr bringen." Kubas Antwort auf die Blockade bleibt damit vor allem eine leise: nicht der offene Aufstand, sondern das tägliche, mühsame Sich-Durchwursteln – Solarpanel für Solarpanel, Liter für Liter destilliertes Plastik. Autor: Leon Latozke
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