Neues aus Kuba
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26.07.2026 09:00 Uhr
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Er heißt "Polaquito" und fährt ohen Benzin: Wie ein kubanischer Mechaniker seinen alten Fiat 126p zum kohlebetriebenen Kleinwagen umbaute.
Abbildung: Symbolbild/Screenshot. Bildquelle: YouTube. Rechte beim Uploadenden.
Ein 46 Jahre alter Kleinwagen, ein Rucksack voller Kohle und die Verzweiflung eines ganzen Landes: In Kuba hat ein Mechaniker seinen polnischen Fiat 126p so umgebaut, dass er ganz ohne Benzin fährt. Die Geschichte erzählt viel über den Erfindungsreichtum – und die Not – der Insel.
Ein kleiner silberner Fiat, hinten ein sperriges Metallkonstrukt, das aussieht wie ein improvisierter Ofen auf Rädern – wer näher herantritt, erkennt, dass diese Konstruktion das Herzstück eines Fahrzeugs bildet, das mit nichts weiter als Holzkohle betrieben wird. Sein Besitzer: Juan Carlos Pino, Mechaniker aus Kuba, von seinen Nachbarn liebevoll "Polaquito" oder "Polak" genannt – eine Anspielung auf die polnische Herkunft seines Wagens. Der Hintergrund dieser skurril anmutenden Erfindung ist bitterernst. Seit Januar leidet Kuba unter einer der schwersten Energiekrisen seiner jüngeren Geschichte, ausgelöst durch den abrupten Stopp der Öllieferungen aus Venezuela. Die Folgen sind allgegenwärtig: Die Regierung rationiert Benzin, Stromausfälle gehören für weite Teile der Bevölkerung zum Alltag. Wer auf dem Schwarzmarkt tanken will, zahlt inzwischen bis zu acht US-Dollar pro Liter. Für viele Kubaner, deren Monatsgehälter oft nicht einmal für wenige Liter reichen, ist das schlicht unbezahlbar. Die Idee stammt aus einer anderen Krisenzeit
Juan Carlos Pino ließ sich von dieser Not nicht lähmen, sondern zu einer technischen Lösung inspirieren, die weit in die Vergangenheit zurückreicht. Der Mechaniker rüstete seinen Fiat 126p, Baujahr 1980, kurzerhand auf Kohlebetrieb um. Die zugrunde liegende Technik ist keineswegs neu – Pino selbst erklärte, die Idee habe ihn schon seit Jahren beschäftigt. Den entscheidenden Anstoß gab ihm die Erinnerung an seinen verstorbenen Onkel, ebenfalls Mechaniker, der ihm einst die Grundlagen der sogenannten Holzgas-Antriebe beigebracht hatte – jener Technologie, die schon während des Zweiten Weltkriegs Fahrzeuge am Laufen hielt, als Benzin in weiten Teilen Europas Mangelware war.
Aus recycelten Materialien baute Pino für seinen kleinen Fiat ein komplett neues Energiesystem. Als Treibstofftank dient ihm eine 60-Liter-Propangasflasche, verschlossen mit einem umfunktionierten Transformatordeckel. Gefiltert wird das entstehende Gas durch einen simplen Ballon, gefüllt mit alten Kleidungsstücken. Die gesamte Apparatur ist am Heck des Wagens montiert – wer die Heckklappe abnimmt, kommt problemlos an den Motor heran – und direkt mit der Antriebseinheit verbunden. Statt Benzin verbrennt der kleine Fiat nun Holzkohle und nutzt das dabei entstehende Gas als Treibstoff. Ein Auto mit Geschichte – und Geschmack
Wer den Wagen sieht, erkennt schnell, dass es sich nicht um ein gewöhnliches Fahrzeug handelt. Wie viele einheimische Autos in Kuba hat auch dieser Fiat im Laufe der Jahre einige liebevolle Modifikationen erfahren. Auffällig sind die silberne Lackierung, getönte Scheiben und ein Dachgepäckträger mit dem Schriftzug "AC Racing". Im Innenraum wartet der Wagen mit einem Lenkrad aus Metallspeichen und dickem Holzkranz auf, Armaturenbrett und Instrumententräger sind teilweise mit Holz verkleidet, dazu glänzende Sitzbezüge mit der Aufschrift "Polish Fiat". Kein Wunder also, dass die Nachbarschaft dem kleinen Wagen samt Besitzer liebevolle Spitznamen verpasst hat.
Bei einem ersten Testlauf legte Pino mit seinem umgebauten Fiat immerhin 85 Kilometer zurück und erreichte dabei eine Geschwindigkeit von bis zu 70 Kilometern pro Stunde – für ein Fahrzeug, das mit verkohltem Holz betrieben wird, ein durchaus respektables Ergebnis. Der Mechaniker selbst gibt unumwunden zu, dass er lieber mit Benzin fahren würde. Doch in der aktuellen Lage sei Kohle schlicht die einzige realistische Option, seinen Wagen am Laufen zu halten. In einem YouTube-Interview kündigte er zudem an, eine ähnliche Umrüstung an seinem Traktor vorzunehmen – damit er auch bei anhaltender Ölkrise weiter auf dem Feld arbeiten kann. Eine alte Technik aus der Not der Kriegsjahre
Die Idee, Fahrzeuge mit Holzgas zu betreiben, ist keine kubanische Erfindung, sondern reicht zurück bis in die Frühzeit des Verbrennungsmotors. Damals diente der sogenannte Holzgasgenerator dazu, den chronischen Mangel an flüssigen Kraftstoffen zu kompensieren. Prominentestes Beispiel: Während des Zweiten Weltkriegs setzte die deutsche Wehrmacht zahlreiche mit Holzgas betriebene Lastwagen ein. Bereits vor Kriegsbeginn fuhren in Warschau mehrere Omnibusse mit dieser Technik.
Der große Vorteil des Holzgases lag darin, dass sich der nötige Rohstoff aus praktisch jedem organischen Material gewinnen ließ – Reisig, Stroh oder gehacktes Holz genügten. Allerdings endeten die Vorzüge damit auch schon weitgehend: Das erzeugte Gas hatte einen vergleichsweise niedrigen Heizwert, und die Anlagen zur Gasgewinnung benötigten erheblichen Platz. Genau an diesem Punkt setzt die von Pino verwendete Variante an. Die Nutzung von Holzkohle statt rohem Holz erlaubt eine deutlich einfachere und kompaktere Bauweise. Dadurch lässt sich der Generator – anders als klassische Holzgasanlagen für Personenwagen, die meist auf separaten Anhängern mitgeführt werden mussten – direkt am Heck des Fahrzeugs montieren. Das grundlegende Problem des niedrigen Heizwerts bleibt jedoch auch bei dieser modernisierten Variante bestehen. Fachleute rechnen mit einem Leistungsverlust von 30 bis 50 Prozent gegenüber dem Betrieb mit herkömmlichem Kraftstoff. Im Fall von Pinos Fiat 126p, dessen Zweizylindermotor mit 652 Kubikzentimetern Hubraum ursprünglich 24 PS leistet, bedeutet das: Im Kohlebetrieb stehen ihm nur noch zwischen 12 und 17 PS zur Verfügung – vorausgesetzt, der inzwischen 46 Jahre alte Wagen hat seine originalen Werksparameter überhaupt noch beibehalten. Bescheidene Werte zweifellos, doch wie die Testfahrt zeigte, reichen sie für ein zügiges Vorankommen offenbar aus. Pinos umgerüsteter Fiat ist damit mehr als nur eine technische Kuriosität. Er steht sinnbildlich für den Erfindungsreichtum, mit dem viele Kubaner auf die anhaltende Energiekrise reagieren – und für die Bereitschaft, auf jahrzehntealte Notlösungen zurückzugreifen, wenn moderne Infrastruktur versagt.
Quelle: REUTERS/YouTube (https://t1p.de/aw6gp)
Autor: Leon Latozke
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