Neues aus Kuba
|
03.07.2026 09:00 Uhr
Fünf Analysen, ein Befund: Kubas Krise ist strukturell, nicht vorübergehend, und lässt sich nicht kosmetisch lösen. Die Reihe "Cuba Transformación" liefert einen Fahrplan, wie jede künftige Regierung die Insel aus der tiefsten Krise seit Jahrzehnten führen könnte.
Abbildung: KI-generiertes Symbolbild
Kubas Wirtschaftskrise ist strukturell, nicht vorübergehend – und sie lässt sich nicht mit kosmetischen Reformen lösen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Gruppe kubanischer und international tätiger Ökonomen. Mit der Reihe "Cuba Transformación" legt sie einen detaillierten Fahrplan vor, wie eine künftige Regierung – welcher politischen Couleur auch immer – die Insel aus der tiefsten Krise seit Jahrzehnten führen könnte. KUBAKUNDE fasst die zentralen Thesen zusammen.
Seit Monaten mehren sich die Signale, dass sich in Kuba etwas bewegen könnte: der Zusammenbruch der venezolanischen Öllieferungen nach den politischen Umwälzungen vom Januar 2026, das Ende der mexikanischen Unterstützung, eine sich weiter verschärfende Energiekrise – aber auch diplomatische Bewegung, die manche Beobachter als mögliches Zeitfenster für eine wirtschaftliche Öffnung deuten. Eine Gruppe von Ökonomen unter dem Label "Cuba Transformación" – bestehend aus Pavel Vidal, Ricardo Torres, Omar Everleny, Pedro Monreal und Mauricio De Miranda – hat in fünf Ausgaben einen Rahmen entworfen, wie eine wirtschaftliche Transformation Kubas aussehen könnte, unabhängig von den politischen Vorzeichen. Der gemeinsame Ausgangspunkt aller fünf Texte: Kubas Krise ist kein vorübergehender Schock, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger struktureller Fehlentwicklungen. Und: Nicht alles kann gleichzeitig repariert werden. Die Autoren plädieren für einen gestuften Prozess mit klaren Prioritäten. Eine Krise, die sich über Jahrzehnte aufgebaut hat Die erste Ausgabe der Reihe zeichnet das Bild einer Volkswirtschaft, die im regionalen Vergleich immer weiter zurückfällt. Ein Datenvergleich mit Costa Rica, der Dominikanischen Republik, Guatemala und Haiti für 2022 bis 2024 zeigt Kubas Rückstand deutlich: Bei einem Pro-Kopf-BIP von rund 2.177 US-Dollar liegt die Insel nur knapp über dem bitterarmen Haiti – weit abgeschlagen hinter der Dominikanischen Republik (10.539 US-Dollar) oder Costa Rica (16.661 US-Dollar). Gleichzeitig weist Kuba mit 31,8 Prozent eine der höchsten Inflationsraten der Region auf sowie ein Haushaltsdefizit von fast zehn Prozent des BIP – bei extrem niedrigem Zement-, Stahl- und Stromverbrauch pro Kopf, was auf eine massiv unterentwickelte Infrastruktur hindeutet. Selbst in Phasen umfangreicher externer Hilfe – zu Sowjetzeiten und später aus Venezuela – sei es nie gelungen, eine nachhaltige Erneuerung des kapitalen Bestands zu erreichen, argumentieren die Autoren. Das eigentliche Problem sei nicht (nur) fehlendes Wachstum, sondern eine sich stetig abnutzende Produktionsbasis: Wohnungsbau, Infrastruktur, Transport, Bauwirtschaft und Industrie verfielen schneller, als investiert werde. Besonders alarmierend sei die demografische Entwicklung: Die Abwanderung gerade jüngerer, qualifizierter Menschen schwäche genau jene Ressource, auf die eine Reform am dringendsten angewiesen wäre. Hinzu komme der Verfall des Gesundheitssystems, einst eine zentrale Stärke des Landes. Trotzdem sieht Ausgabe 1 auch Trümpfe: ein für das Einkommensniveau ungewöhnlich hohes Bildungsniveau, ein Gesundheits- und Biotechnologiesektor mit Potenzial sowie eine Diaspora mit Kapital, Netzwerken und unternehmerischer Erfahrung. Die geografische Nähe zu den USA könnte im Falle einer Normalisierung zusätzlichen Auftrieb geben, etwa für Tourismus, Rücküberweisungen und Handel. Aus dem internationalen Vergleich zieht Ricardo Tiorres drei Lehren: Erstens müsse der Staat handlungsfähig bleiben statt vorschnell geschwächt zu werden – gerade bei Dezentralisierung braucht es klare fiskalische Verantwortlichkeiten. Zweitens müssten stabile Governance-Strukturen etabliert sein, bevor große Eigentumsübertragungen stattfinden, da überstürzte Privatisierungen historisch oft Vorteile bei wenigen konzentrieren. Drittens sei soziale Legitimität durch Fairness entscheidend: Reformen würden nur mitgetragen, wenn sie als gerecht wahrgenommen werden, nicht als Bereicherung einer kleinen Elite. Drei Phasen: Erst stabilisieren, dann produzieren, dann neu denken In der zweiten Ausgabe konkretisiert Pavel Vidal diesen Gedanken zu einem dreistufigen Fahrplan. Die erste Phase – Stabilisierung und Notfallmaßnahmen, veranschlagt auf zwei bis drei Jahre – soll den makroökonomischen Verfall stoppen und ein Mindestmaß an Funktionsfähigkeit wiederherstellen. Die zweite Phase zielt auf die produktive Reaktivierung durch strukturelle Reformen. Die dritte Phase soll ein langfristiges Entwicklungsmodell definieren – internationale Wiedereingliederung, strategische Sektoren, Umverteilung und die Rolle des Staates. Bemerkenswert ist Vidals Einschätzung zum Ausgangspunkt: Ein Großteil der schmerzhaften Anpassung habe bereits stattgefunden – nicht durch ein kohärentes Programm, sondern durch die Krise selbst. Der Staat habe sich faktisch aus vielen Bereichen zurückgezogen, die Libreta (das Rationierungssystem) sei auf ein Minimum geschrumpft, öffentliche Löhne und Renten real ausgehöhlt. Die Inflation habe sich zuletzt vor allem deshalb abgeschwächt, weil die Kaufkraft der Bevölkerung so stark gesunken sei, dass die Nachfrage kollabierte – eine Anpassung durch Verarmung, nicht durch Politik. Drei Faktoren könnten laut Vidal die erste Phase begünstigen:
Streitpunkt: Braucht die Reform auch ein neues politisches System? Die dritte Ausgabe geht einen Schritt weiter und wird explizit politisch. Pedro Monreal und Mauricio De Miranda argumentieren, dass Kubas Krise nicht allein auf US-Sanktionen zurückzuführen sei, sondern im Kern auf das Fortbestehen eines zentral gelenkten Wirtschaftsmodells: Ineffiziente Verteilung von Ressourcen, Starrheit gegenüber technologischem Wandel, fehlende Anreize für Staatsbetriebe ohne Wettbewerbsdruck, Preisverzerrungen, die zu Knappheit, Schlangen, Rationierung und Schwarzmärkten führen. Ihre zentrale These: Die Verschmelzung von wirtschaftlicher und politischer Macht in einer zentralisierten, autoritären Struktur mache echte Reformen strukturell unwahrscheinlich – eine Zivilgesellschaft ohne reale Wahlmöglichkeiten könne kein Korrektiv bilden. Die Autoren plädieren für eine "soziale Marktwirtschaft" innerhalb eines demokratischen Rechtsstaats, basierend auf drei Prämissen: Der Markt braucht kohärente rechtliche Regeln (wirtschaftliche Freiheit, Privateigentum, Wettbewerb, Verbraucherschutz, Grenzen staatlicher Eingriffe); Märkte können versagen und brauchen deshalb Regulierung; die Wirtschaft müsse dem sozialen Wohlergehen dienen, nicht umgekehrt. Bemerkenswert ist die Abgrenzung zu den Reformmodellen Chinas und Vietnams. Zwar hätten beide Länder über Jahrzehnte beeindruckendes Wachstum erreicht – doch ohne politische Öffnung fehle die gesellschaftliche Kontrolle über die Regierungsführung, und die Fortschritte blieben grundsätzlich reversibel, warnen die Autoren. Für Kuba plädieren sie deshalb für einen demokratischen Rechtsstaat nicht nur aus utilitaristischen Gründen, sondern als Wert an sich – als bester Schutz individueller Freiheit. Ein solcher Staat müsse fähig sein, Wirtschaftspolitik kohärent zu gestalten, Märkte zu regulieren, Wettbewerb durchzusetzen und Armut zu bekämpfen, ohne selbst zur Quelle von Ineffizienz oder Vetternwirtschaft zu werden. Zentral sei zudem die rechtliche Gleichstellung aller Eigentumsformen. Vier Leitprinzipien für den Übergang Omar Everleny widmet die vierte Ausgabe konkreten Leitprinzipien. Sein zentraler Gedanke: Stabilisierung und strukturelle Reform sind keine getrennten Phasen, sondern zwei Dimensionen desselben Prozesses – man könne nicht nachhaltig stabilisieren, ohne zugleich die institutionellen Ursachen der Stagnation zu reformieren. Vier Prinzipien leiten laut Everleny den Prozess:
Neun Kriterien für die richtige Reihenfolge Die fünfte und jüngste Ausgabe, verfasst von Pavel Vidal und Ricardo Torres, liefert das praktischste Werkzeug der Serie: neun Kriterien, nach denen Reformen in der ersten Phase priorisiert werden sollten.
Ein Fahrplan, kein Wunderrezept Was die fünf Ausgaben eint, ist ein Grundkonsens jenseits ideologischer Gräben: Kubas Krise ist strukturell und lässt sich nicht mit kosmetischen Korrekturen lösen. Eine Transformation muss in Phasen erfolgen, weil weder Geld noch politische Zeit noch institutionelle Kapazität reichen, um alles gleichzeitig anzugehen. Und: Soziale Legitimität ist keine nachrangige Frage, sondern Voraussetzung dafür, dass Reformen überhaupt Bestand haben. Uneinig sind sich die Autoren vor allem in der Frage, ob wirtschaftliche Reformen zwingend mit einer politischen Öffnung hin zu einem demokratischen Rechtsstaat einhergehen müssen – oder ob, wie in China und Vietnam, auch ein autoritäres System Reformen tragen könnte. Diese Frage dürfte, sollte sich das erhoffte "Zeitfenster" für Veränderungen tatsächlich öffnen, zur entscheidenden politischen Weichenstellung für Kubas wirtschaftliche Zukunft werden.
Quelle: Cuba Study Group (https://t1p.de/xvpq1)
Autor: Leon Latozke
Letzte Meldungen
0 Kommentare
Ihr Kommentar wird veröffentlicht, sobald er genehmigt ist.
Antwort hinterlassen |


RSS-Feed