Neues aus Kuba
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Für viele Rentner in Kuba ist der Ruhestand kein Lebensabend, sondern täglicher Kampf. Staatliche Unterstützung reicht nicht, Medikamente fehlen, und Preise auf dem Schwarzmarkt steigen. Externe Hilfe wird oft lebenswichtig.
08.02.2026 09:30 Uhr
Für viele Kubanerinnen und Kubaner, die heute das Rentenalter erreicht haben, ist das Leben geprägt von Unsicherheit, Mangel und dem täglichen Kampf ums Überleben. Die Generation, die die sogenannten „Sonderperiode“ in den 1990er-Jahren erlebte, steht heute vor den Konsequenzen jahrzehntelanger wirtschaftlicher Belastungen und politischer Instabilität. Wie El País in einem ausführlichen Bericht dokumentierte, sind besonders die Menschen betroffen, die ihr ganzes Leben unter dem Castro-Regime verbrachten und nun feststellen, dass die staatliche Unterstützung im Alter unzureichend ist.
Ana Julia T., 68 Jahre alt, verkörpert exemplarisch das Schicksal dieser älteren Kubaner. Sie wuchs unter dem Regime der Castro-Brüder auf, absolvierte ein Arbeitsleben, das stark durch die staatlichen Vorgaben geprägt war, und musste zeitlebens Entbehrungen hinnehmen. Heute, im Ruhestand, steht sie wie viele ihrer Altersgenossen vor der bitteren Realität: die staatliche Rente von knapp 4.000 kubanischen Pesos – rund acht US-Dollar – reicht bei weitem nicht aus, um die grundlegendsten Bedürfnisse zu decken. Die Pension allein deckt weder Lebensmittel noch Medikamente, Strom oder Transportkosten. Ana Julia hat daher improvisierte Strategien entwickelt, um ihren Lebensunterhalt zu sichern: Neben der geringen Rente arbeitet sie weiterhin in der Nähe ihres Hauses, vermietet ein Zimmer an Studierende aus anderen Provinzen und kommt so auf ein monatliches Gesamteinkommen von rund 19.000 Pesos – etwa 39 US-Dollar. Doch selbst dieses Einkommen erfordert minutiöse Planung und Einschränkungen im Alltag. Ihre Mobilität ist eingeschränkt, das soziale Umfeld begrenzt, und die Sorge um gesundheitliche Probleme, sowohl für sie selbst als auch für ihre ältere Mutter, bleibt allgegenwärtig. Der Zugang zu Medikamenten, einem elementaren Bestandteil eines würdigen Lebens im Alter, gestaltet sich in Kuba zunehmend zu einer Odyssee. Apotheken bieten nur eingeschränkte Versorgung, die oft nicht ausreicht. Familien mit Verbindungen ins Ausland oder die Möglichkeit, auf den Schwarzmarkt auszuweichen, können ihren Bedarf noch decken, andere müssen auf staatliche Kontingente warten oder „jagen“ tagelang nach verfügbaren Medikamenten. Ein System von rotierenden Einkaufstagen soll zumindest eine gerechte Verteilung der geringen Bestände gewährleisten, doch für viele bleibt die medizinische Versorgung unsicher und unzureichend. Doris G., 72 Jahre alt, beschreibt EL PAÍS die täglichen Herausforderungen: Bankgeschäfte, Apothekengänge und Grundversorgung erfordern strategisches Planen in einem Umfeld ständiger Knappheit und eingeschränkter Mobilität. Die Probleme der älteren Bevölkerung Kubas sind symptomatisch für die tiefgreifende soziale und wirtschaftliche Krise auf der Insel. Der demografische Wandel verschärft die Situation zusätzlich: Über ein Viertel der Bevölkerung ist bereits über 60 Jahre alt. Viele ältere Menschen fühlen sich wie die „letzte Karte im Spiel“, auf sich allein gestellt in einer Gesellschaft, deren staatliche Institutionen kaum in der Lage sind, ihre Grundbedürfnisse zu sichern. Diese Misere ist auch eine Folge der jahrzehntelangen wirtschaftlichen Isolation, die durch die US-Sanktionen unter der Trump-Administration nochmals verschärft wurde. Dieselknappheit, Stromausfälle und eingeschränkter Transport treffen die Bevölkerung täglich. Zugleich hat sich die Rolle des Staates in der Versorgung zurückgezogen, während private Kleinbetriebe und informelle Märkte die Lücken füllen – zu Preisen, die für viele Rentner unerschwinglich sind. Die Unsicherheit betrifft nicht nur alltägliche Konsumgüter. Gesundheitliche Risiken, fehlende medizinische Versorgung und die Abhängigkeit von Unterstützung von außerhalb der Insel prägen den Alltag. Viele Familien versuchen, durch Geldsendungen aus dem Ausland oder durch private Initiativen die Defizite auszugleichen. Ein Beispiel ist der junge Kubaner Alfredo aus Madrid, der seine Eltern in Matanzas regelmäßig mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt, da diese auf ihrer kleinen Farm nicht ausreichend Zugang zu Medikamenten haben – trotz chronischer Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck. Die Resignation vieler Älterer zeigt sich in einem vorsichtigen Fatalismus. Ana Julia und Doris G. erkennen, dass das Überleben täglich neue Kreativität erfordert, gleichzeitig aber keine Aussicht auf grundsätzliche Verbesserung besteht. „Für eine Verbesserung des Lebens müssten so viele Dinge intern verändert werden“, sagt Ana Julia resigniert. Doris ergänzt: „Wir können nicht einfach aushalten und essen, was wir produzieren – was produzieren wir denn überhaupt?“ Das Leben der Rentner auf Kuba illustriert den Zusammenprall zwischen utopischem Versprechen und bitterer Realität. Generationen, die sich an die Ideale der Revolution hielten und das Land in schwierigen Zeiten stützten, stehen nun vor einem Alltag, der von Armut, Mangel und einer schleichenden Verzweiflung geprägt ist. Selbst einfache Lebensnotwendigkeiten – Lebensmittel, Transport, Medikamente – sind zu einem täglichen Hindernislauf geworden, der die Fragilität einer Gesellschaft offenbart, die wirtschaftlich, politisch und sozial stark belastet ist. Die Lebenswirklichkeit älterer Kubaner offenbart damit nicht nur die sozialen und wirtschaftlichen Versäumnisse der letzten Jahrzehnte, sondern auch die strukturelle Verwundbarkeit eines Systems, das die wachsende ältere Bevölkerung nicht ausreichend schützt. Ohne externe Unterstützung, kreatives Improvisieren und persönlichen Einsatz sind viele Rentner gezwungen, im Alltag permanent zwischen Mangel und Not zu balancieren – ein Zustand, der das gesamte gesellschaftliche Gefüge auf die Probe stellt.
Quelle: EL PAÍS (https://t1p.de/pc73v)
Autor: Leon Latozke
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