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Ein Machtkampf erschüttert die kubanische Freimaurerloge. Der Streit um die Legitimität der Führung hat nicht nur interne Spannungen offengelegt, sondern auch Fragen nach staatlicher Einflussnahme auf eine der ältesten zivilgesellschaftlichen Organisationen Kubas aufgeworfen.
Abbildung: Sandra Cohen-Rose and Colin Rose from Montreal, Canada, Grand Lodge of Cuba Globe, CC BY 2.0
In Havanna kommt es innerhalb der kubanischen Freimaurerei zu einem offenen Machtkampf, der die traditionsreiche Institution in eine tiefe Krise stürzt. Der Streit um die Führung der Großen Nationalen Loge offenbart nicht nur interne Spannungen, sondern wirft auch Fragen nach der Unabhängigkeit zivilgesellschaftlicher Organisationen im sozialistischen Einparteiensystem Kubas auf.
Am Sonntag vor einer Woche drang eine Gruppe von Freimaurern in das Hauptquartier der Loge im Zentrum Havannas ein, um eine Versammlung zu stören, die von einem umstrittenen Interimsleiter einberufen worden war. Videoaufnahmen der Aktion verbreiteten sich rasch über soziale Netzwerke. Der Vorfall markiert den bisherigen Höhepunkt eines Konflikts, der sich seit Monaten zuspitzt. Die kubanische Freimaurerei zählt rund 20.000 Mitglieder und gilt als eine der ältesten zivilgesellschaftlichen Vereinigungen des Landes. In der Vergangenheit trat sie öffentlich kaum in Erscheinung. Umso bemerkenswerter ist der aktuelle Konflikt, der sich zunehmend zu einem Politikum entwickelt. Auslöser der Krise war ein Vorfall im Jahr 2024. Damals beschuldigte der damalige Großmeister Mario Alberto Urquía Unbekannte, rund 19.000 US-Dollar aus den Kassen der Organisation entwendet zu haben. Infolge interner Spannungen legte Urquía sein Amt nieder. Kurz darauf wurde er festgenommen – mutmaßlich im Zusammenhang mit dem Diebstahl. An seiner Stelle wurde Mayker Filema Duarte zum Interimsleiter bestimmt. Doch dessen Ernennung stieß auf Widerstand. Kritiker warfen ihm vor, persönliche und politische Verbindungen zu seinem Vorgänger sowie zum Staatsapparat zu pflegen. Mehrere oppositionelle Mitglieder, die sich öffentlich gegen Filema Duarte ausgesprochen hatten, wurden nach Angaben unabhängiger Medien festgenommen. Beobachter werteten dies als möglichen Beleg für eine Einmischung staatlicher Stellen in die inneren Angelegenheiten der Loge. Ein Versuch, Filema Duarte im Mai 2025 durch eine interne Abstimmung abzusetzen, blieb wirkungslos: Obwohl sich eine Mehrheit gegen ihn aussprach, behielt er sein Amt. Das Justizministerium erklärte die Abwahl später für ungültig – unter Berufung auf formale Gründe. Ein weiterer Versuch, eine neue Führung zu etablieren, scheiterte ebenfalls. Der als Nachfolger gewählte Juan Alberto Kessel wurde vom Staat nicht anerkannt. Die Behörden erklärten die Wahl für ungültig und beriefen sich erneut auf Verfahrensmängel. Für viele Freimaurer war dies der Moment, an dem sich der Konflikt endgültig zuspitzte. Die Rede ist von einem „bürokratischen Staatsstreich“, der darauf abziele, die Organisation unter staatliche Kontrolle zu bringen. In der Freimaurerloge herrscht seitdem ein Zustand faktischer Spaltung. Während ein Teil der Mitglieder Kessel als legitimen Großmeister ansieht, hält sich Filema Duarte weiter im Amt – mit Rückendeckung der Regierung. Justizminister Óscar Manuel Silvera wies in einer Stellungnahme im staatlichen Fernsehen Vorwürfe zurück, der Staat greife in die Belange der Freimaurer ein. Die Spannungen seien ein internes Problem der Organisation, hieß es. Der Minister betonte zugleich die „Beziehungen des Respekts und der Nähe“ zwischen Regierung und Loge. Man habe in der Vergangenheit mehrfach Gespräche geführt – sowohl auf Initiative des Ministeriums als auch auf Wunsch der Freimaurer. Für Kritiker wie die unabhängige Journalistin Camila Acosta, die ein Buch über die kubanische Freimaurerei veröffentlicht hat, ist diese Darstellung nicht glaubwürdig. Sie spricht von einer „offensichtlichen staatlichen Einflussnahme“ und verweist unter anderem auf die Festnahme von Kessel – nur einen Tag vor dem gewaltsamen Zwischenfall im Hauptquartier der Loge. Dass sich der Staat überhaupt in einem derartigen Maß für die inneren Strukturen der Freimaurerei interessiert, erklärt Acosta mit deren gesellschaftlicher Reichweite: „Es gibt praktisch in jedem kubanischen Ort eine Loge. Wer Kontrolle über diese Struktur hat, besitzt Zugang zu einem landesweiten Netzwerk.“ Die kubanische Verfassung erkennt zivilgesellschaftliche Vereinigungen grundsätzlich an, stellt diese jedoch unter staatliche Aufsicht. In der Praxis werden die meisten Organisationen vom kommunistischen Einparteiensystem kontrolliert oder zumindest eng begleitet. Die Freimaurerei bildete bislang eine der wenigen Ausnahmen. Umso größer ist die Sorge unter Teilen der Mitgliedschaft, dass diese Autonomie nun dauerhaft verloren geht. Die Eskalation innerhalb der Loge könnte weitreichende Folgen für andere zivilgesellschaftliche Organisationen auf der Insel haben. Beobachter sehen in dem Vorgang ein Signal dafür, dass unabhängige Strukturen zunehmend unter Druck geraten – gerade dann, wenn sie über ein größeres Netzwerk und interne Organisationskraft verfügen. Ob es der Freimaurerei gelingt, ihre Unabhängigkeit zu bewahren, ist derzeit unklar. Klar ist hingegen: Der Konflikt hat die Bruderschaft gespalten – und ihre Sonderstellung in der kubanischen Gesellschaft in Frage gestellt.
Quelle: EFE (https://t1p.de/jzdec)
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Text: Leon Latozke
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