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10.05.2026 09:00 Uhr
Offizielle Daten zeigen: Kuba erlebt die schwerste Medikamentenkrise seiner Geschichte. 95 Prozent der Arzneimittel sind nicht verfügbar. Herzmedikamente, Diabetesmittel und einfache Schmerzmittel fehlen flächendeckend. Die Regierung wirbt stattdessen verstärkt für traditionelle Pflanzenheilkunde.
Abbildung: Sarang, BCA Farmacia Sabanilla, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
Die kubanische Gesundheitsversorgung steckt in einer tiefen Krise, die das öffentliche System praktisch lahmlegt. Nach offiziellen Daten der staatlichen Statistikbehörde ONEI lag die „Nichtverfügbarkeit“ von Arzneimitteln im April 2026 bei 95,1 Prozent – ein historischer Höchststand. Zum Vergleich: Mitte 2024 hatte das Gesundheitsministerium noch einen Mangel von „nur“ rund 70 Prozent der Basisarzneimittel eingeräumt. Die Regierung und die staatliche Pharmaholding BioCubaFarma führen die Krise vor allem auf fehlende Rohstoffe für die heimische Produktion zurück, die etwa 95 Prozent der Engpässe verursachen sollen. Hinzu kommen Devisenmangel, der den Einkauf auf dem Weltmarkt erschwert, sowie das US-Embargo, das laut offiziellen Angaben Banken dazu veranlasst, Zahlungen für medizinische Güter zu blockieren.
Die Folgen sind dramatisch: Unabhängige Berichte schätzen, dass bis zu 97 Prozent der Kubaner Medikamente nicht mehr über das staatliche System, sondern nur noch über informelle Märkte oder Spenden aus dem Ausland beziehen können. Der Mangel betrifft nahezu alle therapeutischen Bereiche, besonders hart sind jedoch chronisch Kranke und Patienten mit akuten Beschwerden. So fehlen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen Blutdrucksenker wie Enalapril, Atenolol, Propranolol und Amlodipin sowie Herzmedikamente wie Warfarin und Dinitrat Isosorbid. Für die rund eine Million Diabetiker in Kuba ist die Lage lebensbedrohlich: Sowohl kurz- als auch langwirksame Insuline sind oft nicht verfügbar, ebenso wie orale Antidiabetika wie Metformin und Glibenclamid. Antibiotika gelten als „dauerhaft fehlend“, selbst einfache Schmerzmittel wie Aspirin, Paracetamol oder Dipiron sind staatlich kaum zu bekommen. Auch Psychopharmaka wie Sertralin oder Medikamente zur Anfallskontrolle bei Epilepsie gehören zu den am häufigsten aus dem Ausland angefragten Hilfsgütern. Verhütungsmittel wie Antibabypillen oder Kondome sind in öffentlichen Apotheken fast vollständig verschwunden, ebenso wie Asthmasprays auf Salbutamol- oder Fluticasonbasis. Hinzu kommt ein Mangel an medizinischen Verbrauchsmaterialien – von Baumwollpaketen und Gazen über Spritzen bis hin zu Kathetern und Sanitärpads. Um diese Lücken zu überbrücken, haben sich in Kuba drei parallele Überlebensstrategien entwickelt. Der informelle Markt findet heute fast ausschließlich online statt, etwa über Telegram-Gruppen oder Platformen wie Revolico. Die Preise sind horrend: Ein einzelner Blister gängiger Schmerzmittel oder Antibiotika kostet auf dem Schwarzmarkt einen erheblichen Teil des monatlichen Durchschnittslohns, der bei etwa 4000 bis 5000 kubanischen Pesos liegt. Die Ware stammt meist aus Koffern von Reisenden aus den USA, Spanien oder Mexiko oder wird aus staatlichen Krankenhäusern entwendet. Das Risiko ist enorm, denn es gibt keinerlei Garantie für Echtheit, korrekte Lagerung oder das Verfallsdatum. Parallel dazu propagiert die Regierung verstärkt die sogenannte "Medicina Verde", die grüne Medizin. In staatlichen TV-Sendungen und der Zeitung Granma werden Rezepte für Sirupe aus Pflanzen wie Oregano oder Aloe Vera gegen Atemwegserkrankungen beworben. Ärzte sind oft gezwungen, pflanzliche Tinkturen zu verschreiben, weil schlicht keine chemischen Alternativen mehr im Schrank sind. Viele Patienten empfinden dies jedoch als gefährlichen Rückschritt, da Kräutertees schwere chronische Krankheiten wie Diabetes oder Herzinsuffizienz nicht heilen können. Die dritte Säule der Überlebensstrategie sind Solidaritätsnetzwerke. Unter Hashtags wie #DónaloCuba suchen Menschen verzweifelt nach Spendern für spezifische Medikamente, oft für Kinder oder Senioren. Der Tausch von Restbeständen in der Nachbarschaft ist mittlerweile Alltag, und die Versorgung hängt fast vollständig von Paketsendungen der Verwandten aus dem Ausland ab. Diese Situation hat längst zu einer gefährlichen Zwei-Klassen-Medizin geführt: Wer Verwandte im Ausland oder Devisen hat, kann überleben; wer nur auf den Staat angewiesen ist, bleibt unversorgt.
Quelle: Onei.Gob (https://is.gd/gLpFXs)
Autor: Leon Latozke
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