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02.10.2026 09:00 Uhr
Im Juli haben die USA so viel Treibstoff nach Kuba exportiert wie nie zuvor: mehr als 3,2 Millionen Barrel, überwiegend Diesel. Die Menge übersteigt sogar die Monatslieferungen Venezuelas zu Zeiten von Hugo Chávez.
Abbildung: Zu diesem Beitrag liegt kein Bildmaterial vor.
Kubas öffentlicher Verkehr liegt weitgehend still. Seit Mitte des Jahres fahren Züge von Havanna in den Osten des Landes nur noch alle 16 Tage, zuvor gab es drei Verbindungen pro Woche. Auch der staatliche Überlandbusverkehr wurde auf wenige Fahrten pro Woche reduziert. An den Haltestellen der Hauptstadt warten Menschen oft stundenlang, häufig vergeblich (Kuba im Stillstand: Treibstoffknappheit legt öffentlichen Verkehr lahm).
Gleichzeitig zeigen neue Handelsdaten aus Washington, dass im Juli so viel Treibstoff aus den USA auf die Insel kam wie nie zuvor. Beides passt nur scheinbar nicht zusammen. Rekordmonat Juli Die US-Energieinformationsbehörde (EIA) hat am Mittwoch (30.) neue Zahlen veröffentlicht. Danach exportierten die USA im Juli 3,222 Millionen Barrel Erdölprodukte nach Kuba, mit großem Abstand der höchste Wert seit Beginn der Lieferungen. Davon entfielen 2,654 Millionen Barrel auf Diesel, 554.000 auf Benzin, 12.000 auf Schmierstoffe und 2.000 auf sonstige Derivate. Diesel, der für Lastwagen, Busse, Maschinen und Stromaggregate gebraucht wird, machte damit mehr als 82 Prozent des Volumens aus. Der Sprung ist erheblich. Im Juni hatten die USA 778.000 Barrel geliefert, bereits ein Höchstwert für 2026. Der Juli lag rund 4,1-mal darüber. Im gesamten ersten Halbjahr waren 1,67 Millionen Barrel aus den USA eingetroffen. In einem einzigen Monat kam damit fast doppelt so viel Treibstoff auf die Insel wie in den sechs Monaten zuvor zusammen. Rechnerisch entspricht die Juli-Menge etwa einem Monat des kubanischen Gesamtbedarfs von rund 100.000 Barrel pro Tag. Von Februar bis Mai hatten die Importe zusammen nur für etwa neun Tage gereicht. Auch der Warenwert stieg. Kubanische Käufer erwarben im Juli US-Treibstoffe und Derivate für 61,1 Millionen Dollar, nach 47,8 Millionen im Juni. Für Januar bis Juli werden kumuliert rund 157 Millionen Dollar genannt. Im ersten Quartal hatte der Wert noch bei 11,6 Millionen Dollar gelegen. Ein Teil des Anstiegs geht allerdings auf die stark gestiegenen Dieselpreise zurück und nicht allein auf größere Mengen. Blockade für den Staat, Ausnahme für Private Hintergrund ist die US-Ölblockade. Nach dem Sturz des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro im Januar endeten die Lieferungen aus Venezuela und Mexiko. Mit einer Exekutivanordnung vom 29. Januar erklärte US-Präsident Donald Trump Kuba zur Bedrohung der nationalen Sicherheit und drohte Drittstaaten, die Öl auf die Insel liefern, mit Strafzöllen. Im Juni folgten Sanktionen gegen den Staatskonzern Unión Cuba-Petróleo (Cupet). Ein einzelner russische Tanker erreichte die Insel dennoch, die staatlichen Reserven liefen im Jahresverlauf aber wiederholt leer. Ausgenommen ist allein der Privatsektor. Seit Februar dürfen US-Firmen Treibstoff an private kubanische Unternehmen verkaufen. Havanna erlaubte zur selben Zeit erstmals privaten Firmen, Kraftstoff für den Eigenbedarf zu importieren. Bis Ende Juli erhielten fast 200 Unternehmen zudem Lizenzen für den Großhandel an andere Privatfirmen. Ein Teil dieses Treibstoffs landet auf dem Schwarzmarkt. Er wird aus Hinterzimmern und Privatwohnungen verkauft und über soziale Netzwerke beworben. Im Frühjahr erreichten die Preise zeitweise 10 Dollar pro Liter und gaben erst nach, als die Importmengen stiegen. Das staatliche Durchschnittsgehalt liegt bei umgerechnet rund 10 Dollar im Monat, für die große Mehrheit ist dieser Treibstoff also unerschwinglich. Wer ihn bezahlen kann, betreibt damit Generatoren, Privattaxis oder Restaurants. Eine Taxifahrt kostet dann ein Vielfaches des staatlichen Bustickets von 2 Pesos. Mehr als zu Chávez' Zeiten Der Vergleich mit früheren Partnern fällt deutlich aus. Für das vergangene Jahrzehnt lässt sich kein Monat finden, in dem Venezuela, Russland oder Mexiko allein mehr als 3,22 Millionen Barrel nach Kuba geschickt hätten. Venezuela lieferte 2016 noch rund 90.000 Barrel täglich, also etwa 2,7 Millionen pro Monat. Hinzu kommt ein qualitativer Unterschied. Ein Großteil der früheren Lieferungen bestand aus Rohöl, das in kubanischen Raffinerien erst verarbeitet werden musste. Die US-Exporte sind dagegen verbrauchsfertige Produkte. Der russische Tanker „Anatoly Kolodkin“, der Ende März mit rund 730.000 Barrel Rohöl in Matanzas anlegte, reichte nach Schätzungen für nur etwa 360.000 Barrel Diesel. Die Frage der Lagerung Die Zahlen werfen eine logistische Frage auf. Der kubanisch-amerikanische Energieexperte Jorge Piñón fragt, wer außer den Staatsunternehmen Cupet und Cimex überhaupt genug Tankkapazität habe, um 3,2 Millionen Barrel in einem Monat aufzunehmen. Eine Überschlagsrechnung zeigt die Dimension. In den ersten Monaten des Jahres kam der Treibstoff überwiegend in ISO-Tankcontainern mit je etwa 21.600 Litern auf Containerschiffen. Bis Ende März waren rund 200 solcher Tanks entladen worden. Die Juli-Menge entspricht rund 512 Millionen Litern, also umgerechnet etwa 23.700 ISO-Tanks. Das legt nahe, dass sich die Transportwege geändert haben. Ende Juli wurde berichtet, dass inzwischen auch kleinere Tankschiffe im Auftrag privater Importeure fahren. Eine Teilantwort liegt in der Infrastruktur selbst. Auch Treibstoff für Privatkunden muss über staatliche Häfen und Lagertanks laufen, die von sanktionierten Stellen kontrolliert werden. Private Importeure schließen dafür Dienstleistungsverträge; ein Havanner Berater beziffert die Gebühr auf etwa 11 US-Cent pro Liter. Einige staatliche Tankstellen, von denen der Staat bereits einen Teil an Privatfirmen verpachtet, lagern US-Treibstoff, den sie nur an Fahrzeuge registrierter Privatfirmen abgeben dürfen. Hinweise auf eine Abzweigung an den Staat gibt es bislang nicht, eine Kontrolle allerdings auch nicht. Auf dem Papier sehe das gut aus, sagt Piñón, doch niemand überwache, ob die Auflagen eingehalten würden. Damit berührt die Frage einen der intransparentesten Bereiche des neuen Geschäfts. Washington erlaubt Treibstoffverkäufe ausschließlich an Kubas Privatsektor, auf Grundlage der Ausnahmeregel „Support for the Cuban People“ des US-Handelsministeriums. Cupet steht seit dem 11. Juni auf der Sanktionsliste des Office of Foreign Assets Control (OFAC). Das Problem war schon früher sichtbar geworden. Das in Florida ansässige Unternehmen Vanguard Energy wollte rund 250.000 Barrel Benzin und Diesel liefern und hatte nach eigenen Angaben Tanks von Cupet angemietet. Der Treibstoff sei ausschließlich für private Kunden bestimmt. Nach den Sanktionen gegen Cupet wurde das Vorhaben gestoppt. Das US-Außenministerium bestritt zudem, dass das Unternehmen überhaupt eine Exportlizenz besitze. Einer Recherche zufolge stehen außerdem einige der zum Import berechtigten Firmen dem Staat oder der Familie Castro nahe. USA werden wichtigster Lieferant Der Treibstoffboom ist Teil einer größeren Verschiebung. Von Januar bis Juli exportierten die USA laut Census Bureau Waren im Wert von 674 Millionen Dollar nach Kuba, 61,8 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum (416,5 Millionen). Allein im Juli waren es 148,9 Millionen Dollar, der höchste Monatswert seit Beginn der Erfassung 1992. Damit sind die USA in drei Jahren vom zehnten Platz zum wichtigsten Lieferanten Kubas aufgestiegen, vor Spanien und China. Der Handel verläuft nahezu einseitig. Im selben Zeitraum importierten die USA kubanische Waren im Wert von nur rund 515.000 Dollar, überwiegend Kunst und Antiquitäten. Widersprüche in Havanna Die Daten stehen im Kontrast zu Aussagen der kubanischen Führung. Staatschef Miguel Díaz-Canel sagte am 23. September in der ersten Ausgabe seiner Radiosendung „Criterio Compartido“, seit neun Monaten sei kein Treibstoffschiff mehr angekommen. Damit erklärte er die Probleme der Wirtschaft und der öffentlichen Dienste. Die Ankunft der „Anatoly Kolodkin“ im März erwähnte er nicht. Möglicherweise bezog er sich nur auf Lieferungen an den Staatssektor; ausdrücklich gesagt hat er das nicht. Außenhandelsminister Óscar Pérez-Oliva Fraga kritisierte am Dienstag erneut die US-Politik, Treibstoff nur an den Privatsektor zu verkaufen. Washington wolle eine wirtschaftliche Abhängigkeit schaffen und US-Firmen zulasten der traditionellen Partner Havannas bevorzugen. In diesem Punkt scheinen ihm die Zahlen recht zu geben. Auch unabhängige Ökonomen sehen eine wachsende Abhängigkeit, vor allem im Energiesektor. Der Ökonom Daniel Torralbas hält den US-Markt inzwischen für grundlegend für Kubas Energieversorgung. Er stellt aber infrage, wie stimmig es sei, private Unternehmen zu stärken, während die allgemeinen Treibstoffbeschränkungen bestehen bleiben. Zugleich setzt Havanna mit seinem Reformpaket selbst stärker auf den Privatsektor. Für die große Mehrheit der Kubaner ändern die Rekordzahlen wenig. Die Soziologin Mayra Espina sagt, die US-Importe hätten dem Land zwar einen völligen Stillstand erspart. Für alle, die auf öffentliche Dienste angewiesen seien, verschärften sie aber die Ungleichheit. Der Treibstoff ist da. Er fließt nur an jenen vorbei, die an den Haltestellen warten. Autor: Leon Latozke
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